Full text: Solidarität - Jänner 1953, Heft 181 (181)

(Fortsetzung von Seite 1) Zum Jahreswechsel Setzung schon erwachsen sind und noch immer entstehen. Im neuen Jahr drückt uns vor allem die Sorge um das Schicksal von ungefähr zweihunderttausend Arbeitslosen und deren Familien. Kann man diese Menschen ein¬ fach ihrem Schicksal überlassen? Abgesehen von dem Umstand, daß sich eine so verarmte Volkswirt¬ schaft, wie es die österreichische ist, meiner Meinung nach den Luxus nicht leisten kann, Hundert¬ tausende von arbeitswilligen und arbeitsfähigen Menschen nicht zu beschäftigen, muß auch um der Arbeitslosen selbst willen eine Möglichkeit gefunden werden, diese ehestens wieder in den Pro¬ duktionsprozeß einzuschalten. Man unterschätze auch die politischen Gefahren nicht, die unserer Re¬ publik aus einer dauernden Mas¬ senarbeitslosigkeit erwachsen! Die Frage der Arbeitsbeschaf¬ fung wird gelöst werden müssen, wenn wir unserem Staat auch in Zukunft eine geordnete Ent¬ wicklung sichern wollen! Gewiß, die Schaffung der hiefür erforderlichen Mittel wird noch manche Sorge bereiten, aber wenn sich einmal die Erkenntnis der Notwendigkeit der Arbeitsbeschaf¬ fung durchgesetzt hat, so wird auch für die Beistellung der finan¬ ziellen Mittel ein Weg gefunden werdeB-körrrrFfT Ijier vorzusorgen, wird wohl die dringendste Auf¬ gabe aller verantwortlichen Fak¬ toren im kommenden Jahr sein! Ein brennendes Problem unserer Wirtschaft ist die Frage der Produktivitätssteigerung Infolge der geringen Produkti¬ vität ist unser lebensnotwendiger Export gefährdet und die Kosten der Lebenshaltung sind höher als sie sein müßten. Der Gewerkschaftsbund erkennt die Notwendigkeit der Produktivi¬ tätssteigerung, aber er ist sich auch der Tatsache bewußt, daß es erforderlich ist, die Früchte der Produktivitätssteigerung vor allem der Volksgemeinschaft zu sichern. Nicht erhöhte oder zumindest nicht ausschließlich erhöhte Profite, son¬ dern billige Preise sollen das Resultat der Produktivitätssteige¬ rung sein. Damit fördern wir den Export und erhöhen zugleich auch den Lebensstandard der arbeiten¬ den Menschen. Wir steigern da¬ durch den Konsum und schaffen neue Arbeitsgelegenheiten. Um dieses Ziel zu sichern, ist das Mitspracherecht der Ge¬ werkschaften bei allen Ma߬ nahmen, welche der Produkti¬ vitätssteigerung und der Ver¬ wendung der aus ihr resultieren¬ den Gewinne eine allgemeine Fröhliche Weihnachten! Aus Ungarn erreicht uns die Nach¬ richt, daß „auf Wunsch der Arbeiter¬ schaft" der z weiteWeihnacht s- feiertag abgeschafft worden sei. In der Tschechoslowakei wurde schon im Jahre 1951 keine Weih¬ nachtsremuneration mehr ausbezahlt und in Ostdeutschland mußte man diesmal darauf verzichten. Alles natürlich „auf Wunsch der Arbeiter¬ schaft", die sich in den Volksdemo¬ kratien nichts sehnlicher wünscht, als möglichst viel schuften zu dürfen und möglichst wenig Geld dafür nehmen zu müssen. volkswirtschaftliche Notwendig¬ keit. Unsere Herren „Wirtschafts¬ führer'' werden sich dazu beque¬ men müssen, ihren alten, über¬ lebten Standpunkt, „Herr im Haus" zu sein, aufzugeben! Die Arbeiter und Angestellten sind zumindest ein ebenso wichtiger Wirtschafts¬ faktor als sie und deshalb werden sie bei der Ausgestaltung der Be¬ triebe ihr Mitspracherecht geltend machen! Es wird aber auch dem Ausbau der Sozialpolitik alle Aufmerksamkeit zuzuwenden sein. Vor allem gilt es, die Exi¬ stenz der Renteninstitute zu sichern und die Hunderttausende von Alters-, Invaliden-, Witwen- und Waisenrentnern der Sorge um den ungeschmälerten Weüer- bezug ihrer Renten zu ent¬ heben, und letzten Endes ist auch die Novellierung des Anti¬ terrorgesetzes nach der vom Gewerkschaftsbund gewünschten Richtung hin eine unabweisliche Notwendigkeit geworden. Die Herren der Bundeswirtschafts¬ kammer werden trotz aller Sophi¬ sterei nicht imstande sein, die Tat¬ sache, daß das Antiterrorgesetz in Das klingt wie ein spätes Echo, denn im Mai 1952, als sie die Mög¬ lichkeit gehabt hätte, im Einverständ¬ nis und unter MITwirkimg der Ge¬ werkschaften und Betriebsräte das Problem der Produktivitätssteigerung zu lösen, da haben weder die Bundes¬ kammer der gewerblichen Wirtschaft noch die Vereinigung österreichischer Industrieller Lust gehabt, im Interesse der bestimmt notwendigen Produk¬ tionssteigerung etwas „durchzufüh¬ ren" noch „einzuleiten". Man hat zu allen Bemühungen der Gewerkschaften und d-es Produk¬ tivitätszentrums trotzig geschwie¬ gen. Rationalisierungsmallnahmen unter Kontrolle der Gewerkschaf¬ ten? Nicht daran zu den¬ ken! So was macht man in eige¬ ner Regie! Man erinnert sich ja noch an die Zeit vor der großen Wirtschaftskrise in der ersten Repu¬ blik; da konnte man lustig drauflos rationalisieren — bis jeder Dritte arbeitslos war. Wir kennen diese lockende Melo¬ die, die nun neuerlich aus der Bundes¬ wirtschaftskammer ertönt. . . Produktivitätssteigerung? Ja! Aber im Einvernehmen mit den seiner jetzigen Fassung ein Aus¬ nahmegesetz gegen die Gewerk¬ schaften ist, nicht aus der Welt schaffen können. Das Gesetz muß und wird geändert werden! Es wäre gewiß wünschens¬ wert, daß die Herren unserer Industrie und der Handelskam¬ mern so viel Einsicht aufbrin¬ gen, um diese notwendige Ma߬ nahme kampflos durchzuführen. Sollte es aber an dieser Einsicht fehlen, so ist der Gewerkschaffs¬ bund entschlossen, mit gewerk¬ schaftlichen Mitteln entspre¬ chend nachzuhelfen! Eine Fülle neuer Aufgaben liegt auch im kommenden Jahr vor uns, sie werden gelöst werden müssen im Interesse des ganzen österrei¬ chischen Volkes! Je früher und je reibungsloser sie gelöst werden können, desto besser für die All¬ gemeinheit. Der Gewerkschafts¬ bund ist willens, so wie in der Vergangenheit auch im kommen¬ den Jahr das Seine dazu beizu¬ tragen. Hoffen wir, daß auch die übrigen Wirtschaftsfaktoren das gleiche Verständnis für die Not¬ wendigkeiten unseres Volkes auf¬ bringen! Gewerkschaften und den Betriebsräten. Denn jede Stei¬ gerung der Produktivität ist nur dann von Nutzen, wenn sie mit einer Ver¬ billigung der Erzeugnisse verbunden ist und damit erhöhten Export und Vollbeschäftigung garantiert. Rationalisierungsmaßnahmen? Ja! Aber nur, wenn die Ergebnisse der erhöhten Produktivität auch der All¬ gemeinheit und den Arbeitnehmern zugute kommen, und wenn unter Pro¬ duktivitätssteigerung nicht Ausbeu¬ tung und Außerachtlassung der not¬ wendigen Sicherheitsvorkehrungen bei der Arbeit verstanden werden. Die Arbeiter und Angestellten haben kein richtiges Vertrauen mehr zu den Rationalisierungsaposteln aus industriellen Kreisen. Deswegen ist und bleibt die Forderung des öster¬ reichischen Gewerkschaftsbundes im Interesse der Allgemeinheit und ihrer Mitglieder: Gleichberechtigte Mitarbeit bei der Produktivitätssteigerung. An dieser Tatsache ändern auch die Fanfaren aus der Bundeswirt¬ schaftskammer nichts und wenn sie noch so verlockend oder drohend klingen. U/okUi itH fasdiih# ? Natürlich wieder zu lBcJI " m am Samstag, den 7. Februar 1953, in allen Söien des Wiener Konzerthauses, Wien, III., Lothringerstraße 20. Beginn 21,00 Uhr Ende 5,00 Uhr früh Es spielen: Das große Ballorchester Eduard Macku, Charly Kaufmann mit seinem großen Tanzorchester, Othmar Rauscher mit seinem Orchester, eine original Bauernkcpelle, Tanzkapelle Leo Wentl, die fünf Har¬ monias. — Barmusik, Schrammelmusik. — Kabarett- einlagcn beliebter Künstler. Zahlreiche Überraschun¬ gen. — Unter den Besuchern wird ein Motorroller (Marke Löhner) verlost. Jede Eintrittskarte gilt als Los! Heuer nur e i n Ball! Der Kartenvorverkauf hat be¬ reits begonnen! Sichern Sie sich Ihre Karten rechtzeiiig! Karten zum Preise von S 25,— sind im Verlag des österrei¬ chischen Gewerkschaftsbundes, Wien, I., Hohenstaufengasse 10, 2. Stock, Telephon A 16-5-80, Klappe 371, sowie in allen Gewerkschattssekretariaten er¬ hältlich. Warnung! Die Bundeswirtschaftskammer gibt der Öffentlichkeit kund und zu wissen, daß sie eine große Propagandaaktion durchführen will und Ma߬ nahmen einleiten wird, um eine Steigerung der Produktivität in den Betrieben zu erzielen. UriWdieiäk Kultur nur für Besitzende? In einem Wiener Kino wird gegen¬ wärtig der schon lange erwartete amerikanische Farbfilm „Vom Winde verweht" gezeigt. Dieser Film, der fast vier Stunden lang in einer ge¬ radezu atemberaubenden Spannung vor dem Zuschauer abläuft, ist eine große Kulturleisiung. Während normale Eintrittskarten zwischen 2,80 und 5,70 Schilling kosten, verlangt die amerikanische Verleihfirma Metro-Goidwyn-Mayer bei diesem Film Eintriltspreise von 10 bis 25 Schilling! Die doppelte Länge des Fiims hätte nur doppelte Eintriltspreise gerechtfertigt, keines¬ wegs aber eine derartige Erhöhung. Der Film wurde bereits 1939 ge¬ dreht, doch durfte er im Dritten Reich nicht aufgeführt werden. Nun aber wurde die Hitlerdiktatur abgelöst durch ein Diktat der Preistreiber, das es dem arbeitenden Menschen ebenso unmöglich macht, diesen kulturell wertvollen Film zu sehen. Fadenscheinige,,überparfeilichkelt“ In zahlreichen österreichischen Kinos war in den letzten Wochen ein Werbefilm des österreichischen Ge- werkschaiisbundes zu sehen. Dieser Film hat allgemein Anklang gefunden und hat vielen arbeitenden Menschen anschaulich und leicht faßlich vor Augen geführt, welchen Wert ihre ge¬ werkschaftliche Organisation hat und wie notwendig es ist, der Gewerk¬ schaft als Mitglied anzugehören. Es muß daher großes Befremden er¬ regen, daß sich in Vorarlberg fünf Kinobesitzer geweigert haben, diesen Werbefilm, natürlich gegen entsprechende Bezahlung, vorzufüh¬ ren. Sie berufen sich bei ihrer unver¬ ständlichen Weigerung auf einen ein¬ stimmigen Beschluß der Vorarlberger Kinobesitzer, keinerlei Filme „politi¬ schen Charakters" voriühren zu lassen. Man hängt sich also das faden¬ scheinige Mäntelchen der „Uberpartei¬ lichkeit" und politischen „Unab¬ hängigkeit" um und betreibt auf diese Weise erst recht eine reaktionäre Politik — gegen die überparteiliche Interessenvertretung der österreichi¬ schen Arbeiter und Angestellten. Eine üble Neujahrsbotschalt Unter Berufung auf den Ablauf eines Teiles des Paragraphen 5 des Zollüber¬ leitungsgesetzes hat der Finanzminister für eine große Zahl von Waren mit Wir¬ kung vom 1. Jänner 1953 die bestehende Zollfreiheit bzw. Zollermäßigung ganz oder teilweise aufgehoben. Belastet werden Zucker, Eier, Obst, Gemüse, Gewürze, Textilien, Leder, chemische Produkte und viele andere Erzeugnisse. Der Staatshaushalt wird hiedurch gün¬ stigstenfalls Mehreinnahmen von 100 Mil¬ lionen Schilling erzielen, aber die üblen Folgen für die Volkswirtschaft werden ganz unverhältnismäßig größer sein. Durch die Aufrechnung der Handelsspannen auf die neuen Einstandspreise werden die Konsumenten mehr als 100 Millionen Schilling mehr bezahlen müssen. Durch die Erhöhung des Preisniveaus von Importlebensmitteln und importierten Industrieprodukten wird die österrei¬ chische Landwirtschaft und die öster¬ reichische Industrie in die Lage versetzt, ihre Preise ebenfalls auf dieses Niveau hinaufzutreiben. Es ist zu erwarten, daß die Handels¬ partner Österreichs auf diese überfalls¬ artige Zollerhöhung mit für uns sehr empfindlichen Gegenmaßnahmen antworten werden, die Zollerhöhung wird die Sub¬ ventionsmöglichkeit, die die Importeure von weniger lebenswichtigen Waren Exporteuren lohnintensiver Waren bieten, verkleinern, damit den Export dieser lohnintensiven Waren herabsetzen und die Beschäfligungsmöglichkeit verringern. Schließlich wird die USIA, die sich der Zollbelastung entziehen kann, den Haupt¬ profit an der ganzen Zollerhöhung haben. SOLIDARITÄT Nr. 181 Seite 3

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