Full text: Solidarität - September 1953, Heft 199 (199)

EIN FEST DER ARBEIT Streiflichter aus dem großen Gewerkschaftstreffen „Meine Frau und ich waren auch beim Gewerkschaftstreffen. Wir vom Lande haben so etwas noch nicht gc- sehn. Auch im Stadion waren wir .das erstemal. Der historische Festzug war für uns sehr lehrreich.. Und dann abends im Stadion, diese schöne und imposante Feier wird uns immer im Gedächtnis bleiben." * Kollege Heinrich K. musiziert in «einer Freizeit bei einer Salzburger Betriebskapelle. Er war erstaunt über die große Konkurrenz, die seine Kapelle beim Gewerkschaftstreffen erwartete. 46 Blasmusikkapellen sind zum klingenden Wettbewerb ange¬ treten. Es war schwer für die Jury, die beste herauszufinden. Für die fast hunderttausend Menschen, die ent¬ lang der Festzugsstraße Spalier ge¬ standen sind, war es leichter, sie hat das Spiel jeder einzelnen Kapelle begeistert. Mil dem oft stürmischen Beifall haben die Kollegen im Spalier auch die körperlichen Strapazen an¬ erkannt, die jede Musikkapelle auf der über sieben Kilometer langen Festzugsstraße auszuhalten hatte. Kollege Heinrich K. ist nicht ent¬ täuscht, daß seine Kapelle nicht den Maulhalten und roboten.* Und wäh¬ rend er uns von seiner oft vierzehn¬ stündigen Arbeitszeit und von seiner freudlosen Jugend erzählt, rattern 1700 Motorräder über die Wiener Ringstraße, zieht — jeder eine Epoche des Aufstieges zeigend — Wagen um Wagen des Festzuges an uns vor¬ über, weht ein Meer von Fahnen in den strahlenden Spätsommertag, und die fröhlichen Weisen der Musik¬ kapellen können manchmal das be¬ geisterte Händeklatschen tausender festlich gekleideter Menschen kaum übertönen. Auf dem Rathausplatz aber grüßt der erste Mann des Staate«, unser Bundespräsident, die vorbeiziehenden Arbeiter und Angestellten. Welch ein Aufstieg in den 60 Jahren der Ge¬ werkschaftsbewegung! Mit gezogenem Säbel haben damals berittene pickel¬ haubentragende Polizeibüttel jede kleinste Arbeiterversammlung „auf¬ gelöst"! Und heute? Stolz marschieren als Arbeiter unter Arbeitern — Abordnungen unserer Exekutive in den Reihen mit, und ihre Kollegen verschaffen dem fünf Kilometer langen Festzug freie Bahn. Unser weißhaariger Kollege aus Auf der Ehrentribüne am Wiener Rathausplatz sitzen tausende alte ver- diente Gewerkschafter. Sie sehen beim Festzug im Zeilraffertempo ihr eigene. Leben voruberziehen — den Aufstieg vom Lohnsklaven zum freien Arbeiter Hund zum Gewerkschaftstreffen ge¬ kommen. Er hat voriges Jahr beim Treffen in Leoben einem Wiener Ehepaar Quartier gewährt und war nun heuer bei dieser Familie zu Gast. „Für mich sind die jährlichen Ge¬ werkschaftstreffen schon ein Teil meines Urlaubs geworden", sagt er, „und ich wurde noch nie enttäuscht. Es ist ein schöner Brauch, den da der Gewerkschaftsbund eingeführt hat.“ Wie es ihm in Wien gefallen hat? „Wiener Tant" mitgegeben hat. Dann macht er mit strahlender Miene einen herzhaften Biß in die köstliche Mehl¬ speise und — schweigt. . Wir haben uns verstanden, Peperl: Fein war's in Wien, gelt! * Und da ist ein Brief vom Kollegen Konrad B. aus Grünbach in der Steiermark, mit einfachen Sätzen, aber aus übervollem Herzen ge¬ schrieben. WW Drei Stunden lang zieht der imposante Festzug über den Rathausplatz. Diesmal kommt die Schaulust unserer Kolleginnen und Kollegen voll auf ihre Rechnung. sä» Bundesprasident die Hülle von dem Denkmal löst. Seile 4 Nr. 199 SOLIDARITÄT ersten Preis gewonnen hat: „Die Be¬ triebskapellen gehören mit zur Ar¬ beiterbildung und die Wettbewerbe bei den Gewerkschaftstreffen sollen ein Ansporn sein, immer bessere Leistungen zu erzielen“, sagt er, „wenn nicht heuer, dann vielleicht nächstes Jahr, wir werden jedenfalls dazuschauen. Es ist ja nicht das letzte Gewerkschaftstreffen." Kollege K. hat recht. Nicht die Spitzenleistung und nidit ein erster Preis sind entscheidend. Jeder Atbeiter und Angestellte, der in seiner Frei¬ zeit lernt oder sich künstlerisch be¬ tätigt, leistet ein gutes Stück Bildungs¬ arbeit, und das ist das Maßgebende. * Unsere alten Kolleginnen und Kol¬ legen haben es sich nicht nehmen lassen, beim Gewerkschaftstreffen überall dabei zu sein. Sie haben lange Bahnfahrten nicht gescheut und sind sogar im Festzug stramm mit¬ marschiert: „Wir wissen warum", sagt ein weißhaariger Steiermärker im Spa¬ lier mit dem goldenen ÖGB-Abzeichen im Knopfloch, „in unserer Jugend wär n wir froh g'wesen, wenn wir einmal auf der Straßen- demonstrieren hätten dürfen. Aber damals hat's für die Arbeiter nur eine Parole geb'n: der Steiermark ist plötzlich schweig¬ sam geworden. Er schaut und schaut; im Zeitraffertempo sieht er hier sein eigenes, Leben vorüberziehen, den Aufstieg vom ausgebeuteten Tag¬ löhner zum freien, gleichberechtigten Arbeiter. * Kleine Begebenheiten aus dem großen Treffen, bunte Steinchen aus dem prächtigen Mosaik — 3. Gesamt¬ österreichisches Gewerkschaftstreffen. Da ist der schwerinvalide Kollene aus Schwechat, der mit seinem Roll- fahrstuhl am Tage des Festzuges über 40 Kilometer zurückgelegt hat, um überall dabei zu sein, und da ist die Kollegin R., die ihren alten, blinden Mann zur Eröffnungsfeier und zu an¬ derer. großen Veranstaltungen führte, weil er das miterleben wollte, für das er vor Jahrzehnten, noch als, Sehen¬ der, gekämpft hat 3. Gesamtösterreichisches Gewerk¬ schaftstreffen — ein Meilenstein in der Geschichte der Gewerkschafts¬ bewegung. Noch klingen uns die Lieder der Jugend in den Ohren, einer Jugend, deren heiße Herzen den Ge¬ danken der Gewerkschaft und der Solidarität weitertragen werden, derr Ziele entgegen. f, n. Josef B. und seine Gattin sind be¬ geistert. „Ich hab1 das. erstemal in meinem Leben eine Oper gesehen”, sagt Frau B., „es war wundervoll, und erst der Festzug und das Feuer¬ werk und, und...." Wessen Herz voll ist, dessen Mund geht über. Nur der kleine Peperl entlockt mir erst zwei rot-weiß-rote Fähnchen, bevor er mir «eine „Wiener Eindrücke" schildert. Er macht es kurz. Er greift in die Rocktasche und zieht eine mächtige Buchtel hervor, die ihm die Wien war sieben Tage hindurch Mittelpunkt und Ziel zehntausender Kolleginnen und Kollegen aus allen Bundesländern. Sie haben Österreichs Metropole als eine Stadt der Arbeit, aber auch als eine Stadt der Kultur und des Frohsinns kennengelernt. Hören wir, was unsere Kollegen vom Gewerkschaftstreffen und von Wien zu erzählen wissen. * Kollege Josef B., ein Tischler aus Leoben, ist mit Kind und Kegel und

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