Full text: Neoliberale Union oder soziales Europa? (20)

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2 VERBREITUNG UND DYNAMIK ATYPISCHER BESCHÄFTIGUNGSFORMEN
Ungeachtet der soeben dargelegten unterschiedlichen Definitionen, Datensätze und Metho-
den lassen sich europaweit in der Literatur zweifelsohne Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt 
erkennen. In einigen EU-Ländern steigt der Anteil der atypisch Beschäftigten kontinuierlich 
an, in anderen Ländern ist zumindest in manchen Segmenten ein Anstieg der atypisch Be-
schäftigten bzw. eine Änderung in der Struktur der Gruppe der atypisch Beschäftigten zu 
erkennen. Allerdings gibt es starke Unterschiede in den Verbreitungsgraden der unter-
schiedlichen Beschäftigungsformen. Allmendinger et al. (2012) bestätigen in ihrer umfang-
reichen Analyse zur Verbreitung und Struktur atypischer Beschäftigungsformen für die Län-
der der EU diese immensen Unterschiede. Diese sind freilich nicht neu, da die Arbeitsmärk-
te in Europa schon immer unterschiedlich waren, was auf das Zusammenspiel zahlreicher 
Faktoren wie insbesondere die Intensität der arbeitsrechtlichen Regulierung, die Rolle der 
Gewerkschaften und die Bedeutung von Kollektivverträgen, die Wirtschaftsstruktur, die Ge-
schlechterverhältnisse und das Familienbild zurückzuführen ist. 
Zwischen 1996 und 2009 finden sie allerdings wider Erwarten keinen allgemeinen Trend hin 
zu einer generellen Flexibilisierung: 
„In allen untersuchten Ländern kam es – mit Ausnahme von Polen, Rumänien und 
Tschechien – zwischen 1996 und 2009 zu einem Anstieg der Erwerbstätigkeit. Der 
ist aber nicht überall auf eine Ausbreitung atypischer Beschäftigungsverhältnisse 
zurückzuführen. In Ländern wie Deutschland, Österreich, den Niederlanden und Ita-
lien stieg die atypische Beschäftigung im Betrachtungszeitraum zwischen 8 und 15 
Prozentpunkte. Dagegen änderte sich der Anteil an Nichtstandardarbeitsverhältnis-
sen in den skandinavischen Ländern wie auch in Belgien, Frankreich, Großbritanni-
en, Tschechien, Spanien, Griechenland und Ungarn im Vergleich zum Ausgangsni-
veau Mitte der 1990er Jahre nur unwesentlich.“ (Allmendinger et al. 2012, 2 f.)
Jüngere Studien verdeutlichen, dass sich in einigen Ländern der Anteil der atypisch Be-
schäftigten seit der Finanz- und Wirtschaftskrise auf hohem Niveau verfestigt hat – etwa in 
Deutschland, Polen oder Schweden –, in anderen Ländern ist der Anstieg hingegen immens. 
Laut Schulze Buschoff (2016, 10) zeigt sich im Zeitraum zwischen 2006 und 2014 in 20 der 
28 EU-Mitgliedstaaten eine Zunahme der atypisch Beschäftigten. Im krisengebeutelten 
Griechenland ist der Anteil der atypisch Beschäftigten um 7 Prozentpunkte von rund 31 auf 
38 % gewachsen. Insgesamt arbeiteten im EU-28-Durchschnitt 2014 bereits 36,4 % der 
Erwerbstätigen atypisch. Im Vergleich zu 2006 ist das ein leichter Anstieg um 1,4 Prozent-
punkte (vgl. ebd.). 
Während in den Niederlanden der Anteil der Personen in atypischer Beschäftigung über 
60 % beträgt, liegt er beim Schlusslicht Bulgarien bei nicht einmal 14 %. 
Ein Blick in die Struktur der Gruppe der atypisch Beschäftigten hilft zum Teil, unterschiedli-
che Ausprägungen in der Zusammensetzung atypischer Beschäftigung in den einzelnen 
Ländern zu erkennen. Länder mit einem hohen Anteil an atypisch Beschäftigten weisen 
bisweilen zugleich auch einen hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigten auf. In den Niederlanden 
ist Teilzeitarbeit mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme (vgl. Schulze Buschoff 2016, 
12). In Spanien sowie in Polen ist der hohe Anteil an atypisch Beschäftigten vor allem auf die
        

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