Full text: Solidarität - Februar 1953, Heft 183 (183)

Die Arbeitslosigkeit liegt wie ein dunkler Schatten über Österreichs gesamtem Wirt¬ schaftsleben. Sie läßt auch jene nicht mehr gleichgültig durch den Tag gehen, deren Arbeitsplatz heute noch gesichert erscheint. Und sie wird auch — wenn man sie nicht wirkungsvoll bekämpft — sehr bald jene aus ihrer Lethargie erwecken, die die Arbeitslosig¬ keit in Österreich aus durchsichtigen Motiven immer noch zu bagatellisieren versuchen Es gibt Politiker, Wirtschafts- und Finanz¬ fachleute, die mit den Arbeitslosenzahlen jonglieren wie mit Geldbeträgen und die durch kühne Berechnungen und an den Haaren herbeigezogene Vergleiche mit anderen Län¬ dern beweisen wollen, daß Österreichs Ar- bsitslosenziffer „normal" sei und ihren wirt¬ schaftlichen Berechnungen entspräche. Man soll nicht so ein „Geseres" machen mit den Arbeitslosen, hat kürzlich einer die¬ ser „Experten" gesagt, aber 300.000 Arbeits¬ lose sind zuviel für zwei Millionen Arbei¬ tende, außerdem kann man doch eine Ar- In der Thaliastraße im IG. Bezirk in Wien wälzt sich jeden Wochentag ein endloser Menschenstrom zu dem Gebäude des Arbeits¬ amtes, in dem wöchentlich allein 65.000 Ar¬ beitslose ihre Unterstützung holen. Vielleicht könnten jene, die die Rettung der österrei¬ chischen Wirtschaft in der Kürzung der staat- liqhen Investitionen und Einschränkung der öffentlichen Bautätigkeit sehen, diesem Ge¬ bäude einmal einen Besuch abstatten. Viel¬ leicht käme ihnen dann zum Bewußtsein, wie ernst es dem österreichischen Gewerkschafts¬ bund und den Arbeiterkammern um die Ver- beitslosenzahl in keine Relation zu anderen leblosen Zahlen bringen, die Produktions¬ ergebnisse oder Geschäftsgewinne zum Aus¬ druck bringen. 300.000 Arbeitslose, das heißt SOO.OOOmal ein persönliches Schicksal eines Arbeiters oder Angestellten, das heißt SOO.OOOmal Not, verlorenes Selbstbewußtsein und unerfüllte Kinderwünsche. Man muß erst einmal selber arbeitslos ge¬ wesen sein, fünf Jahre hindurch, von 1931 bis 1936, wie der 52jährige Privatangestellte Otto W. es war, um ermessen zu können, daß eine Massenarbeitslosigkeit nicht nur den Staat, sondern auch den Menschen zugrunde richtet. 1931 gab es mehr als 20 Millionen Arbeits¬ lose in Europa, und Österreich stand im Ver¬ hältnis zu seiner Größe mit ungefähr 600.000 Arbeitslosen in der Spitzengruppe der von der damaligen Weltwirtschaftskrise be¬ troffenen Länder. Das Resultat ist bekannt. Und heute? Wir besuchen einige Wiener Arbeitslosenämter: „Ich war 1935 schon aus¬ gesteuert", erzählt uns der 49jährige Schlos¬ ser Heinrich D., „und ausgesteuert sein, das heißt, zu existieren aufgehört haben. Man ist nicht einmal eine ,Grundnummer' mehr und die letzten Auswege siryi betteln, stehlen oder der Strick. Ich will gar nicht davon reden, was wir mitgemacht haben. Die Frau in einer schlechtbezahlten .Bedienung', ich jeden Tag am Bruckhaufen in Floridsdorf Koks stieren. Diese halbverbrannten Koks¬ raste haben wir an die .besseren Leut', das waren die Arbeitslosen, die noch nicht aus¬ gesteuert waren, um ein paar Schilling ver¬ kauft. So haben wir.gelebt, Jahre hindurch," Kollege Heinrich D. zeigt uns seine Ar¬ beitslosenkarte. „Ich bin heute wieder ar¬ beitslos, 5 Monate sind es bereits, und ich weiß auch, warum. Wenn in Österreich nicht gebaut wird, müssen auch alle anderen Be¬ rufe feiern. Aber eines schreibn S‘ in unsere Zeitung, die verantwortlichen Staatsmänner sollen ja nicht glauben, wir können das wie¬ der jahrelang aushalten. Wir alle wissen, daß wir das nicht mdhr können und Österreich auch nicht. . . !" wirklichung ihres 5 Punkte umfassenden Sofortprogrammes gegen die Arbeitslosigkeit ist. Die Maßnahmen zur Linderung der Arbeits¬ losigkeit, die in diesem Programm gefordert v/erden, sehen unter anderem eine Begebung von Schatzscheinen in der Höhe von 250 Mil¬ lionen Schilling für ö.TenliirJxa—Lmm^iiLkmen und eine überhöhten Kreditkosten vor. Glaubt nun jemand ernstlich, daß dies Österreich in eine Inflation treiben kann, wie die führenden Finanzkreise das prophezeien? * Fast jeden Tag ist in den Zeitungen von Selbstmorden zu lesen. Wohl sind nicht in allen Fällen Arbeitslosigkeit und Not die Ursachen, aber wenn von 10 Fällen auch nur einmal Arbeitslosigkeit das Motiv ist, so ist das alarmierend genug. Da ist die 40jährige Hilfsarbeiterin Adele M. Sie hat zwei schulpflichtige Kinder zu ver¬ sorgen, und das ist ihr mit manchem Opfer bisher auch gelungen, solange sie Arbeit hatte. Jetzt aber: „Seit drei Monaten bin ich arbeitslos und mit der Unterstützung von 145 Schilling wöchentlich kann ich auf die Dauer nicht auskommen. Weil der Export angeblich zurückgegangen ist, bin ich ent¬ lassen worden. Meine ehemaligen Arbeits¬ kolleginnen aber erzählen mir, daß die Firma genau soviel ins Ausland liefert wie früher. Zwei neue Maschinen habn s' eingestellt, und anstatt mehr und billigere Waren herzustel¬ len, sind zehn Frauen entlassen worden." Plötzlich schaut uns die Kollegin Adele M. groß und fragend an: „Glauben S', daß ich wieder eine Arbeit krieg'?" fragt sie for¬ schend, „denn wenn ich das letzte Stück ins Versatzamt getragen hab', bleibt mir mit den Kindern nur mehr der Gashahn .. Hier hat eine einfache Hilfsarbeiterin auf¬ gezeigt, wie sich manche LTnternehmer die Produktivitätssteigerung ohne den Österrei¬ chischen Gewerkschaftsbund vorstellen. Für sie der Profit, für die Arbeiter und Angestell¬ ten die Arbeitslosenunterstützung oder der Gashahn. * Die Arbeitslosen wollen weder bedauert sein, noch wollen sie, daß ihr trauriges Los als Politikum für eine gewisse Presse ausge¬ beutet wird. Das einzige, das sie wollen, ist Arbeit! Am 25. Dezember 1952 hat sich der 53jäh- rige Landarbeiter Alois Sch. am Kirchenplatz von Bischofstetten auf einem Lichtmast er¬ hängt. Der ewige Weihnachtswunsch ,, . . . und Friede den Menschen auf Erden . .ist bei ihm nicht in Erfüllung gegangen. Ein tra¬ gischer Fall, ohne Zweifel! — Alois Sch. war Vater von neun Kindern und hat im Leben bestimmt schwer zu kämpfen gehabt. In den nächsten Tagen griff die gesamte kommunistische Presse dieses traurige Ereig¬ nis auf. „Arbeitslosigkeit mordet Vater von neun Kindern". „Ein Vater, der seinen neun Kindern keine Weihnachtsfreude bereiten kann, begeht Selbstmord." Dies war der Grund¬ ton, auf den die KP-Presse ihre spaltenlangen ^MUkel abstimmte. Die „Solidarität" hat sich dieses Falles auch angenommen; hier die Auskunft der Gen¬ darmerie von Bischofstetten und der Gattin des Selbstmörders: Alois Sch. — ursprüng¬ lich ein Wanderhändler — war nicht arbeits¬ los, sondern hat bereits dreimal seinen Ar¬ beitsplatz aus eigenem Antrieb verlassen. Von seinen neun Kindern sind sieben bereits erwachsen und stehen alle in Arbeit. Seine Frau, die ebenfalls eine Beschäftigung hat, wohnt mit zwei schulpflichtigen Kindern in bescheidenen, aber geordneten Verhältnissen in einem Bauernhaus in Bischofstetten. Alois Sch. war Psychopath, Spieler und Trinker. In berauschtem Zustand und nach einer schweren Auseinandersetzung mit sei¬ ner Familie hat er sich im Morgengrauen des 25. Dezember aufgehängt. Wahrhaftig, ein tragischer Fall einer durch die Schuld des Mannes zerrütteten Ehe. Aber man hilft den Arbeitslosen nicht, wenn man jeden Selbstmord zu einer Arbeitslosen¬ tragödie verfälscht. * Einige Schicksale, wahllos herausgegriffen aus 300.000. Für die Verfechter einer Wirt- schafls- und Finanzpolitik, deren letzte Weis¬ heit es ist, ihrer vorgetäuschten Inflations¬ angst immer wieder hunderttausende Arbeits¬ plätze zu opfern, sind diese Schicksale völlig uninteressant. Schicksale aber klagen an! Daß sie gehört und zum Besseren gewendet werden, ist der unermüdliche Kampf des österreichischen Gewerkschaftsbundes. Franz Nekula-Berton Seite 4 Nr. 183 SOLIDARITÄT

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