Full text: Europäischer Pakt für sozialen Fortschritt

   3
A. Wesentliche Ergebnisse   
 
? Die rechtliche Verfassung des Binnenmarkts der Europäischen Union weist heute eine 
liberalistische  Voreinstellung  auf.  Sie  bringt  die  Verwirklichung  von 
Gemeinwohlzwecken  und  sozialem  Ausgleich  in  immer  größere  Schwierigkeiten. 
Entsprechende  mitgliedstaatliche  Regelungen  müssen  immer  strengeren 
Anforderungen gerecht werden, die sich aus den sog. Marktfreiheiten ergeben sollen, 
auch  wenn  hinter  den  mitgliedstaatlichen  Regelungen  keine  protektionistischen 
Absichten stehen. 
 
? Ursache  dafür  ist,  dass  der  Europäische  Gerichtshof  die  Marktfreiheiten  als 
Unternehmergrundrechte  konzipiert  hat,  die  sich  von  Unionsebene  aus  parteilich 
zulasten  von  Gemeinwohl  und  sozialem  Ausgleich  auswirken.  Die  Folgen  wiegen 
besonders  schwer  im  Bereich  des  sozialen  Ausgleichs  durch  mitgliedstaatliches 
Arbeits?  und  Sozialrecht,  weil  die  Union  den  Verlust  mitgliedstaatlicher 
Regelungsmöglichkeiten  wegen  fehlender  Kompetenz  in  diesem  Bereich  und  aus 
Gründen politischer Uneinigkeit nicht durch eigene Gesetzgebung ausgleichen kann. 
 
? Hinzu tritt das fehlende Verständnis des Europäischen Gerichtshofes, aber auch des 
Unionsgesetzgebers,  für  die  Bedeutung  des  Grundsatzes  territorialer 
Arbeitskostengleichheit  („gleicher  Lohn  für  gleiche  Arbeit  am  gleichen  Ort“).  Seine 
Verwirklichung  ist  Voraussetzung  einerseits  dafür,  mitgliedstaatliche 
Sozialstaatlichkeit  im  Rahmen  einer  suprastaatlichen  Binnenmarktverfassung  zu 
wahren,  und  andererseits  dafür,  dass  sich  die  Arbeitnehmer  in  der  Union 
untereinander  nicht  in  erster  Linie  als  existenzbedrohliche  Lohnkonkurrenten 
wahrnehmen. Der Grundsatz territorialer Arbeitskostengleichheit wiederum verlangt 
eine Autonomie der mitgliedstaatlichen Arbeits? und Sozialverfassung gegenüber den 
Marktfreiheiten,  welcher  heute  nicht  nur  die  verfehlte  Konzeption  der 
Marktfreiheiten,  sondern  auch  sekundärrechtliche  Normen  der  Union 
entgegenstehen, namentlich die Richtlinie zur Entsendearbeit und die Verordnung zur 
Koordinierung der Systeme sozialer Sicherheit. 
 
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.