Full text: Solidarität - August 1953, Heft 196 (196)

'I bestätigt: Die Kommission ent¬ schied, daß der von der tschecho- siowakischen Regierung entsandte Arbeitgebervertreter anerkannt werden müsse, obwphl er Beamter im tschechoslowakischen Ministe¬ rium für die verstaatlichte Schwer¬ industrie sei. Die Arbeitgeberkurie hatte gegen seine Anerkennung Einspruch erhoben. Neben den der Fortbildung des Arbeitsrechtes dienenden Be¬ schlüssen bildete heuer ein wichti¬ ges Diskussionsgebiet das Problem der Produktivitätssteigerung. Aus der eingehenden Aussprache, an der sich auch Sozialminister MaisSl beteiligte, ergab sich, daß gewisse Voraussetzungen für eine Steige¬ rung der Produktivität, wenn sie auch von der Arbeitnehmerseite gefördert werden soll, erfüllt sein müssen, nämlich: die Steigerung der Produktivität darf nicht Arbeits¬ losigkeit hervorrufen, ferner müssen die Vorteile einer höheren Pro¬ duktivität gerecht verteilt werden, und schließlich darf von den Ar¬ beitnehmern nicht ein Arbeitstempo verlangt werden, das sie größeren Gefahren für ihre Gesundheit und Sicherheit aussetzt. Die Landesexekutiven UMterdeiA Versprechen und Haften In der Bau- und Montageabteilung der Sowjetischen Mineratölverwaltung (SMV) wurden von 1200 Beschäftigten 400 entlassen und weitere Entlassun¬ gen werden vorbereitet. So wie jedes Jahr wurde seltsamer¬ weise auch heuer wieder in Urgers- bach, einem in Niederösterreich ge¬ legenen Ort, ein Erholungsheim der Sowjetischen Mineralölverwaltung fei¬ erlich „eröffnet". Bei dieser „Eröff¬ nungsfeier" versicherte der Zentral¬ betriebsrat H e i n i s c h den erstaun¬ ten Anwesenden unter anderem: „Die Arbeiter der Sowjetischen Mi¬ neralölverwaltung haben die besten Arbeitsbedingungen von allen Arbei¬ tern in ganz Österreich, ln der SMV braucht niemand Angst vor Arbeits¬ losigkeit zu haben." Die Kommunisten der Böhler-Ybbs- talwerke stellten am 1. Mai im Betrieb eine Tafel auf, darauf stand geschrie¬ ben: „Wer nicht mit uns marschiert, gehört zu den Kriegshetzern." Sie notierten in Waidhofen jene Ar¬ beiter, die nicht am kommunistischen l.-Mai-Aufmarsch teilnahmen. Die Folge war vorauszusehen: Am 4. Mai überreichte der kommunistische Per¬ sonalchef dem Betriebsrat eine große Kündigungsliste, auf der 170 Arbeiter, darunter langjährige Betriebsangehö¬ rige und Familienväter mit Kindern, standen. 146 von den 170 Gekündigten waren Arbeiter und Angestellte, die trotz der Einschüchterungsversuche auf dem l.-Mai-Aufmarsch der Kom¬ munisten nicht teilgenommen hatten. Der Grund der Kündigung war Arbeits¬ mangel, obwohl kurze Zeit darauf eine große Anzahl von Kommunisten, die man aus entlegenen Gebieten herbeigeholt hatte, aufgenommen wurden. Auf verschiedene Vorhaltungen, warum so viele verdiente, langjährige Betriebsangehörige gekündigt wurden, sagte der Personalchef lakonisch: „Ich mach' mir aus meinem Betrieb kein Aitersheim." Zwei Fälle nur aus der endlosen Reihe von Terrorkündigungen in Usia- Betrieben. Versprechen und Halten sind eben zwei Begriffe. Der letztere ist den Verkündern des volksdemo¬ kratischen Schlaraffenlandes vollkom¬ men fremd. „Laßts mi aus mit der Gewerk¬ schaft! Wann ich mich organisieren laß, kriegt der Chef nur a Wut auf midi und schmeißt mich bei der nädi- sten Gelegenheit hinaus. Und wann i meinen Posten bei der Arbeitslosig¬ keit verlier, wird midi die Gewerk¬ schaft auch nicht satt machen können.“ — Der kleine Angestellte oder Ar¬ beiter Müller oder Meier, der diese Äußerung tut, ist zwar heute kein -unbedingt typischer Fall mehr, aber namentlich in kleineren Betrieben / kann man solche Bemerkungen doch immer wieder hören. Das geht aus einigen Berichten der verschiedenen Landesexekutiven des österreichi¬ schen Gewerkschaftsbundes für das abgelaufene Jahr 1952 hervor. Heute weiß aber bereits jeder Arbeiter und Angestellte, daß die Zugehörigkeit zur Gewerkschaft auf keinen Fall ein Entlassungs¬ grund sein kann. Meistens ist diese „Angst" vor der Entlassung eine billige Ausrede, um sich von der Bezahlung des Gewerkschaftsbei¬ trages zu drücken. „Wenn es noch immer Arbeiter und Angestellte gibt, die fragen: .Wo¬ zu eine Gewerkschaft?1, dann sei ihnen nur eine einzige Ziffer entgegenge¬ halten. Bei Interventionen und Rechtsvertretungen wurden den Mit¬ gliedern 1952 S 1,286.324,13 gesichert und hereingebracht“, berichtet die Landesexekutive Salzburg, und fügt hinzu: „Diese Beträge bilden jeden¬ falls eine wertvolle Illustration zu der Behauptung: „,Ich brauche keine Gewerkschaft.' Möge sich jeder, der so spricht, auch die Frage vorlegen: ,Wie lange?"' Ähnliche Erfolge konnten in allen anderen Bundesländern erzielt werden. So wurde auch in Niederösterreich an vorenthaltenen Löhnen, Gehältern, Abfertigungen usw. ein Betrag von nicht viel weniger als einer Million Schilling durch Interventionen, Kla¬ gen usw. hereingebracht. Aber wie wichtig und notwendig auch der Rechtsschutz ist, den die Gewerkschaft zu jeder Stunde und in ' jeder Lage jedem einzelnen ihrer Mitglieder zuteil werden läßt, ist doch die Rolle, die sie im Wirt¬ schaftsleben unseres Landes spielt, weit umfassender und tiefergehend. Man denke nur an die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der willkür¬ lichen Preissteigerungen und der Kartelle und Monopole. 1952 ein Wendepunkt Die Berichte aus allen Bundes¬ ländern stimmen darin überein, daß das abgelaufene Jahr 1952 einen Wendepunkt in der Entwicklung der österreichischen Wirtschaft seit Kriegs¬ ende bedeutet hat. Es ist gekenn¬ zeichnet durch ein rapides, ja viel¬ fach bedrohliches Zunehmen der Ar¬ beitslosigkeit. Am stärksten wurden von ihr Niederösterreich, das Burgen¬ land und Kärnten betroffen. Aber auch aus der Steiermark wird ein Anwachsen der Arbeitsiosenzuhl ge¬ meldet. In den am stärksten betroffenen Ländern wurden die Arbeitslosen¬ referate ausgebaut, denen es gelang, den notleidenden Kollegen immer wieder die Lage zu erleichtern, durch Beistandshilfen, durch besondere Ak¬ tionen, die einen verbilligten Fleisch¬ bezug ermöglichten, Kohle für die Wiritermonate sicherten usw. Aber mit der Linderung der Not des einzelnen ist es natürlich nicht getan. Es kam darauf an, die Ur¬ sachen der Krise zu erfassen und eine Politik zu verfolgen, die die wirtschaftliche Sicherung der ar¬ beitenden Bevölkerung gewährleistet und verhindert, daß die Lage von extremistischen Elementen ausgenützt wird. Die Ursachen der Krise — und auch darin stimmen alle Berichte überein — sind in erster Linie die allmähliche Verminderung der Mar¬ shall-Hilfe und Rückschläge auf dem Weltmarkt, die eine vorüber¬ gehende Krise der Textilindustrie zur Folge hatten. Auch das Bauge¬ werbe wurde durch die Einschränkung der Bautätigkeit in Mitleidenschait gezogen und riß dadurch das Bau¬ nebengewerbe in die Krise mit hin¬ ein. Aber trotz der Krisenverhält¬ nisse im abgelaufenen Jahr konnten die Gewerkschaften in fast allen Bundesländern ihren Milgliederstand erhöhen. Nur in Kärnten und in Vorarlberg waren leichte Rückgänge zu verzeichnen. Sie finden ihre Erklärung vielfach in Pensionierungen und in der Ab¬ wanderung von arbeitslos gewor¬ denen Mitgliedern. Ein besonderes Augenmerk wurde auch im vergangenen Jahr der Er¬ fassung der Frauen und der Jugend gewidmet. Die Frau, die neben ihrer Berufsarbeit oft auch Hausarbeit zu leisten hat, verfügt vielfach über zu wenig Freizeit und ist daher zumeist verhindert, gewerkschaftliche Funk¬ tionen auszuüben; doch konnten da fast überall nennenswerte Fortschritte erzielt werden. Unsere lugend Was die Jugend betrifft, so war sie nicht nur von der Arbeitskrise stark betroffen, sondern sie hat es auch oft viel schwerer als erwach¬ sene Arbeitnehmer, ihre sozialen Rechte zu wahren. Besonders häufig sind die Fälle, daß dem Lehrling oder dem jugendlichen Arbeiter mit Posten- verfust gedroht wird, wenn er den ihm von der Sozialversicherung zuge¬ standenen Krankenurlaub antreten will. Doch konnte im allgemeinen festgestellt werden, daß sich der Gesundheitszustand der heranwach- senden Jugend verbessert hat. Internats- und Berufsausbildungs¬ kurse, Heimabende, Theater- und Filmvorführungen, Sportveranstaltun¬ gen aller Art dienten in reicher Zahl der Ausbildung und kulturellen Hebung der Jugend, für die fast überall schöne, moderne Heime zur Verfügung sieben. Nur Oberöster¬ reich meldet einen Mangel an Heim¬ stätten, so daß die Jugend sich dort meist in Gasthäusern versammeln muß, deren Atmosphäre gewiß nicht als förderlich bezeichnet werden kann. Kultur und Fremdenverkehr Vorträge und Diskussionsabende, Theaterringe und Theatergemein¬ schaften, eine immer wachsende Zahl von Filmvorführungen, die besonders dort, wo, wie etwa im Burgenland, die Bevölkerung erst kilometerweit bis zum nächsten Kino gehen muß, großen Anklang fanden, füllen das reiche Programm der Bildungsreferate auch für die Erwachsenen. In Nieder¬ österreich ist man im vergangenen Jahr zum erstenmal darangegangen, eine eigene Schauspielergruppe zu¬ sammenzustellen, und zwar die „Wiener Komödie“, die sich sehr vorteilhaft von anderen Schauspieler¬ gruppen unterscheidet, die in Niedev- österreich „Kultur" verbreiten. Sie hat im Organisationsgebiet der Landesexekutive 130 Theatervor¬ stellungen und 14 künstlerische Abende aller Art veranstaltet. Ein besonderes Kapitel der öster- reichischen Wirtschaft bildet der Fremdenverkehr. Die absolut höchste Zahl an Übernachtungen hat Salz¬ burg zu verzeichnen. Der Anteil der Ausländer ist im ständigen Wachsen. Er ist im vergangenen Jahr auf 45.5 Prozent gestiegen. Der Be¬ richt der Landesexekutive erklärt diese Erscheinung mit dem immer stärkeren Aufkommen des „Sozial- tourismus". An die Stelle des wohl¬ habenden Fremden, der sich oft berichten wochenlang an einem Ort aufgehalten hat, tritt immer mehr der Tourist aus den Kreisen der arbeitenden Be¬ völkerung, der seinen Aufenthalt oft nur auf wenige Tage beschränken muß. Auch in Kärnten hat der Fremden¬ verkehr eine Steigerung erfahren, die ausschließlich auf einen stärkeren Zustrom von Ausländern zurückzu- führen ist, denn die Übernachtungen von Inländern sind um 3,6 Prozent zurückgegangen. Die Übernachtungen von Ausländern erhöhten sich hin¬ gegen um 14 Prozent. Die Gäste aus Westdeutschland stehen mit 42.9 Pro¬ zent an der Spitze. Der Kärntner Fremdenverkehr bemüht sich, den steigenden An¬ sprüchen der Gäste in jeder Bezie¬ hung entgegenzukommen. Vor allem wurde an das Gast- und Hotel¬ gewerbe appelliert, nicht durch überhöhte Preise den Ruf Öster¬ reichs als Fremdenverkehrsland zu schädigen. Wie notwendig es ist, auch im Fremdenverkehr richtig zu planen, wird im Bericht der Landesexekutive Tirol besonders beleuchtet. Während in der Sommersaison 1952 die Zahl der im Hotel- und Gastgewerbe beschäf¬ tigten Arbeitnehmer um rund 8000 zugenommen hat, hat in der gleichen Zeit die Zahl der arbeitslosen gast¬ gewerblichen Arbeiter nur um 2200 abgenommen. Das heißt, daß mehr als 6000 aus der Landwirtschaft stam¬ mende Arbeitskräfte in die Fremden¬ verkehrsbetriebe eingeströmt sind, obwohl noch über 4000 gastgewerb¬ liche Arbeiter arbeitslos blieben. In den seltensten Fällen aber kehren die neu eingeströmten Kräfte nach der Saison aufs Land zurück, sondern suchen andere Beschäftigungen und vermehren die Zahl der Arbeitslosen. Es ist dies nur eine Seite^^die nac Problem der Landflucht zeigt. Hier wird es notwendig sein, besomla*«. Vorkehrungen zu treffen. Arbeit im Ausland Ein Sonderproblem ergibt sich für die Landesexekutive Vorarlberg durch die sogenannten Grenzgänger. Das sind jene Personen, die täglich einer Beschäftigung im benachbarten Liech¬ tenstein oder in der Schweiz nach¬ gehen. Ihre Zahl sank im abgelaufe¬ nen Jahr von 3085 auf 2656. Hier ist eine Zusammenarbeit mit den zustän¬ digen gewerkschaftlichen Organisa¬ tionen der Nachbarländer erforderlich, und es gelang wiederholt, die Inter¬ essen der Österreicher in diesen Ländern z.u wahren. Da sich auch in der Schweiz gewisse Krisenerschei¬ nungen zeigten, galt es, die Entlassung von Grenzgängern möglichst zu ver¬ hindern. Auch mit den bayrischen Gewerkschaften wurden gute Bezie¬ hungen angebahnt. Es sind dies nur einige wenige Aus¬ schnitte aus den umfassenden und eingehenden Berichten der Landes¬ exekutiven des ÖGB der acht Bundes¬ länder. Aber auch diese wenigen Streiflichter leuchten das weite und vielfältige Gebiet ab, in dem die österreichische Gewerk- schaitsbewegung unermüdlich und oft unter den schwierigsten Verhält¬ nissen tätig ist und mit den Inter¬ essen ihrer Mitglieder zugleich die wirtschaftlichen Interessen unseres Vaterlandes verteidigt. Nicht immer wird dies auch,von der Unternehmerseite erkannt. Auch im vergangenen Jahr sah sich die Gewerkschaft zuweilen gezwungen, die Rechte der Arbeitnehmer, die Er¬ langung von Kollektivverträgen durch gerichtliche Interventionen, da und dort mit Warnstreiks durchzusetzen. Umso erfreulicher ist es, wenn die Landesexekutive Tirol berichten kann, daß dort die Gewerkschaftsbewegung von allen Behörden und Dienststellen anerkannt und beachtet wird. Seite 2 Nr. 196 SOLIDARITÄT

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