Full text: Solidarität - April 1953, Heft 188 (188)

? Schon als Kind hatte Theodor Körner das Leben von der harien Seite kennengelernt. Nach einem Unfall isfcj.sein Vater, der Haupt¬ mann Körner, erst fünfzigjährig, pensioniert worden; von der klei¬ nen Rente mußte die fünfköpfige Familie leben. Sie übersiedelte 1884 in die Reichs- und Residenz¬ stadt, wo sie zuerst in der Nähe der Nordwestbahn, dann auf der Erdberglände wohnte. Theodor Körner kam in die Realschule, die in der Nähe gelegen war, und, nachdem er sie mit „Sehr gut" ab¬ geschlossen hatte, 1891 in die Tech¬ nische Militärakademie. 1894 wurde er als Leutnant ausgemustert und auf seinen Wunsch zu den Pionie¬ ren nach Klosterneuburg versetzt. überall, wo immer er diente, ob als Leutnant, später als Hauptmann, Major oder als Oberst, war er sirenge gegen sich und voller Ver¬ ständnis gegen seine Untergebe¬ nen. Als das alte Reich zerbrach und jeder Mensch sich entscheiden mußte, da entschied sich Theodor Körner für die Republik. Er sollte ihre Wehrmacht aufstellen. In zwei Jahren härtester Arbeit bemühte er sich darum. Doch 1920 wurden ihm, nach einer Änderung der Regie¬ rung und da er nicht gewillt war, wider seine Überzeugung zu han¬ deln, Schwierigkeiten um Schwie¬ rigkeiten bereitet. Schließlich wurde er zum Heeresinspektor ernannt, um von Wien ferngehalten zu wer¬ den. Nachdem man ihn noch zum Generalmajor avancieren ließ, wurde er 1924 pensioniert, fast im selben Alter wie einst sein Vater. Die Sozialdemokratische Partei de¬ legierte ihn später in die Parla¬ mentskommission für Heerwesen, die Stadt Wien entsandte ihn 1925 in den Bundesrat. 1934 wurde er verhaftet und mußte als Unter¬ suchungshäftling elf Monate im Wiener Landesgericht verbringen. Viel könnte man aus den folgen¬ den Jahren erzählen, unzählige Anekdoten schildern den aufrech¬ ten, demokratischen Menschen, der sich von keinem Regime beugen ließ. Eines wird immer denkwürdig bleiben: was nach 1945 Theodor Körner als Wiener Bürgermeister geleistet hat. Der Aufbau dieser Stadt in hoffnungslosester Zeit, seine unermüdliche Arbeit, sein tap¬ feres Auftreten wider jedes unbe¬ rechtigte Verlangen der Besat¬ zungsmächte wird immer mit sei¬ nem Namen verbunden bleiben. Und es ist verständlich, daß ihm das österreichische Volk nach dem Tode des großen Staatsmannes Dr. Karl Renner 1951 die höchste Würde des Staates anvertraute. Nun feiern wir seinen 80. Ge¬ burtstag. Seitdem er am 24. April 1873 in Uj Szönyi bei Komorn ge¬ boren worden war, war er im rei¬ ßenden Strom des Lebens gestan¬ den; wie damals als junger Leutnant, hatte er immer sein Leben einge¬ setzt, um das anderer zu erleichtern, nie hat er gezaudert, wenn es galt zu retten und zu helfen, immer ist er ein Freund der Menschen geblie¬ ben. Wenn es Orden dafür gäbe — unser Bundespräsident müßte den höchsten bekommen. Wir wollen ihm in diesen Tagen wenigstens sagen, wir Arbeiter und Angestellten, wie wir ihn verehren und lieben, wie wir ihm für seine unermüdliche Arbeit danken und daß wir ihm noch viele Jahre bester Gesundheit wünschen. Fritz K o n i r Die Preise seit Anfang 1952 i 5* -- ?. Wie ajis de‘n Cjün-gsten Monats¬ berichten des Österreichischen Insti¬ tuts für Wirtschaftsforschung hervor¬ geht, erreichte der Lebenshaltungs¬ kostenindex für eine vierköpfige Ar¬ beiterfamilie im Februar 1953 688,4 Punkte gegenüber den Werten vom April 1938. Da im Jänner 1952 der Lebenshaltungskostenindex 708,2 Punkte betragen hatte, sind sömit die Lebenshaltungskosten kn Verlauf eines Jahres um 2,9 Prozent gesun¬ ken. Dies ist der Effekt der Stabili¬ sierung, ausgedrückt in den Lebens¬ haltungskosten. Ein, wie man leider feststellen muß, sehr bescheidener Erfolg. Daß dieser geringe Er- .folg der Stabilisierung, der nur durch einen übergroßen Druck von der Geldseite her erzielt werden konnte, auf die kartellistische Politik der österreichischen Geschäftswelt zu¬ rückgeht, ist unbestritten. Es wird aber sicherlich manche Kollegen geben, die der Auffassung sind, daß selbst diese kleine Le¬ benshaltungskostensenkung nur in der Statistik zu finden sei, während die Wirklichkeit ganz anders aus¬ sieht. Bis zu einem gewissen Grad ist diese Auffassung berechtigt. Der Lebenshaltungskostenindex wird nämlich nach einem Verbrauchs¬ schema der Vorkriegszeit berechnet. Wie das Wirtechaftsforschungsinstitut selbst dargelegt hat, haben sich aber die Verbrauchsgewohnheiten der öster¬ reichischen Bevölkerung gegenüber der Vorkriegszeit ziemlich geändert. So wird z. B. um 22 Prozent weniger Fleisch verbraucht als in der Vor¬ kriegszeit, hingegen um 20 Prozent mehr Zucker. Der Zuckerpreis hat sich im vergangenen Jahr nicht geändert, der Fleischpreis ist stark gesunken. Da aber im Lebenshaltungskosten¬ index Fleisch mit einer viel zu großen Menge eingesetzt ist, heißt das, daß die Lebenshaltungskosten in Wirk¬ lichkeit nicht so stark gesunken sind, wie es der Index angibt. Freilich muß man sich auch vor einer Überschät¬ zung der Fehlerquellen hüten, es kann sich trotz aller Veränderungen nur um Bruchteile von Prozenten han¬ deln. Untersucht man im Lebenshaltungs- kostenindex des Wirtschaftsforschungs¬ instituts, welche Waren sich im Preis verändert haben, findet man, daß 24 von den 46 Positionen Preis¬ veränderungen nach oben oder unten mitmachten. Die nachstehende Tabelle gibt an, um wieviel Prozent sich der Preis dier dem Index zugrunde liegen- • den Waren geändert hat, wobei Plus einen Preisanstieg, Minus eine Preis¬ senkung bedeutet. Reis . • + 6,3% Milch + 6,2% Eier .. .— 7,5% Schmalz.— 10,0% Filz . 13,2% Rindfleisch . — 5,0% Schweinefleisch .— 12,0% Kalbfleisch . 15,0% Extrawurst . 4,2% Marmelade + 8,1% Äpfel .— 36,0% Gemüse + 13,8% Kartoffeln. + 18,2% Hülsenfrüchte . — 5,4% Kaffee . + 6,3% Malzkaffee + 18,4% Bier + 2,5% Unterbekleidung . — 20,0% Schuhe .— 5,0% Kohle . 4,8% Koks ... 0,7% Holz — 12,7% Verschiedene Haushaltungs¬ gegenstände . — 2,0% Ferner sanken auch die Kosten von Reinigung und Körperpflege, Bil¬ dung und Unterhaltung. Bei der Betrachtung . der Prozent¬ zahlen muß man sich allerdings vor schnellen Schlüssen hüten, will man nicht denselben lächerlichen Fehler machen wie ein Diskussionsredner, der anläßlich des 5. Lohn- und Preis¬ abkommens in einer Gewerkschafts¬ versammlung sagte: „Die Briefmarken sind um 200 Prozent gestiegen, so groß ist also die Verteuerung unserer Lebenshaltung." Die Preissteigerung von Milch ist durch die Qulitäts- steigerung überkompensiert, hatte doch die Milch im Jänner 1952 um Va Prozent Butterfett weniger als im 'Februar 1953. Eine Senkung des Schweinefleischpreises um 12 Prozent wiegt im Index viel stärker als die Erhöhung des Kalbfleischpreises um 15 Prozent. Für Schweinefleisch wird nämlich rund dreimal so viel auf¬ gewendet wie für Kalbfleisch. Ander¬ seits darf man wieder das Gewicht Das höchste Ziel einer weisen Staatsführung muß es sein, zu verhindern, daß irgendwo ge¬ schickte und arbeitsgewohnte Hände müßig im Schoß liegen müssen. Die Vollbeschäfti¬ gung entspricht den Forderungen sozialer Gerechtigkeit und ist da¬ her ein Teil des Idealbildes der Demokratie, nach dem wir streben müssen. Bundespräsident Dr. Theodor Kör¬ ner am 14. August 1952 bei der Tausendjahrfeier der Stadt Rottenmann. der Preissenkung der Äpfel nicht überschätzen, da auch diese nicht ganz ein Drittel so schwer im Index wie¬ gen wie Schweinefleisch. Kurz, im Durchschnitt ergibt sich, wie schon gesagt, eine indexmäßige Senkung der Lebenshaltungskosten um 2,9 Prozent. Gegenüber dem Höhepunkt der Preissteigerungen im Oktober 1951 ist natürlich der Rückgang etwas größer, allerdings kann dieser Rück¬ gang an den Indexzahlen nicht ge¬ messen werden, da ja bekanntlich im Oktober 1951 fiktive Preise im Index standen, wie z. B. ein amtlich ge¬ regelter Fleischpreis, der aber in Wirklichkeit nicht eingehaiten wurde. Zusammenfassend kann jedenfalls festgestellt werden, daß im vergan¬ genen Jahr eine weitgehende Preis¬ stabilität mit einer leichten Preis¬ senkungstendenz herrschte. Zieht man aber in Betracht, daß auf dem Weltmarkt die Rohstoff¬ preise beträchtlich gefallen sind, daß in anderen Ländern viel früher und viel stärkere Preissenkungen in den Jahren 1951 und 1952 ein¬ traten und berücksichtigt man, daß das gesamte Preisniveau einer Volkswirtschaft für die Konkur¬ renzfähigkeit auf den Weltmärkten von Bedeutung ist, kann man das Ergebnis der Stabilisierung als durchaus unbefriedigend ansprechen. Nicht nur für die Verbesserung des Lebensstandards, sondern auch für die Konkurrenzfähigkeit der öster¬ reichischen Volkswirtschaft auf dem Weltmarkt und damit für dtie Voll¬ beschäftigung sind weitere Preis¬ senkungen der Industriewaren, aber auch der landwirtschaftlichen Pro¬ dukte dringend notwendig. Von die¬ sem Gesichtspunkt aus müssen auch die noch immer nicht erloschenen Preisforderungen von Land- und Forstwirtschaft betrachtet werden, denn ebenso wie die übrige Bevölke¬ rung kann sich in der Zukunft die Landwirtschaft eine Verbesserung ihrer Wirtschaftslage nicht von Preis¬ forderungen zum Nachteil der Kon¬ sumenten, sondern von einer Mehr¬ produktion erwarten. h. k. Utifefded Ztupe Gleichgesthaltet Die Deutsche Presseagentur (DPA) meldet aus Berlin, daß „das Insti¬ tut für Bek1eidungsk u I tur der Sowjetzone jetzt die ersten Grundkollektionen für Konfektion und Trikotagen herausgebracht hat. Darin sind alle Artikel bis zur Unterhose zunächst als Typen ohne Rücksicht auf spätere modische Ideen enthalten. Alle Modelle sind gemäß Anweisung frei von zersetzenden kosmopoliti¬ schen Einflüssen und tragen dem sozialistischen Realismus Rechnung.“ Es wird also in Zukunft in der deutschen Sowjetzone ein Wagnis sein, eine nicht „grundkollektivierte" Unterwäsche zu tragen. Schon an der Badehose kann man von nun an an dem ostzonalen deutschen Bürger er¬ kennen, ob er „frei von zersetzenden kosmopolitischen Einflüssen" ins — zum Leidwesen der Behörden derzeit noch nicht genormte — Wasser steigt. Man könnte darüber fast lachen, wenn diese Gleichschaltung nur bei den Kleidern bliebe. Aber sie wird früher oder später auch auf die in¬ dividuelle Lebensart ausgedehnt und endet mit der „Typisierung“ des Den¬ kens — Gehirn in Uniform, im Zei¬ chen einer „freien Demokratie". Eine nette Einladung Eine wirklich nette Einladung ist der Prospekt zum 3. Gesamtöster¬ reichischen Gewerkschaftstreffen, das vom 30. August bis 6. September 1953 in Wien slaltündet. Sklaven schleppen eine Sieges¬ säule über die Wiener Ringstraße Am 5. September 1953 wird auf der Wiener Ringstraße ein einmaliges Schau¬ spiel zu sehen sein: Sechzig symbolische Gruppen und Wagen werden im Rahmen eines imposanten Festzuges den sozialen Aufstieg der arbeitenden Menschen vom rechtlosen Arbeitssklaven zum freien, gleichberechtigten Menschen zeigen. Be¬ deutende Künstler entwerfen bereits jetzt die einzelnen Gruppen, unter denen sich auch ein Sklavenzug mit der Sieges¬ säule des Pharao befindet. Dieser Fest¬ zug über die Wiener Ringstraße ist einer der Höhepunkte des 3. Gesamtösterreichi¬ schen Gewerkschaltstreffens, das vom 30. August bis 6. September in Wien staltfindet. (Fortsetzung von Seite 1) Und nun an die Arbeit! sowohl durch Verwendung eines Teiles der Steuereinnahmen als auch durch Auflage von Anleihen erfolgen. Entscheidend ist das Er¬ gebnis. Wenn wir auch die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als vordring¬ lichste Aufgabe betrachten, so soll das nicht heißen, daß wir der Er¬ ledigung der schon im vorigen Nationalrat zur Beratung gestande¬ nen Sozialgesetze mindere Bedeu¬ tung zumessen. Wir erwarten von der neuen Regierung und vom neuen Nationalrat, daß man in bezug auf die wichtigen ausstehen¬ den Sozialgesetze noch in dieser Session zu Ergebnissen kommt. Wir wissen allzu gut, daß in der gegebenen Situation, in der sich unser Land befindet, die neue Re¬ gierung keine Wunder wirken kann. Wir wollen ihr ja auch keine Vorschußlorbeeren spen¬ den. Was wir voraussetzen, ist, daß sie bei Bewältigung der schwebenden Probleme ein rasches Tempo, wie es der Not der Zeit entspricht, vorlegt. Seite 2 Nr. 188 SOLIDARITÄT

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