Full text: Solidarität - April 1953, Heft 188 (188)

Unter dem Dampfkessel lodert das Feuer, dröhnende Motoren speisen wir mit Strom, Benzin oder öl. Wir wissen genau, wie wir am ratio¬ nellsten feuern und welches öl unser SpezicAbrenner am besten aus¬ nützt. Eigene Heizungstechniker stehen uns hiefür zur Verfügung. Der wichtigste Bestandteil eines Betriebes ist und bleibt aber doch der Mensch. Und genau so, wie die Maschinen und Motoren bedarf auch er des richtigen Brennstoffes, um leistungsfähig zu bleiben. Es ist keinesfalls gleichgültig, womit der arbeitende Mensch „geheizt", das heißt ernährt, wird; gibt es doch keine technische Maschine, die nur annähernd ähnliche Leistungen zu vollbringen imstande ist wie der Mensch. Gerade deshalb ist es verwun¬ derlich, daß man sich bisher um die „Betriebsstoffe" des Menschen eigentlich recht wenig Gedanken gemacht hat, obwohl sich in den letzten Jahren in Zeitungen, in den Volkshochschulen und auch in Kursen jene Themen, die das Gebiet der „Gesunden Ernäh¬ rung" behandeln, mehren. Bedenkt man, daß 85 Prozent aller Krank¬ heiten Stoffwechselkrankheiten sind, somit ihre Ursache in un¬ richtiger Ernährung zu suchen ist, dann steht es anscheinend doch dafür, sich einmal mit diesem Pro¬ blem ein wenig zu beschäftigen. Daß alle Tage von tüchtigen Ärz¬ ten hunderte Magen und Gallen herausgeschnitten werden, ist sicherlich ein großer Erfolg der Chirurgie, bekömmlicher für den Betreffenden wäre es jedoch, von Jugend an vernünftiger zu essen. Wieviel sollen wir essen? Wir brauchen eine gewisse Menge von Eiweiß, 50 bis 70 g teil bedeutet, ist unbestritten. Meist werden Einrichtung, Heiz¬ material und Arbeitslöhne aus Betriebsmitteln verrechnet, so daß der eingenommene Betrag nur für die Beschaffung der Lebensmittel verwendet werden kann, manch¬ mal erfolgt auch hiefür noch eine Betriebszubuße. In manchen Betrieben wurde der Werkküchensatz seit Jahren — trotz diverser Lohn- und Preis¬ abkommen — nicht erhöht, und es ergeben sich für die Werk¬ küchenleitung oft recht schwie¬ rige Probleme, um so mehr, als die Ansprüche begreiflicherweise im¬ mer größer werden. Im eigensten Interesse wäre nun ein geringer Mehrbetrag begrüßenswert. Vor¬ schläge in dieser Beziehung wer¬ den aber meist abgelehnt. Viele Betriebsangehörige sind nämlich ohneweiters bereit, am Büfett für 10 dkg Wurst einen Betrag auszu¬ legen, den sie sich für ein kom¬ plettes Mittagessen niemals lei- Es ist in diesem Rahmen nicht möglich, alle Gebiete der Ernäh¬ rungslehre eingehend zu behan¬ deln, nur auf einige wichtige Punkte der Werkküchenverpfle¬ gung soll hier eingegangen wer¬ den. Was sollen wir essen? Das Werkküchenessen sollte etwa ein Drittel des täglichen Ka¬ lorien-, Eiweiß- und Vitaminbedar¬ fes decken, das heißt, daß die Werkküchenverpflegung etwa 600 bis 1000 Kalorien, 15 bis 18 g Diätküche In einem großen Betrieb Ober¬ österreichs hat man vor zwei Jahren eine sogenannte Diätküche neben der normalen Werkküche eingerichtet, in der die Mittag¬ mahlzeit nach biologischen Ge¬ sichtspunkten erstellt wurde. An¬ fangs waren 'die Teilnehmer sehr skeptisch und nur drei Prozent der Arbeiter verlangten Bons mit dem Aufdruck D (Diät). Nach einem halben Jahr wählten be¬ reits über 85 Prozent diese Ver- pflegsart und fühlten sich bedeu- Unser Bild zeigt Männer aus Kaprun beim Mittagessen. Die üblichen Werk- küchenporlionen reichen da nicht aus. Das Mittagmahl muH mindestens*'»»^ 1300 Kalorien (das ist ungefähr ein Drittel der für Schwerarbeit notwendigen Kalorienanzahl) enthalten, um den Hunger dieser hart arbeitenden Kollegen i zu stillen. Eine Werkküche soll nicht nur vorbildlich eingerichtet sein, sondern der Speisezettel muß auch nach modernen ernährungswissenschaftlichen Grund¬ sätzen zusammengestellt werden. Nur so kann eine Werkküche^ ihre wichtige soziale Aufgabe erfüllen. etwa, 40 bis 60 g Fett und 300 bis 500 g Kohlehydrate, das sind stärke- und zuckerhaltige Nah¬ rungsmittel. Der Kalorienbedarf beträgt für die sitzende Büroange¬ stellte zirka 2.400 Kalorien und steigt, je nach Arbeitsleistung, bis 4.500 Kalorien für den Schwenst- arbeiter. Daß die Werkküche für die Be¬ legschaft einen wesentlichen Vor- Seite 4 Nr. 188 SOLIDARIJAT sten würden. Man sollte nicht übersehen, daß das in die Werk¬ küche investierte Geld den Teil¬ nehmern wirklich hundertpro¬ zentig zugute kommt. Nun kann man für den gleichen Betrag ein biologisch wertvolles Essen’ herstellen, man kann'aber 'auch durch unrichtige Speisen¬ zusammenstellung das Gegenteil erreichen. biologisches Eiweiß und etwa 20 mg Vitamin C enthalten sollte. Außerdem wäre den Speisen noch etwa 1 g Trockenhefe zuzu¬ setzen, eine Menge, die von den Verpflegsteilnehmern nicht be¬ merkt wird, aber lebenswichtige Vitamine, vor allem die der B-Gruppe, enthält. Vorteilhaft ist es auch, das Soja¬ mehl als wertvollen Eiweißträger der Werkküchenverpflegung zu¬ gänglich zu machen. Es entspricht im Nährwert dem Trockenei, und es ist bedauerlich, daß es für unsere Ernährung so wenig Ver¬ wendung findet. Auch wäre auf das große Heer der Magenkranken bzw. Magen- schwachen Rücksicht zu nehmen. Daß nur leicht verdauliche Fette, vor allem öl, in den Werkküchen Verwendung finden sollten, ist eine alte biologische Forderung. Schwer verdauliche Speisen, wie fettes Schweinefleisch, wären für die „Schonköstler" gegen weiches Rindfleisch, Hülsenfrüchte gegen Reis oder Teig waren auszutau¬ schen. Vor allem während der warmen Jahreszeit sollte statt der Suppe eine reichliche Portion von grü¬ nem Salat oder anderem Roh¬ gemüse gegeben werden, über¬ haupt wäre der Vitamin-C-Frage ein erhöhtes Augenmerk zuzu¬ wenden. tend wohler und arbeitsfreudiger als vorher. Der Unterschied in, der Verpflegung ist gar nicht so wesentlich und bedingt auch für das Küchenpersonal keine nen¬ nenswerte Mehrarbeit. Ferner ist zu beachten, daß die Mittagsmahlzeit nicht zu hastig eingenommen wird, denn auch bei der Werkküchenverpflegung gilt das alte Sprichwort: „Gut gekaut, ist halb verdaut." Zum Essen selbst sollte wo¬ möglich nicht, keinesfalls aber zu kalt g-trunken werden. In einem kleinen Küchengarten müßten stets reichlich grüne Petersilie und Schnittlauch zur Verfügung ste¬ hen; fein gehackt, sollten sie auf keinem Tisch fehlen, sie stellen wertvollste Vitamin-C-Quellen dar. Nur einige wenige Punkte soll¬ ten mit diesem Artikel einmal zur Diskussion gestellt werden, und es wäre zu begrüßen, wenn die Werk¬ küchen praktisch Gebrauch davon machen würden. Der gehobene Gesundheitszu¬ stand und die dadurch bedingte größere Arbeitsleistung durch er¬ höhte Arbeitsfreudigkeit wären das sicherste Resultat. Produktivität ist die große Pa¬ role. Hiezu gehören aber vor allem gesunde, richtig ernährte Men¬ schen, Ing. MaxMarketan

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