Full text: Solidarität - März 1953, Heft 186 (186)

Bibi i o 1 li e k Wien, 1., bnendorierstr. 7 Vbb Ein schöner Urlaub durch Soziallourismus ZENTRALORGAN DES ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTSRUNDES 16. MÄRZ 1953 i NR. 186 PREIS 25 GROSCHEN Höchste Zettl Was bleibt uns übrig ? Die Wahlen sind vorbei, nun ist es höchste Zeit, daß etwas geschieht, damit die Zahl der Arbeitslosen entscheidend ver¬ ringert wird. Die Arbeitslosigkeit ist eine Erscheinung, mit der wir uns niemals abfinden werden. Wir sind außerdem der Meinung, daß unser Land es sich einfach gar nicht leisten kann, daß ständig zehn¬ tausende arbeitswillige Hände ruhen. Als vor einigen Wochen die Wir sind aber dennoch nicht Zunahme der Arbeitslosigkeit im geringsten zufrieden, denn immer betrüblichere Formen an- der Rückgang der Arbeitslosen- nahm, traten die führenden Funk- zahl ist viel zu gering, tionäre des Gewerkschaftsbundes Ende Jänner waren es 285.323 und der Arbeiterkammern zu einer Arbeitslose, Ende Februar, wie gemeinsamen Sitzung zusammen schon gesagt, 280.116, also nur und stellten im Namen der öster- um 5207 Arbeitslose weniger, reichischen Arbeiter und Ange- Der Rückgang beträgt damit stellten ein aus fünf Punkten be- kaum zwei Prozent der stehendes Sofortprogramm Zahl der Arbeitslosen! auf. Die Klarheit, mit der dieses Diese Tatsache sagt wohl mit Programm formuliert und ver- aller Deutlichkeit, daß mit vor¬ treten wurde, wirkte wohltuend läufigen Maßnahmen auf die im Gegensatz zu den verlegenen Meinungsäußerungen verschiede¬ ner Wirtschaftskreise. Denn was die Arbeitslosen brauchten, waren keine kompli¬ zierten Erklärungen über wirt¬ schaftliche Schwierigkeiten, son¬ dern waren einfach A r b e i t s- plätze. Wo es um Arbeit und Brot für hunderttausende Fami¬ lien geht, ist rasches und ziel¬ bewußtes Handeln am Platz! Der Ausgang der Parlaments¬ wahlen vom 22. Februar hat auch tatsächlich bewiesen, daß große Teile des österreichischen Volkes ein klares Wirtschaftskonzept wünschen, in welchem dem natür¬ lichen Bedürfnis nach einem ge¬ sicherten Auskommen, also nach einer Sicherung des Arbeitsplatzes und des Rentenbezuges, Rechnung getragen wird. Rückläufig, aber zu langsam Einer kürzlich erfolgten Mit¬ teilung des Sozialministeriums ist zu entnehmen, daß die Arbeits¬ losigkeit tatsächlich wieder im Rückgang begriffen ist. Ende Fe¬ bruar betrug die Zahl der Arbeits¬ losen 280.116, sie ist also noch immer unerträglich hoch. Daß der Tiefpunkt überschritten wurde und die Arbeitslosigkeit abnahm, be¬ weist, daß es der Aktion des Ge¬ werkschaftsbundes und der Ar¬ beiterkammern gelang, das gefähr¬ liche Ansteigen der Arbeitslosig¬ keit zu stoppen und früher eine rückläufige Bewegung herbeizu¬ führen, denn nach den bisherigen Erfahrungen wäre saisonmäßig noch kein Rückgang erfolgt. Es war kurz nach der Wahl, da Dauer kein Auslangen zu finden trafen sich zwei Freunde auf der ist. Dies wurde auch in der von Straße, und der eine fragt den an¬ der gemeinsamen Konferenz des dem: Sag, welche Partei hast du Gewerkschaftsbundes und der gewählt? Der andere nennt die Kammern Mitte Jänner beschlos- Partei, die er gewählt hat und fugt senen Resolution zum Ausdruck resigniert hinzu: Was hätte ich gebracht. Nun müssen durch den denn sonst wählen sollen? Diese Nationalrat entscheidende und Partei ist in meinen Augen noch wirksame Maßnahmen zur Be- das „kleinste aller Obel"! kämpfung der Arbeitslosigkeit er- Eine solche Äußerung, die man folgen. übrigens gar nicht so selten hört, ist kennzeichnend für das demo¬ kratische Parteiensystem, ja kenn¬ zeichnend für die Demokratie über¬ haupt. Doch was hier vielleicht als Schwäche der Demokratie erschei¬ nen mag, ist in Wirklichkeit ihre Stärke: Keine ernst zu nehmende Partei kann ihrem Wähler das Blaue vom Himmel versprechen, denn selbst dann, wenn sie zum Siege gelangt, muß sie auf die übrigen politischen Kräfte Rücksicht nehmen und muß vor allem mit zahlreichen wirtschaftlichen Schwie¬ rigkeiten fertig werden, die sich nun einmal nicht so ohne weiteres beseitigen lassen. Es blieb den Diktaturen Vor¬ behalten, die Menschen über die wahren Möglichkeiten zu täuschen und ihnen das Paradies — natür¬ lich auf Kosten anderer Menschen — zu versprechen. Auf diese Weise ließ sich leicht eine Begeisterung, ein politischer Enthusiasmus, er¬ zielen, der dann freilich alsbald in bitterste Enttäuschung umschlug Die durch mancherlei Enttäu¬ schung und Erfahrung politisch ge¬ reiften Menschen unseres Landei haben keinen Bedarf mehr an alleinseligmachenden Parteien, sie glauben nicht mehr an das „Para¬ dies", das man ihnen gelegentlich zu versprechen versucht. Sie wis¬ sen vielmehr, daß es ungeheurer Anstrengungen bedarf, um eine auch nur bescheidene Verbesse¬ rung der allgemeinen Lebenshal¬ tung zu erzielen. Wenn daher jemand demokra¬ tische Parteien samt und sonders mit dem landläufigen Schlagwort „ü b e I" bezeichnet, so bedeutet das nur, daß er ihren Sinn und ihr Wesen nicht ganz erfaßt hat. Doch jene Partei, die er dann als das „kleinste Übel" ansieht, kann diese Bewertung, so sonderbar das klin¬ gen mag, als höchste Wertschät¬ zung auffassen. Vor allem zeigt sich damit, daß der Wähler beziehungsweise das Mitglied gar nicht erwartet, so¬ zusagen automatisch, also ohne Auch hier hat der Gewerk¬ schaftsbund wiederholt den Weg gewiesen, der beschritten werden muß. Im Anschluß an das heuer ablaufende Investitionsprogramm muß ein neues Programm erstellt werden, das neue Dauerarbeits¬ plätze schafft. Im Rahmen eines (Fortsetzung auf Seite 2)

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