Full text: Solidarität - Juni 1953, Heft 192 (192)

ft % Bei dem Wort Kärnten erwachen in uns un willkürlich Erinnerungen an sorglos verlebte Urlaubstage inmitten kristallklarer Seen und abendrotumglühter Berggipfel. Vielleicht denkt man, wenn von Kärnten die Rede ist, auch an ge- schmalzene Hotelrechnungen und karawankenhohe Pensionspreise, die unseren kühnen Urlaubsplänen jedesmal einen gehörigen Dämpfer aufsetzen. Wie dem auch sei. In unseren Augen ist das liebliche Kärnten ein gesegnetes, devisen- ,,toten Saison" beschäftigt werden. Und das ist in Kärnten ein noch ungelöstets Problem. Es weiden immer mehr Am 31. Oktober 1951 waren in ganz Österreich 4448 Bauarbeiter arbeitslos.' Anfang Mai 1953 — also bereits in der Bausaison — waren es in Kärnten allein 4500. Das Baugewerbe, das Herzstück der Kärntner Beschäftigungspoli¬ tik, brauchte, wie überall in Öster¬ reich, neue Impulse. Von weither fahren die Arbeitslosen mit ihren Rädern in die Stadt, um beim Arbeitsamt ihre Unterstützung zu empfangen. In langen Reihen stehen die Räder in den Fahrradständern, genau so, wie sie in den Fabriken oder Baustellen stehen könnten, aber heule gehören sie nicht Schaffenden, sondern widerwillig Feiernden Und er hat damit so wie vor sechs Monaten auf den Dachfirsten des im November 1952 fertiggestellten kalorischen Kraftwerkes im La¬ vanttal auch in der Frage der Ar¬ beitsbeschaffung den Nagel auf den Kopf getroffen: denn Bauen heißt, die Arbeitslosigkeit be¬ kämpfen. Durchschnittlich 1500 Menschen waren damals in Sankt Andrä zweieinhalb Jahre hindurch be¬ schäftigt. Und diese 1500 Bau¬ arbeiter hat bisher keine neue oder andere Baustelle aufgesogen. Sie gehen stempeln, obwohl sich die Sonne längst in Kärntens herr¬ lichen Seen spiegelt, und obwohl das Land mehr Wohnhäuser, Schu¬ len und Kraftwerke denn je be¬ nötigt. Auch der Bau der Möll-Über- leitung in Heiligenbtut geht sei¬ nem Ende entgegen. Im vorigen Jahr waren dort noch 1200 Arbei¬ ter beschäftigt. Heuer sind es nur mehr 500. Besonders viele Arbei¬ ter der Holzbranche sind jetzt arbeitslos, da Kärntens Holzexport — er beträgt drei Fünftel des ge¬ samten österreichischen Holz¬ exports — heuer stark zurückge¬ gangen ist. Das Antimonbergwerk in Rabant ist wegen Absatzschwie¬ rigkeiten stillgelegt. Das Glimmer¬ bergwerk in Sankt Andrä mußte den Betrieb infolge erdrückender ausländischer Konkurrenz einstel¬ len. Die Bleiberger Bergwerks¬ union in Arnoldstein baut vorüber- „So einen Bau, wie in Sankt Andrä braucherten wir wieder", sagt uns der Zimmermann Karl F. auf dem Arbeitsamt in Klagenfurt. Schon vor mehreren Monaten mulite die vielfach vom Auslandsmarkt ab¬ hängige Zündwarenfabrik ihre Produktion einstellen. In letzter Zeit machte sich die ausländische Konkurrenz entscheidend bemerkbar. Wann werden die Maschinen wieder anlaufen? Täglich kommen die Arbeiter, aber immer noch hängt die Tafel mit der Aufschrift „Arbeitskräfte werden zur Zeit keine benötigt“ an dem Tor bringendes Fremdenverkehrsland mit dem internationalen Treffpunkt der „vornehmen Leute" in Velden am Wörthersee. Das andere Kärnten Hinter dieser, nur zwei Som¬ mermonate dau¬ ernden und üppi¬ gen Wohlstand vortäuschenden Fremdenver¬ kehrssaison aber liegt das andere Kärnten. Das Kärnten der Ar¬ beitslosigkeit, der stillgelegten Be¬ triebe und der eingeschränkten Bautätigkeit, die allein gegenüber dem Vorjahr um fast zweieinhalb¬ tausend mehr ar¬ beitslose Bauar¬ beiter verschul¬ det hat. Kärnten ist derzeit neben dem .Burgenland und Niederöster¬ reich ein Notstandsgebiet, und diese Tatsache schaffen kein Blumenkorso am Wörthersee und keine noch so hohe Bakkaratpartie im Spielkasino in Velden aus der Welt. Kärntens Fremdenverkehrssaison allein bringt keine fühlbare Er¬ leichterung der Arbeitslosigkeit mit sich. Denn die im Hotel- und Gastgewerbe für kurze Zeit not¬ wendigen zusätzlichen Arbeits¬ kräfte wollen auch in der langen Seite 4 Nr. 192 SOLIDARITÄT Zwei Schneiderinnen — arbeitslos! Nach dem Empfang der Unterstützung prüfen sie nochmals die Eintragungen auf der Arbeitslosenkarte. Wann wer¬ den sie endlich nicht mehr stempeln gehen müssen? gehend 300 Arbeiter ab, da sie weniger Blei verkaufen kann, als in dem ergiebigen Bergwerk ge¬ fördert wird. Und hätte der öster¬ reichische Gewerkschäftsbund der Drau-Krattwerke-A. G. nicht durch die Arbeiterbank einen Kredit von 10 Millionen Schilling verschafft, wäre die Baustelle in Reisseck auch noch auf Monate hindurch ein ödes Gelände geworden. An allen Ecken und Enden sind in Kärnten Löcher aufgerissen, aus denen sich ein Strom von über 11.000 Arbeitslosen ergießt. Und trotzdem wurden heuer die Bun¬ deszuschüsse für Bauvorhaben in diesem schon so oft umstrittenen Grenzland eingestellt; damit ist leider auch die Dotierung des Lan¬ des Kärnten im Betrag von 10 Mil¬ lionen Schilling gebunden. Kärn¬ tens Arbeitslosigkeit und die der anderen Notstandsgebiete muß durch erhöhte Bautätigkeit ra¬ schest eingedämmt werden. Wer glaubt, daß dieses Problem allein durch lange theoretische Erwä¬ gungen gelöst werden kann, möge sich einmal nach Eisenstadt, Sankt Pölten oder Klagenfurt begeben und mit arbeitlosen Bauarbeitern sprechen. Was Arbeitslose erzählen Wir haben mit vielen Arbeits¬ losen in den Notstandsgebieten diskutiert, zuletzt in den Städten und Dörfern Kärntens: „Wenn man stempeln gehen muß, bleibt einem viel Zeit zum Nachdenken", sagt ein arbeitsloser Tischler¬ gehilfe zu uns. Und er hat uns überzeugt, daß er sehr klar und logisch zu denken versteht. „Die Privatindustrie hat nach dem ersten und zweiten Weltkrieg immer eine Angst gehabt, daß Kärnten zu Jugoslawien kommt", sagt er, „bei uns eine Fabrik zu bauen oder einen Betrieb zu er¬ öffnen, war daher für die Unter¬ nehmer nicht sicher genug. Die sogenannte Privatinitiative will aber mit ihrem Kapital immer nur ein fettes Geschäft machen. Wnt- schaftspolitik für die Allgemein¬ heit interessiert sie nicht. Wenn die verstaatlichten Betriebe genau so kurzsichtig gehandelt hätten,, wäre die Arbeitslosigkeit in Kärn¬ ten seit Jahren schon so arg wie h&^.er!" Dieser Feststellung un¬ seres Kollegen in Kärnten ist nichts hinzuzufügen. Der nach sechsmonatiger Ar¬ beitslosigkeit ‘?‘mrenHfSWmsF einem Kärntner Nobelbad beschäf¬ tigte Kellner Josef P. berührt wie¬ der ein anderes Problem: „In un¬ serem Gewerbe", klagt er, „gibt es zu viele Ungelernte. Sie kom¬ men fast alle aus der Landwirt¬ schaft iind betrachten das Saison¬ geschäft als zusätzlichen Ver¬ dienst." Wie recht er hat, beweist die Tatsache, daß in ganz Kärnten in der Hotel- und Gastgewerbe¬ branche nur 22 Lehrlinge beschäf¬ tigt sind. • Diese Schilderung der Kärntner Arbeitslosigkeit wäre unvollstän¬ dig, wollte man jenes leuchtende Beispiel der Solidarität verschwei¬ gen, das wir im Bleiberger Berg¬ werk in Arnoldstein erlebt haben. Seit Monaten hatte dort die ganze Bcdegschaft für einen groß ange¬ legten Betriebsausflug gespart. 160 Schilling waren nun schon für jeden einzelnen beisammen. Da kam der große Abbau. 300 Arbei¬ ter wurden wegen Absatzschwie¬ rigkeiten gekündigt. Und der Be¬ triebsausflug? Die gesamte, nicht- gekündigte Belegschaft hat zu¬ gunsten der Entlassenen auf das mühsam gesparte Geld verzichtet. Das ist der einzige Lichtblick in diesem nicht sehr ermutigenden Bericht. f. n. Eigentümei und Herausgeber Ostenelchischei Gewerkschäftsbund. Verleger: Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes. Chef¬ redakteur: Fritz Klenner. Verantwortlicher Redakteur: Karl Franta. Für die Bildbeilage verantwortlich: Fritz Konir. Gestaltung der Bildbeilage: August Makart. Alle Wien. I., Hohenstaufengasse 10—12 Druck; Waldheira- Eberle, Wien, VII., Seidengasse 3—11. II --«cv -

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