Full text: Europäischer Pakt für sozialen Fortschritt

   52 Volle Arbeitskostengleichheit sieht das Unionsrecht also erst für Entsendungen von einer  Dauer von mehr als 24 Monaten vor, ein Fall der eigentlich nie vorkommt.110 Nach zwölf  Monaten soll nun Gleichheit hinsichtlich der Arbeitsbedingungen im engen Sinn eintreten,  auch solche Entsendungen sind sehr selten. Bis zu einer Entsendezeit von zwölf Monaten gilt  nur ein Ausschnitt der Arbeitsbedingungen des Gastlandes (vgl. Art. 3 der  Entsenderichtlinie).  So enthält die Entsenderichtlinie zwar Vorschriften, die den transnationalen  Arbeitskostenwettbewerb mildern. Die – von der Kommission intendierte und vom EuGH  bestätigte – regulatorische Pointe der Entsenderichtlinie besteht allerdings darin, dass die  Mitgliedstaaten über die darin enthaltenen Vorgaben zur Erstreckung von  Arbeitsbedingungen auf Entsendearbeit nicht hinausgehen dürfen.111  Ein weiterer Mangel des geltenden Entsenderecht besteht in den Schwierigkeiten der  Kontrolle, ob die ausländischen Unternehmen die inländischen Arbeitsbedingungen nicht  nur auf dem Papier, sondern tatsächlich gewähren. Diesem Problem sollte durch einen  weiteren Gesetzgebungsakt abgeholfen werden, die sogenannte Durchsetzungsrichtlinie.112  Der Kommissionspräsident Juncker beurteilt die Leistungsfähigkeit der Richtlinie  anscheinend kritisch, insofern er nunmehr vom bisherigen Ansatz einer Kooperation der  Mitgliedstaaten Abstand nehmen will und stattdessen für die Einrichtung einer  Kontrollbehörde auf Unionsebene wirbt.113  Man könnte vor diesem Hintergrund also für die Verwirklichung des Prinzips territorialer  Arbeitskostengleichheit auf den Unionsgesetzgeber setzen wollen. Jedoch sind die  Aussichten für eine Rechtssetzung, die den Grundsatz territorialer Arbeitskostengleichheit  tatsächlich weitgehend verwirklicht, ausgesprochen schlecht. Denn zu groß erscheint auch  hier die Interessendivergenz zwischen den Mitgliedstaaten: Die Niedriglohnstaaten bestehen  auf ihren Kostenvorteilen und behaupten deren Ausbeutung als eine Möglichkeit, die ihnen                                                               110 Die durchschnittliche Entsendedauer lag 2014 bei 103 Tagen. In Deutschland betrug der Entsendezeitraum  im Baugewerbe in 90 % aller Fälle weniger als 6 Monaten, in Österreich dauern nur 4?5 % der Entsendungen  mehr als ein Jahr; dazu Europäische Kommission, Arbeitsunterlage der Kommissionsdienststellen,  Folgenabschätzung, Begleitunterlage zum Vorschlag zur Änderung der Entsenderichtlinie, S. 39, SWD (2016), 52  final vom 08.03.2016 (in Englisch).  111 Dazu ausführlich unten E.III.  112 Richtlinie 2014/67/EU; kritische Einschätzung bei Constanze Janda, Die Durchsetzung der Rechte entsandter  Arbeitnehmer, in: Soziales Recht 2016, S. 1 ff.  113 Präsident Jean?Claude Juncker, Rede zur Lage der Union 2017 vom 13. September 2017,  http://europa.eu/rapid/press?release_SPEECH?17?3165_de.htm .. 

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