Full text: Europäischer Pakt für sozialen Fortschritt

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Köcher haben. Sie können die Regulierung erstens auf der Basis ihrer verfassungsrechtlichen 
Grundrechte angreifen, sie können sie zweitens auf der Basis der missverstandenen 
Marktfreiheiten angreifen. Finden sie vor dem Verfassungsgericht kein Gehör, dringen sie 
vielleicht beim EuGH durch.55 
Es kommt hinzu, dass der EuGH zwar eine grundrechtsartige Prüfung durchführt, bei der 
Beurteilung von Eignung und Erforderlichkeit aber besondere Strenge an den Tag legt.56 
Diese Problematik macht sich, anders als beim Beschränkungstatbestand, insgesamt nicht an 
einer rechtlichen Konzeption von Eignung oder Erforderlichkeit fest. Es liegt an ihrer 
Handhabung im einzelnen Fall. Die Problematik lässt sich darum hier nicht ausbreiten, ohne 
den Rahmen dieser Studie zu sprengen. Festzuhalten ist allerdings, dass kein Fall bekannt ist, 
in dem eine Regelung, die vor dem EuGH Bestand gehabt hätte, später wegen Verstoßes 
gegen unternehmerische Grundrechte vor einem Verfassungsgericht zu Fall gekommen 
wäre. Dies spricht dafür, dass die Prüfung von Eignung und Erforderlichkeit seitens des EuGH 
in der Tendenz strenger ausfällt, als die der mitgliedstaatlichen Verfassungsgerichte. 
Durchaus von konzeptioneller Natur ist allerdings der Aspekt, dass der EuGH immer wieder 
hohe Anforderungen an die Kohärenz mitgliedstaatlicher Regulierung stellt. Das bedeutet: 
Eine Regelung mag für sich genommen erforderlich scheinen; gleichwohl besteht sie die 
Rechtfertigungsanforderung nicht, wenn das mit ihr konkret verfolgte 
Allgemeinwohlinteresse weitere Regelungen nahelegt, die der Mitgliedstaat aber eben nicht 
erlassen hat.57 Das erscheint ausgesprochen problematisch: im Rahmen demokratischer 
Gesetzgebung beruht Regulierung natürlich bisweilen auf inkohärenten Kompromissen. 
Inkohärenz kann weiterhin durch eine föderale Struktur erzwungen sein kann oder sie mag 
schlicht von der Unvollkommenheit eines Gesetzgebers herrühren, der nicht immer alles auf 
einmal im Blick haben kann. All das vermag der EuGH jedoch nicht anzuerkennen, so dass in 
all diesen Konstellationen auch eine an sich erforderliche Regelung fallen muss. 
                                                            
55 Das Paradebeispiel liefert der Fall Rüffert (EuGH, Urteil vom 3. April 2008, Rüffert, C?346/06, C:2008:189): 
Nachdem das Bundesverfassungsgericht einer Regelung vergaberechtlicher Tariftreue des Landes Berlin im Juli 
2006 für verfassungskonform befunden hatte, brachte der EuGH eine entsprechende Regelung des Landes 
Niedersachsen im April 2008 aufgrund einer angeblichen Verletzung der Dienstleistungsfreiheit zu Fall. 
56 Vgl. Thorsten Kingreen, in: Callies / Ruffert (Hrsg.), EUV/AEUV, 2016, Art. 36 AEUV Rn. 93; Stefan Leible / 
Thomas Streinz, in: Grabitz / Hilf / Nettesheim (Hrsg.), Das Recht der Europäischen Union, 2017, Art. 34 AEUV, 
Rn. 123 ff.; Werner Schroeder, in: Streinz (Hrsg.), EUV/AEUV, 2012, Art. 36 AEUV Rn. 55. 
57 Breiter bekannt aus den Urteilen zur Glücksspielregulierung: EuGH, Urteil vom 8. September 2010, Rs. C.?
46/08, Carmen Media, EU:C:2010:505; EuGH, Urteil vom 8. September 2010, Rs. C?316/97, Markus Stoß, 
EU:2010:504. 
        

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