Full text: Solidarität - Mai 1953, Heft 190 (190)

t Mehr Lehrplätze ^ du 1 d Freudestrahlend und stolz zeigt der Hauptschüler Otto M. seinem Vater die Schularbeitshefte. Rech¬ nen, Physik, Geometrie — lauter „Sehr gut", aber auch in den ande¬ ren Fächern hat sich Otto M. be¬ währt. Er wird ein schönes Schul¬ entlassungszeugnis bekommen. Einige Wochen noch, dann ist es so weit. Schluß mit dem In-die- sierenden Betrieb, lernen die spe¬ ziellen Brzeugungsmethoden ken¬ nen und gewöhnen sich an das notwendige produktive Arbeits¬ tempo. „Ideal sind die Lehrwerkstätten schon", sagt uns ein Betriebsrat der verstaatlichten VOEST in Linz, die mustergültige Lehrwerkstätten und ein eigenes Lehrlingsheim be- Das letzte Schuljahr. Noch ist das Leben ohne Sorgen und Probleme. Schule-Gehen, zwei Monate Ferien und dann in die Lehre. Ottos Wunschtraum, Automechaniker zu werden, steht endlich vor der Erfüllung. Ottos Vater ist weniger optimi¬ stisch. Vergeblich bemüht er sich seit Monaten, irgendwo eine Lehr¬ stelle aufzutreiben, überall die gleiche Antwort in den kleinen und mittleren Autoreparaturwerk¬ stätten: „An Lehrbuam? Na, da hat man zuviel Scherereien." Herr M. weiß bereits, daß er den Wunsch seines Sohnes nicht erfüllen kön¬ nen wird. Vielleicht wird er ihn irgendwo als Laufburschen unter¬ bringen oder in eine Handels¬ schule gehen lassen; nur nicht herumlungern soll der Bub . . . Der Otto wird nun einen Beruf ergreifen müssen, der ihm keine Freude bereitet, oder er wird ein Hilfsarbeiter bleiben. Warum? Weil man in zehntausenden klei¬ nen Betrieben keine „Scherereien*' haben will mit den Lehrbuben, deutlicher gesagt, weil man das Jugendschutzgesetz boykottieren will, ohne zu bedenken, daß die Zeit der früheren patriarchali¬ schen Lehrverhältnisse längst vor¬ bei ist. Es bleibt nur noch eine Frage an die Besitzer der Kleinbetriebe offen. Von woher werden sie eines Tages die Facharbeiter und Spe¬ zialisten für ihre Werkstätten nehmen, wenn sie selbst nicht ge¬ willt sind, welche anzulernen? * mindestens dasselbe Einstellungs¬ verhältnis verlangen. 1953 werden 124.200 junge Men¬ schen aus der Schule entlassen, und 1954 wird sich diese Zahl so¬ gar auf 131.300 erhöhen. Heraus mit dem Kopf aus dem Sand! Die Jugend braucht Lehr- und Arbeits¬ plätze. Die Lösung dieses Problems verträgt keine Verzögerung mehr. „Also ein Uhrmacher willst du werden?" sagt der freundliche Beamte in der Berufsberatungs¬ stelle auf dem Esteplatz in Wien zu dem etwas blassen, hochauf¬ geschossenen jungen Mann, der ihm — als fühle er schon, daß die¬ ser erste Schritt ins Leben mit einer Enttäuschung enden werde — zögernd das letzte Schulzeugnis zeigt. Abgesehen davon, daß dieser Beruf genau so wie der des Elek¬ trikers und des Mechanikers weit überfragt ist, bringt der junge Mann mit den dicken Brillen¬ gläsern fast keine Voraussetzun¬ gen für den Uhrmacherberuf mit. Mit viel Geduld und psychologi¬ schem Einfühlungsvermögen ge¬ lingt es dem Berufsberater, das Interesse des bekümmert drein- Wir besuchen die Lehrwerkstät¬ ten einiger österreichischer Gro߬ betriebe. Das ist die ideale Form für die berufliche Ausbildung der jungen Menschen. Nach zweijäh¬ riger sorgsamer und" vielseitiger Schulung in den Lehrwerkstätten kommen die Lehrlinge in den pul- Die erste Enttäuschung, Das Arbeitsamt hat zu wenig Lehrplätze zu vergeben. sitzen, „aber sie sind nur ein Trop¬ fen auf einen heißen Stein. Es gibt Hunderte von Großbetrieben in Österreich, die keinen einzigen Lehrling beschäftigen. Diese Be¬ triebe müssen verpflichtet werden, in einem kollektivvertraglich fest¬ gelegten Verhältnis Lehrlinge ein¬ zustellen. Mit einem Schlag hätten wir dann zehntausend bis fünf¬ zehntausend neue Lehrstellen." Unser Linzer Kollege hat voll¬ kommen recht. Außerdem müßten aber auch alle Betriebsräte darauf achten, daß im eigenen Betrieb mehr Lehrlinge und Jugendliche eingestellt werden und daß die in manchen Berufen bestehenden Lehrlingsskalen auch voll aus¬ genützt werden. Wenn man zum Beispiel von einem Meister mit zehn Gesellen voraussetzt, daß er einen Lehrling beschäftigt, so kann man von einem Großbetrieb blickenden Jünglings auf einen anderen, seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten entsprechen¬ den Beruf zu lenken. „Jetzt müßte man aber auch gleich eine Lehrstelle für ihn ha¬ ben", sagt der Vater des Jungen später zu uns. „Ohne die notwen¬ digen Lehrplätze wird jede Berufs¬ beratung illusorisch." Jede Woche Arbeitslosigkeit bedeutet für die jungen Burschen und Mädel eine schwere seelische Belastung. Denn ihre Zukunftshoff¬ nungen und die Arbeitsfreude wei¬ chen allmählich einer zermürben¬ den Resignation, einer gefährlichen Hilf-dir-selbst-Stimmung und dem Hang zum Faulenzen. * Was wird nun geschehen, um den Schulentlassenen Lehr- und Arbeitsplätze zu verschaffen? Am 4. Mai 1953 hat zum ersten¬ mal unter dem Vorsitz von Sozial¬ minister Maisei das Minister¬ komitee getagt, um sich mit Ma߬ nahmen zur Bekämpfung der Ju¬ gendarbeitslosigkeit zu beschäfti¬ gen. Die Vorschläge des Gewerk¬ schaftsbundes — neue und erwei¬ terte Lehrwerkstätten, ein moder¬ nes Berufsausbildungsgesetz im Gewerbe, Vergrößerung der Ak¬ tion „Jugend am Werk" — und auch die Vorschläge der Unterneh¬ mer und der verschidHV!! p n Jugendverbände standen zur De¬ batte. Den Mittelpunkt der Diskus-““ sion aber bildeten ein Lehrlingsein¬ stellungsgesetz und die Einführung eines neunten Schuljahres. Noch konnten keine befriedigenden Re¬ sultate erzielt werden. Eines steht allerdings jetzt schon fest: Der Gewerkschaftsbund hat schon vor langem auf das Problem hinge¬ wiesen und konkrete Maßnahmen vorgeschlagen. Es werden dort, wo es an gutem Willen fehlt, letz¬ ten Endes doch Gesetze eingreifen müssen. Wie dem auch immer sei — die 124.200 Schulentlassenen des Jah¬ res 1953 sehen den Entscheidun-— gen erwartungsvoll entgegen. Für sie ist jeder Tag kostbar! Was nützt das schöne Schulzeugnis? Sein Wunsch, Automechaniker zu werden, kann leider nicht erfüllt werden. Seite 4 Nr 190 SOLIDARITÄT

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