Full text: Solidarität - Juni 1953, Heft 192 (192)

(Fortsetzung von Seite 1) Nicht stehen bleiben! Es darf auf die Dauer keinen sozialrechtlichen Unterschied zwischen arbeitenden Menschen geben. Wir dulden kein Kasten¬ wesen und lehnen es entschie¬ den ab, daß Teile der arbeiten¬ den Bevölkerung schlechter be¬ handelt werden als andere. Wo noch ein derartiges Unrecht be¬ steht, werden wir es mit aller Kraft zu beseitigen suchen! Ein solches Unrecht ist es bei¬ spielsweise, wenn ein Angestellter bei SOprozentiger Berufsunfähig¬ keit die Invalidenrente bekommt, ein Arbeiter aber erst bei 662/'3pro- zentiger Arbeitsunfähigkeit! Eben¬ so ist es ein Unrecht, wenn die Be¬ schäftigten in der Privatindustrie in ihren Pensionsansprüchen schlechter gestellt sind als die öffentlich Angestellten. Wer in einem Alter von 65 Jah¬ ren beziehungsweise bei Frauen mit 60 Jahren, gleich lange Ar¬ beitszeiten aufweist, muß auch gleiche Anspruchsrechte auf eine Pension besitzen! Allerdings wird sich diese Forderung nicht sofort verwirklichen lassen, sondern erst dann, wenn die Sozialversiche¬ rungsinstitute den erhöhten finan¬ ziellen Aufwand bestreiten kön¬ nen. Schließlich sei nochmals darauf hingewiesen, daß eines der bren¬ nendsten Probleme die Arbeits¬ beschaffung und Berufsausbildung für unsere Jugend darstellt! An diesem Problem dürfen wir keines¬ wegs vorübergehen. In Kürze werden um 40.000 Vier¬ zehnjährige mehr die Schule ver¬ lassen, als es im Vorjahr der Fall_ war. Wir müssen diese heran- wachsende Generation in unser Wirtschaftsleben einführen. Es geht nicht an, daß sie sich selbst und den schlechten Einflüssen der •Straße überlassen werden! Die Regierung hat sich 'erfreu¬ licherweise eingehend mit dieser Frage beschäftigt und hat auch einige wichtige Maßnahmen zu deren Lösung beschlossen. Das allein ist aber noch nicht genug! Es muß auch noch die gesamte Öffentlichkeit mithel¬ fen, damit unserer Jugend der Weg in den Beruf und damit ins Leben erleichtert wird! Der österreichische Gewerk- schaftsbund wird so wie bisher die hier angeführten Forderungen und auch alle übrigen berechtigten Forderungen der organisierten Ar¬ beiterschaft unseres Landes kraft¬ voll vertreten. Die Zeit schreitet fort, wer stehen bleibt, befindet sich auf dem Rückschritt. Die österreichische Gewerkschafts¬ bewegung war jedoch stets die stärkste Triebkraft des sozialen Fortschritts und wird es auch in alle Zunkunft bleiben! Meldet Quartiere für das Gewerkschaftstreffen! Für die von auswärts kommenden Teil¬ nehmer am Gewerkschaftstrefien, welches bekanntlich vom 29. August bis 6. Sep¬ tember in Wien stattfindet, werden geeig¬ nete Unterkünfte benötigt. Die Wiener Kollegen werden ersucht, Quartiere, die sie diesen Gästen zur Verfügung stellen kön¬ nen, an die Festleitung des Gewerkschafts¬ treffens in Wien, L, Hohenstaufengasse 10, zu melden. Nähere Einzelheiten sind von der Festleitung, Telephon A 16-5-10, Klappe 371, zu erfragen, wo auch die entsprechenden Anmeldeformulare erhält¬ lich sind. Treffpunkt Wien Jeder Abschiedsgruß unserer Kol¬ leginnen und Kollegen aus den Bun¬ desländern im vorigen Jahr nach dem Gewerkschaltstag in Leoben, Bruck a. d. Mur und Kaptenberg klang in den Wunsch aus: „Aul Wiedersehen 1953 in Wien!“ Und nun ist es bald so weit. Festiug Wien rüstet zum 3. Gesamtöster¬ reichischen Gewerkschaltstreflen. ln der großen Zedlitzhalle im 1. Be¬ zirk herrscht bereits ein Getriebe wie vor einer großen Premiere. Bild¬ hauer, Maler, Architekten und Hand¬ werker arbeiten tieberhalt an den 70 symbolischen Gruppen und Wagen des riesigen Festzuges, der den sozialen Aufstieg des arbeitenden Menschen vom peitschengetriebenen Sklaven zum gleichberechtigten freien Bürger zeigen wird. ln der zentralen Festleitung wer¬ den die letzten Termine für das ge¬ samte umfangreiche Programm fest¬ gesetzt, Sparmarken ausgegeben, Quartiere eingeteilt, Künstler ver_" pflichtet und die zahllosen admini¬ strativen Vorarbeiten geleistet, die eine Veranstaltung im Ausmaß des 3. Gesamtösterreichischen Gewerk- schattstretiens ertorderl. „Es muß alles klappen vom 29. August bis 6. September“, das ist die Parole, die jedep Mitarbeiter immer wieder an¬ spornt, sein Bestes zu geben. Wir sprechen mit Professor Slama, dem die künstlerische Gestaltung des Gewerkschaltstreftens obliegt. Er steckt Hals über Kopf in Arbeit, aber die wenigen Bemerkungen, die er allein über den Festzug macht, lassen uns das Ausmaß der einzelnen Ver¬ anstaltungen ahnen: „Seit dem Mar¬ kart-Festzug im Jahre 1879 und dem Festzug anläßlich der Weltausstellung im Jahre 1873 hat Wien noch keine ähnliche Veranstaltung gesehen. Aber nicht eine sinnlose Prachtent¬ faltung wird den fast drei Kilometer langen Festzug am Gewerkschafts¬ treffen sehenswert machen, sondern das überwältigende, farbenfrohe und lebendig gestaltete Thema des sozia¬ len Aufstieges der arbeitenden Men¬ schen:" Musikwettbewerb Aus der Fülle des überaus reich¬ haltigen Festprogramms sei auch auf den Musikwettbewerb der Betriebskapellen hingewiesen. Die Wiener Arbeiterkammer hat Preise in der Höhe von zusammen 47.500 Schilling zur Verfügung ge¬ stellt. Die prämiierten Musikkapellen ?— sei es nun Blasmusik oder Streich¬ orchester — erhalten überdies ein Diplom der Arbeiterkammer. Jede Betriebskapelle, die sich an diesem Wettbewerb beteiligt, hat ein Musik¬ stück nach freier Wahl mit einer Höchstdauer von zehn Minuten vor¬ zutragen. Die aus Fachleuten zu¬ sammengesetzte Jury wird die Preise zuerkennen, doch werden natürlich auch die musikbegeisterten Zuhörer ihr Urteil abgeben. Wenn man sich bei den Vorberei¬ tungsarbeiten darüber ein Bild macht, was während des Gewerkschafts- treifens in Wien los sein wird, dann muß man wirklich das Versprechen halten, das man zu Pfingsten des vori¬ gen Jahres in der Steiermark Freun¬ den gab, und zu einem frohen Wieder¬ sehen kommen! l-n- Schändliche Anbiederung In der Pfingstausgabe der „Presse" erschien folgendes Inserat: GEWERKSCHAFTS GEGNER, 28 Jahre, ledig, sucht Ver¬ trauensstellung (Kassa, Kartei, Parteienverkehr usw.) in seriöser Firma. Unter .Ehrlich und gewis¬ senhaft 86.661* an die .Presse*. Wien, Univer- sitätsstraße 5. BÜROKRAFT ?»hre. per- Der junge Mann, der auf diese Weise eine Stellung sucht, empfiehlt sich als „Gewerkschaftsgegner" — was ebenso neuartig wie bedenklich ist. Fs ist kein Zufall, daß dieses Inserat gerade in einer Zeitung erscheint, die aus ihrer feindseligen Einstellung gegenüber der organisierten Arbeiter¬ schaft nicht einmal mehr ein Hehl macht. Wer sich aber von einem sol¬ chen Inserat einen besonderen Erfolg verspricht, der beweist damit nicht nur ein beachtliches Maß an eigener Cha¬ rakterlosigkeit, sondern schätzt auch die Unternehmerschaft sehr gering ein. Die Bedeutung der Gewerkschaiten für die Sicherung der Arbeitsruhe und damit für eine geordnete Wirtschaft überhaupt, wird heute selbst von vie¬ len Unternehmern anerkannt. Nur pri¬ mitivste Rückständigkeit unter den Unternehmern erblickt in der Gewerk¬ schaft von vornherein den „Feind". Die Anbiederung als Gewerkschafts¬ gegner appelliert an eine solche Rückständigkeit und ist eine Schande für jeden, der diese Charakterlosig¬ keit als Empfehlung ansieht. Die überwiegende Mehrheit der österreichischen Arbeiter und Ange¬ stellten verachtet solche Kriecher¬ naturen, die dem Unternehmer ihre Gewerkschaftsfeindlichkeit versichern und sich im gegebenen Falle auch gerne als Streikbrecher hergeben wür¬ den. Sie sind Verräter an den Lebens- inleressen der arbeitenden Menschen und sollen als solche behandelt werden. Sie geben klein bei In der Parlamentsdebatte über das Energieanleihegesetz hat bekanntlich der Herr Abgeordnete Dr. Stüber dem Gewerkschaftsbund den Vorwurf gemacht, von dem „gehorteten Mil- lionenschalz" nichts für die arbeit¬ schaffende Energieanleihe herzugeben. Hätte er geschwiegen, so wäre er ver¬ mutlich ein Weiser geblieben, denn es sollte ja seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, daß der Ge- werkschaftsbimd im Juli 1949 5 Mil¬ lionen Schilling für die Aufbauan¬ leihe gezeichnet hat. Und was die Energieanleihe betrifft, so haben wir auch nicht auf die Rat¬ schläge des Herrn Stüber gewartet. An einem der ersten Tage, an dem eine Anleihezeichnung möglich war, hat das Präsidium des Gewerkschafts¬ bundes im Hinblick auf die Notwen¬ digkeit der Arbeitsbeschaffung eben¬ falls 5 Millionen Schilling zur Ver¬ fügung gestellt. Herr Stüber hat aber in seiner Rede auch behauptet, die Gelder des Ge¬ werkschaftsbundes würden dazu ver¬ wendet, den Wahlkampf der Soziali¬ stischen Partei zu finanzieren. Auf unsere Erwiderung in der „Solidari¬ tät" vom 11. Mai hat sich nun ein Herr Bundesrat Schuh berufen ge¬ fühlt, mil viel Wortgepränge die Be¬ schuldigungen des Abgeordneten Stüber zu bekräftigen. In dem Wo¬ chenblatt „Der Unabhängige“ ver¬ öffentlichte er am 23. Mai einen eben¬ so langen wie langweiligen Artikel, um unter anderem zu beweisen, daß tatsächlich der „Millionenschatz des Gewerkschaftsbundes“ zu Wahl¬ kampfzwecken herangezogen wurde. Dieser „Beweis" besteht lediglich aus t*er im Zeichen höchster Erregung vorgebrachten Feststellung, daß von „roten Betriebsräten" Wahlfondsmar¬ ken der SPÖ verkauft wurden. Dies ist aber natürlich keine Angelegen¬ heit des Gewerkschaftsbundes und seiner Finanzverwaltung, sondern Sache einer politischen Fraktion. Kein sozialistischer Betriebsrat wird es sich von einem Herrn Stüber oder einem Herrn Schuh verbieten lassen, Wahlspenden einzukassieren. Das gleiche Recht haben ja übrigens auch Betriebsräte und Funktionäre anderer Fraktionen. Das ist also das Ende der Behaup¬ tung, die der Abgeordnete Dr. Stüber aulgestellt hat. Hätte er die gleiche Behauptung am Biertisch gemacht, so hätte ihm das schlimmstenfalls eine „Runde" gekostet, so aber mußte sein eigenes Blättchen klein beigeben und er selbst ist blamiert. Es bleibt jetzt nur abzuwarten, ob er seine Parla¬ mentsrede vom 22. April revidieren wird. ERSPARNISSE OBER DIE MAN IMMER VERFÖGEN KANN UND DIE SICHER ANGELEGT SIND, ERWIRBT MAN DURCH ZEICHNUNG DER WERTGESICHERTEN ENERGIE-ANLEIHE 1953 SIE IST DIE BESTE GELDANLAGE, BRINGT HOHE ZINSEN, STEUERBEGÜNSTIGUNG, HOHE GE¬ WINSTCHANCEN UND SICHERT DIE ZUKUNFT Arbeiter und Angestellte versichern bei der Städtischen Versicherungsanstalt Wien, I., Tuchlauben 8 Tel.: U 28-5-90 Geschäftsstellen im ganzen Bundesgebiet SOLIDARITÄT Nr. 192 Seite 3

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