Full text: Solidarität - September 1953, Heft 199 (199)

Mit Bildbeilage — Vbb Auf Wiedersehen beim nächsten Gewerkschafistreffen! ZENTRALORGAN DES ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTSRUNDES 14. SEPTEMBER 1953/NR.199 PREIS 25 GROSCHEN Das Fest der Solidarität Die Tage des Dritten Gesamtösterreichischen Gewerkschaftstrefiens waren erfüllt von einem großen Bekenntnis: vom Bekenntnis zehn- tausender arbeitender Menschen zu brüderlicher Gemeinsamkeit. Eine ganze Woche hindurch stand Wien im Zeichen des sechzigjährigen Jubiläums der österreichischen Gewerkschaftsbewegung. Aus allen Bundesländern waren tausende und abertausende Besucher nach Wien gekommen, um an dem Fest der österreichischen Arbeiterschaft teil¬ zunehmen. Theateraufführungen, Sportveranstaltungen, Platzkonzerte, Stadtrundfahrten, Betriebsbesichtigungen und die interessante Vor¬ tragsreihe „Internationales Gespräch“ boten Anregung und Abwechs¬ lung für jeden der vielen willkommenen Gäste. Und als dann zum Wochenende weitere zehntausende Besucher zum Gewerkschafts¬ treffen nach Wien kamen, fand das große Fest einzigartige Höhe¬ punkte. Der Festzug, das Festspiel, die Freilichtausslellung und die Abschlußkundgebung mit der festlichen Beleuchtung des Wiener Rat¬ hauses werden allen, die das erleben durften, unvergeßlich bleiben. Nun ist das Fest vorbei. Alle sind wieder an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt, aber es ist ein an¬ derer Alltag, der die meisten wie¬ der umfängt, ln die schöne, freu¬ dige Erinnerung mischt sich dais stolze Gefühl der gemeinsamen Kraft und Stärke, das Bewußtsein der Verbundenheit und die Zu¬ versicht auf künftige Erfolge im Ringen um ein besseres Leben. Sprechen wir es offen aus: Die österreichische Arbeiter¬ schaft hat mit diesem Gewerk- Schaftstreffen einen großen Sieg errungen. Sechs Jahrzehnte eines wechselvollen gewerk¬ schaftlichen Aufstieges gipfelten in diesen Tagen in einer einzig¬ artigen Demonstration gemein¬ samen Höffens und Wollens, wie sie Wien noch niemals er¬ lebt hat. Die Wiener Ringstraße hat schon so manche machtvolle De¬ monstration der politischen Arbei¬ terbewegung erlebt, aber noch niemals ein solche« Bekenntnis zu gewerkschaftlicher Solidarität. Wie es früher war... Festzug, Festspiel und Freilicht¬ ausstellung zeigten den Aufstieg des Arbeiters aus Knechtschaft zu Gleichberechtigung und Men¬ schentum. Ein Stück Welt¬ geschichte rollte vor aller Augen ab; nicht jene Weltgeschichte, die nur von Herrschern und von Krie¬ gen berichtet, sondern die Ge¬ schichte der alles beherrschenden schöpferischen Arbeit und die Geschichte des Kampfes der Ar¬ beitenden um Recht und Anerken¬ nung. Wenn sich auch alles, was zu schauen war, nur auf Andeu¬ tung und Symbol beschränken mußte, so lag doch in dieser Schau unseres gemeinsamen Werdens eine ungeheure Ein¬ druckskraft, die gewiß viele aum Nachdenken veranlaßt hat. Und Nachdenken ist immer der erste Schritt zum sozialen Be¬ wußtsein gewesen. Viele der älteren Gewerkschaf¬ ter können sich nur zu gut noch daran erinneren, wie es früher war. Für sie war die 60-Jahr-Feier der österreichischen Gewerk¬ schaftsbewegung eine innere Ge¬ nugtuung über das Mitwirken und Mitkämpfen auf dem dornenrei¬ chen Wege vom Gestern zum Heute. Für die Jugend aber, die mit wachem Sinne das bisher Erreichte erfaßte, bedeutete das Fest freudige Verpflichtung, den so sichtbar erfolgreichen Weg vom Heute ins bessere Morgen zu eigenem gemeinsamem Nutzen fortzusetzen. Der Sieg einer großen Idee Wer in den Reihen der öster¬ reichischen Gewerkschaften steht, hat neue Kraft empfangen, wer noch außerhalb verharrt, muß — deutlicher denn je — empfunden (Fortsetzung aut Seite 3) Taten, nicht Worte! Das Dritte Gesamtösterreichische Gewerkschaftstreffen bot zahlrei¬ chen führenden Männern aus Poli¬ tik und Wirtschaft Anlaß, dem Gewerkschaftsbund anerkennende Referenz zu erweisen. Neben dem von der gesamten Arbeiterschaft unseres Landes hochverehrten Herrn Bundespräsidenten Dr. Körner sprach auch Bundeskanzler Ing. Raab zur Eröffnung des Gewerk¬ schaftstreffens Worte der Anerken¬ nung und Wertschätzung. „Allein die Tatsache", so sagte der Bun¬ deskanzler unter anderem, „daß die Vertreter der Regierung heute in Ihrer Mitte erscheinen und Ihnen diese Glückwünsche, aufrichtig und ehrlich gemeint, über¬ bringen, kennzeichnet die Zusam¬ menarbeit, die zwischen Regierung und Gewerkschaft nunmehr seit acht Jahren besteht und die, wie ich glaube, auch für andere Staa¬ ten beispielgebend sein könnte. Die Tatsache, daß der Ge¬ werkschaftsbund, trotzdem er Grup¬ pen verschiedener Weltanschauun¬ gen vertritt, in so verständnisvoller Art mit allen anderen Faktoren zu¬ sammengearbeitet hat, setzt ihm ein Denkmal in der Ge¬ schichte der zweiten Republik." Wer hätte als Gewerkschafter solche und ähnliche Worte aus dem Munde namhafter Politiker und Staatsmänner nicht mit großer Ge¬ nugtuung aufgenommen. Aber — leider muß man diese Frage stel¬ len — hat sich in diese Genugtuung nicht auch der bittere Wermuts¬ tropfen des Zweifels gemengt, den man mit den Worten Goethes aus- drücken könnte: „Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube"? Was ist es, das solchen Zweifel nährt? Es ist die bittere Erfahrung, daß zwischen feierlichen Erklärun¬ gen bei festlichen Anlässen und der rauhen Wirklichkeit in Gesetz¬ gebung und Verwaltung allzu oft ein allzu großer Unterschied be¬ steht. So sehr wir uns über eine Anerkennung aus berufenem Munde freuen, so sehr würden wir uns das eine wünschen, daß es nicht bei der Anerkennung und bei der wohlwollenden Erklärung bleibt, sondern daß den guten Worten bessere Taten folgerj. Es sage keiner, das sei ein un¬ mögliches Verlangen, der Gewe.k- schaftsbund fordere UnmögTches, so daß aus feierlicher Rhetorik nie¬ mals politische Wirklichkeit werden könnte. Im Gegenteil: die Forde- dbatifc des $etvetß&cfta(ti>(tHHde& Das Dritte Gesamtösterreichische Gewerkschaftstrefien war e i n voller Erfolg. Viele Zehntausende haben an den Veranstaltungen teilgenommen und Hunderttausende waren Zuschauer beim großen Fest¬ zug. Besonderen Eindruck erweckte die Freilichtausstellung am Sonn¬ tagabend. Der österreichische Gewerkschaftsbund dankt allen Teilnehmern für die Bekundung ihrer Treue zur Gewerkschaftsbewegung und er dankt der Wiener Bevölkerung für die aufrichtige Gastireundschaft, mit der sie die Gewerkschaftsmitglieder aus den Bundesländern empfangen hat. Der Gev/erkschaftsbund dankt der großen Zahl der Heiler, insbesondere den Gestaltern der Festwagen, die durch ihre Mitarbeit zum erfolgreichen Gelingen beigetragen haben. Besondere Anerkennung gebührt den Wiener Polizeibeamten für die reibungslose Abwicklung des umfassenden Ordnungsdienstes und der Verkehrsregelung. Der Gewerkschaftsbund dankt dem Wiener Polizei¬ präsidenten und seinen Mitarbeitern für die hervorragende Unter¬ stützung, die sie dem Treffen zuteil werden ließen. Er dankt auch den Wiener Straßenbahnern für ihren Einsatz bei der Abwicklung des Straßenbahnverkehrs. Desgleichen hat das Entgegenkommen der Wiener Stadtverwaltung entscheidend zum Erfolg des Treffens beigetragen. Der Gewerkschartsbund dankt dem Bürgermeister der Bundeshauptstadt und den Bediensteten der Stadtverwaltung. Das Echo, das die 60-Jahr-Feier des organisatorischen Zusammen¬ schlusses der Gewerkschaften in weiten Kreisen der Bevölkerung ge¬ funden hat, muß dazu ausgenützt werden, unserer großen Organisation weitere neue Mitglieder zuzuführen. An das Treffen wird daher eine bis Ende des Jahres laufende Werbeaktion anschließen. Die Tage des Gewerkschaitstreffens werden allen Teilnehmern in steter Erinnerung bleiben. Gestützt auf seine Stärke und die Treue seiner Mitglieder wird der Gewerkschaftsbund weiterhin unentwegt für die Verbesserung des wirtschaftlichen und sozialen Aufstieges der österreichischen Arbeiter und Angestellten eintreten. Es lebe die demokratische Gewerkschaftsbewegung! Für den österreichischen Gewerkschaftsbund: Karl M a i s e 1 Erwin Altenburger Anton P r o k s c h Vizepräsident Vizepräsident Generalsekretär

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.