Full text: Solidarität - April 1953, Heft 189 (189)

ll/ßMt tymt das atefie iVokdm? Sanfte, hellgrüne Hügel, blü¬ hende Pfirsichbäume und weite Flächen frisch gefurchter, satt¬ brauner Ackerschollen — das ist die frühlinghafte Kulisse des Bur¬ genlandes. Und was ist dahinter? Auf der Landstraße begegnen uns zwei Männer; sie ziehen jeder einen mit Dürrholz beladenen wackeligen Karren. Ob denn Holz¬ klauben im Frühjahr nicht eine Frauenarbeit sei, fragen wir; ,,Frauenarbeit?" Die beiden schau¬ en uns fragend an. Diese beiden Spezialmaurer würden lieber Schornsteine und Hochöien bauen als im „Herrschaitswald“ Klaubholz zu sammeln. 6000 burgenländische Wanderarbeiter sind noch immer arbeitslos aller arbeitslosen burgenländi¬ schen Bauarbeiter aber sind Wan¬ derarbeiter. Wenn die Bausaison nicht rechtzeitig einsetzt, ist ihre Existenz bedroht. In der Gegend von Güttenbach und Punitz und südlich davon in Kukmirn und Groß-Mörbisch sind beinahe 20 Prozent der Bevölke¬ rung Wanderarbeiter. Ihre heuer so lange währende Arbeitslosig¬ keit hinterläßt im wirtschaftlichen Leben dieses Gebietes deutliche Spuren. Aber auch im Raum von Oberwart bis Güssing, im Strem¬ bachtal, im unteren Lafnitztal und Österreichs, auf der man nicht den Fleiß und die Kenntnisse des bur¬ genländischen Wanderarbeiters rühmen hörte. Wohl gäbe es im Burgenland selbst noch viele Projekte, um einen Teil der Arbeitslosen zu be¬ schäftigen. Die Nord-Süd-Verbin¬ dung vom Neusiedler Bezirk bis Jennersdorf ergäbe für viele Straßenbauarbeiter eine jahrelange Verdienstmöglichkeit. Wohn- ‘und Siedlungsbauten sind wie überall dringend notwendig. Und was ge¬ schieht? Die burgenländische Lan¬ desregierung, die Arbeiterkammer und der Gewerkschaftsbund haben alle ihre Kräfte eingesetzt, um Österreichs Feind Nummer eins, die Arbeitslosigkeit, zu bekämp¬ fen und damit auch das Problem ihrer Sorgenkinder, der Wander¬ arbeiter, zu lösen. Ein arbeitsloser Wanderarbeiter baut sich ein Häusl? Frau .lüg stellt einen Augen¬ blick die zwei vollen Schutlkübel nieder. „Fünf Jahr bau'n wir schon „Wenn ein Wanderarbeiter ein¬ mal acht Monate arbeitslos ist, bleibt ihm sonst nichts übrig als Holzklauben", sagen sie und zie¬ hen verdrossen ihre Karren wei¬ ter. Brot zu verdie¬ nen. Zu Hause aber bestellt die Frau den kleinen Acker, füttert ein In Mörbisch am See hängt vor einem Gasthaus ein buntge¬ schmückter Kranz aus Tannen¬ reisig. „Sautanz ist, und einen ori¬ ginal Mörbischen gibt’s", ver¬ sichert uns der Wirt. Unser Be- ---~ — such aber gilt den arbeitslosen Paar Hasen oder Wanderarbeitern in Mörbisch, und eine Ziege und die haben, so wie wir derzeit, kein verdingt sich, Interesse für einen „blumigen wenn's gar nicht Heurigen und ein fettes Göderl". mehr reicht, al Sie sehen nur mit Bangen, daß die Tage immer länger werden und ihre Hände, die gewohnt sind, Kamine, Schmelzöfen und Schorn¬ steine zu bauen, noch imnTer fei¬ ern müssen. Die sonderbare Verteilung der rund 358.000 Hektar großen Agrar¬ fläche des Burgenlandes ist noch ein Grund für das notwendige große Wandern der burgenländi¬ schen Arbeiter. Abgesehen vom Heideboden und dem Seewinkel besitzt das Burgenland kein auf ausgeprägter wirtschaftlicher Grundlage beruhendes Bauerntum. Ungefähr 43 000 landwirtschaft¬ lichen Zwerg-, Klein- und Mittel- im Neuhauser Hügelland schnürt betrieben mit weniger als 2 bis ein Zehntel oder, besser gesagt, 20 Hektar stehen nur 1118 Gro߬ mußte ein Zehntel der Bevölke- bauern gegenüber. 326 Großgrund¬ rung im Frühjahr den Ranzen besitzer aber besitzen fast ein schnüren, um sich und der Fa- Drittel der gesamten burgenländi- mihe, in alle Himmelsrichtungen sehen Agrarfläche. Nur ein gerin- wandernd, in sechs bis acht Mo- ger Teil der burgenländischen Ar- aaten das tägliche Hilfsarbeiterin auf einem land¬ wirtschaftlichen Gut. „Im vorigen Jahr war ich längst schon in Donawitz", sagt uns ein grauhaariger Spezialmaurer. „Sind die Herren vielleicht von einer Baufirma?", fügt er fragend hinzu,- und als er erfährt, daß wir „nur" von der Zeitung sind, geht er ent¬ täuscht weiter. Warum der burgenländische Arbeiter wan¬ dern muß, um le¬ ben zu können? Das ist einfach erklärt: Für die rund 42.000 Ar¬ beiter und Ange¬ stellten des Bur¬ genlandes kön¬ nen trotz der Ini- Fünf Jahre bauen Frau Jilg und ihr M.inn schon an ihrem „Haus“. Jeder Ziegel ist vom Munde abgespart. an dieser Keusch n", sagt sie und wischt sich mit der Schürze den Schweiß vom Gesicht. „Seit fünf¬ zehn Jahren hab‘ ich noch kein neues Kleid! kriegt, und jeder Ziegl, den S da sehen, ist buck- stäblich vom Mund abgespart." Fast alle Wanderarbeiter in diesem burgenländischen Dort sind arbeitslos. Sie haben nur ein Gesprächsthema: „Wann gibt es endlich Arbeit?" Von den ungefähr 12.000 Ar- llcli uel 1IU beitslosen des Burgenlandes sind tiative aller maß- uber 6000 gewerbliche und land- gebenden Stellen wirtschaftliche Wanderarbeiter, nur 30.000 bis 32.000 Arbeitsplätze beiter kann daher in der Land- ^ereUrum POoT beSeZrlWTn auf^acht werden. Mehr als Wirtschaft Unterkommen bereits um 2000 mehr auf ihre Ar- io.OOO Arbeiter müssen also, wenn In Sigleß hinter Mattersburg beitsplatze in allen Bundesländern sie leben wollen Beschäftigung in sind die Spezialmaurer zu Hause SrndieRaus 8ewa ber - ,,Tcuer der Fremde suchen. Die Burgen- Als wir am Nachmittag hinkom: will die Bausaison nicht richtig in lander sind begehrte Arbeitskräfte men, bemerken wir einige Bau- „ chwung kommen. Zwei Drittel Es gibt kaum eine Großbaustelle arbeiter in Arbeitskleidung. Gott Heiß brennt schon die Sonne auf die weiten Ebenen des Burgen¬ landes. Bald werden die Kirschen reif sein und die Ananas blühen, aber immer noch haben tausende Wanderarbeiter ihre Hände im Schoß liegen. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wird als oberstes Gebot der österreichischen Wirt¬ schaftspolitik bezeichnet; die bur¬ genländischen Wanderarbeiter und mit ihnen zehntausende Arbeits¬ lose sehen dem Ausgang dieses Kampfes mit Sorge und Hoffnung entgegen. Franz Nekula-Berton Seife 4 Nr. 189 , SOLIDARITÄT Eigentümer und Herausgeber Österreichischer Gewerkschaftsbund Verleget Verlag des Österreichischen Gewerkschattsbundes Chef¬ redakteur-. Fritz Klenner Verantwortlicher Redakteur: Karl Franta Für die Bildbeilage verantwortlich Fritz Konir Gestaltung der Bildbeilage: August Makart Alle Wien t., Hohenstauiengasse 10—12 Druck Waldheim- Eberle, Wien, VII., Seidengasse 3—11. sei Dank, hier ist also die Ar¬ beitslosigkeit schon etwas einge¬ dämmt: „Ganz im Gegenteil", sagt uns der Bürgermeister, der selbst viele Jahre ein Wander¬ arbeiter war. „Fast alle unsere Spezialmaurer sind noch arbeits¬ los. Was Ihr da bau'n seht, wird das Häusl vom Jilg-Leo,- der ist delogiert word'n. Bei uns hilft ein Arbeitsloser dem andern, sonst hätt wahrscheinlich noch keiner eine Unterkunft." ' -naww*.- ?***•?? • .... •>

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