Full text: Solidarität - September 1953, Heft 200 (200)

Warum sind die Versammlungen schlecht besucht? Unter diesem Titel brachten wir in Nr. 196 d« „Solidarität“ vom 3. Au¬ gust eine Leserzuschrift, zu der ein anderer Kollege mit folgenden Aus¬ führungen Stellung nimmt. Funktionäre unserer Gewerkschafts¬ bewegung beschäftigen sich seit langem damit, was zu tun sei, um das Interesse für die Gewerkschaftsver¬ sammlungen zu erhöhen. Als Ursache der Gleichgültigkeit für diese Ver¬ anstaltungen wird manchmal ange¬ führt, daß bei solchen Anlässen den, verschiedenen Tagesfragen, wie Woh¬ nungsangelegenheiten, Werksküchen, Fahrtmöglichkeiten usw., von den Re¬ ferenten zu wenig Augenmerk ge¬ schenkt werde. Diese Annahme trifft jedoch nur im geringen Maße zu, denn der schwache Besuch der Versammlungen ist haupt¬ sächlich dem in unserer Zeit so häufig in Erscheinung tretenden Umstand zu¬ zuschreiben, daß die Leute nur ungern in den Betrieben sind und in ihrer Freizeit nicht einmal an sie erinnert werden wollen. Die wenigsten Menschen haben die Beschäitigung, die sie wirklich wollen. Viele arbeiten nur, um ihre und ihrer Angehörigen Existenz zu sichern. Freude am eigenen Wirken finden nur wenige. Die meisten der in der Industrie Beschäftigten sind sich bewußt, daß ihre Kräfte und Fähigkeiten nicht ent¬ sprechend eingesetzt sind. Sie fühlen sich daher an ihren Arbeitsplätzen un¬ befriedigt, fürchten dabei aber den¬ noch sie zu verlieren. Die vielleicht nur vermeintlich drohende Arbeits¬ losigkeit wirkt allzu bedrückend und läßt die Menschen resignieren. In der Annahme, daß ihnen niemand im Betrieb helfen wolle oder könne, werden sie verbittert und trachten nach Schluß jedes Arbeitstages sobald wie nur möglich aus dem Betrieb her¬ auszukommen. Was in dieser Hinsicht täglich am Feierabend zu beobachten ist, kann ohne Übertreibung als „Flucht aus dem Betrieb" bezeichnet werden. Keine auch noch so inter¬ essante Veranstaltung findet die ge¬ bührende Beachtung, ob sie nun inner¬ halb des Betriebes abgehalten wird oder auch bloß an die dort herrschen¬ den Verhältnisse erinnert. Eine nicht geringe Anzahl von Arbeitern und Angestellten fühlt sich auch von der scheinbaren Kleinheit und Alltäglichkeit der in den Gewerk¬ schaftsversammlungen behandelten Fragen und Problemen abgestoßen. Es darf keineswegs vergessen werden, daß während des nationalsozialisti¬ schen Regimes die Massen bei den verschiedenen Veranstaltungen jedes¬ mal aufgepulvert wurden. Vor jeder Versammlung tat sich allerlei an Vor¬ bereitung. Marschmusik, spannungs¬ volles Warten auf den jeweiligen Red¬ ner, wohlverteilte Claqueurgruppen, die für brausende Beifallsstürme und donnerndes Siegheilrufen zu sorgen hatten. Der Inhalt aller Reden war auf Gemütserregung abgestimmt. All diese Dinge leben noch immer in der dump¬ fen Erinnerung der Massenseele fort. Unsere Gewerkschaftsversamm¬ lungen dagegen, die nicht nur sehr nüchtern sind, sondern oft sogar einen ausgesprochen kärglichen Eindruck machen, können deswegen auf die noch aus der faschistischen Ära an starke Reizmittel gewöhnten Gemüter nicht entsprechend wirken. Natürlich soll damit nicht gesagt sein, daß nunmehr die Gewerkschaft sich eine tönende Phraseologie zu¬ legen und Massenkult betreiben soll. Im Gegenteil — die Gewerkschaft muß an den Einzelmenschen heran¬ kommen. Sie muß sich um seine Be¬ dürfnisse kümmern, die nicht immer materieller Natur sind. Der Gewerk¬ schaftsfunktionär muß zum Ver¬ trauensmann im wahren Sinne des Wortes, zum Mann des Vertrauens im Betrieb werden. Er muß das Mi߬ trauen unter den arbeitenden Men¬ schen abbauen. Es darf auch nicht außer acht gelas¬ sen werden, daß von manchen Leuten die Notwendigkeit des Bestehens-der Gewerkschaft nicht mehr anerkannt wird, weil die sozialen Crenzen ver¬ wischt sind. In unserer Zeit stehen die Arbeiter und Angestellten nicht mehr dem Unternehmer schlechtweg gegen¬ über, der früher schon am ersten Blick als Gegner zu erkennen war und deif Typus des unsympathischen Kapita¬ listen darstellte. Die Arbeiterschaft hat es jetzt zum größten Teil mit ebenfalls für ihre Tätigkeit entlohnten Leuten — den Managern, die manchmal sogar selbst der Gewerkschaft angehören — zu tun. Es ist heute durchaus nicht leicht zu unterscheiden zwischen hüben und drüben. Die Zeiten der Kämpfe um die Grundrechte der Arbeiterschaft, die so vielen Menschen seelischen Auf¬ trieb verliehen haben, sind längst vorbei. Das Streiten um die anschei¬ nend kleinen Dinge des Alltags füllt aber die Herzen nicht aus. Besonders die Jugend ist es, die den Problemen des Werktages ihrer angeblichen Nüchternheit wegen ausweicht und meist unbewußt nach gefühlsbeton¬ ten Zielen Sehnsucht hat. Aber auch die älteren Jahrgänge wollen nicht ausschließlich von Wirt¬ schaftsangelegenheiten hören. Sie suchen nach Möglichkeiten der Aus¬ sprache über ihre persönlichen An¬ gelegenheiten. Ebenfalls unbewußt verlangen sie, daß sie wenigstens für eine Weile über ihr gewohntes see¬ lisches Niveau emporgehoben werden. Es gilt also den Menschen zu zeigen, daß der Kampf der Gewerkschaft nicht um kleine unscheinbare Dinge geht, sondern um die Befreiung der Men¬ schen von den Fesseln der noch immer so zahlreichen Nöte des Lebens. Noch immer drohen Krieg und Hunger, Seu¬ chen und Krankheiten aller Art sind noch sonder Zahl zu besiegen. Die lodernde Fackel der Kultur muß selbst noch im Herzen des alten Europa manch düstern Winkel erhellen. So gibt es noch unzählige Ziele, um die es sich lohnt zu kämpfen! Die Gewerkschaft muß nur die Men¬ schen richtig ansprechen. Und den Ge¬ werkschaftsfunktionären muß es klar sein, daß sie als wirkliche Freunde für die andern zu handeln haben. Daß sie sich von den Managern jeglicher Art hauptsächlich dadurch unterscheiden sollen, daß sie nicht nur wirtschaftlich denken, sondern auch menschlich empfinden können! Philipp S i e g m e t h, Linz fi« qCückCidtet gewinnet Gastwirte als Zechpreller Unter dem Titel „Lohnbefriedigt ist nicht lohnbefriedigt" bringt das Facbblatt der Gastgewerbeunter¬ nehmer „Der Gastwirt" am 15. August folgenden Hinweis: Wenn ein Angestellter oder Arbeiter aus einem Betrieb austritt, so läßt sich der Betriebsinhaber meist von dem Ar¬ beitnehmer eine Bestätigung unter¬ schreiben, daß er lohnbefriedigt sei. Der Gastwirt glaubt, damit vor späteren For¬ derungen und anderen Überraschungen gesichert zu sein. Dies ist aber nicht der Fall. Nach einer neuen Gerichtsentscheidung bezieht sich das Wort ,,lohnbefriedigt’' nur auf den laufenden Lohn, nicht aber auf Überstunden, Remunerationen usw. Wer also sicher gehen will, daß der austretenae Arbeitnehmer keine nach¬ träglichen Forderungen stellen kann, muß sich folgendes unterschreiben lassen: Ich erkläre hiemit, aus meinem Dienstverhältnis gegen Sie keine wie immer geartete Forderungen mehr zu haben. Unterschrift des Arbeitnehmers Wenn der Dienstnehmer diese Be- stätigung unteischreibt, kann er gegen seinen Dienstgeber keine Forderungen mehr stellen. Das bedeutet nichts anderes als eine Anweisung, wie man den Ar¬ beiter nach der Kündigung um seinen schwerverdienlen rückständigen Lohn bringt, also gewissermaßen eine Zechprellerei der Gastwirte an ihren Arbeitern. Da dies im Grunde ge¬ nommen einem Aufruf zum Diebstahl gleichkommt, wäre eigentlich nur noch hinzuzufügen, daß ein solcher nach dem Strafgesetz verfolgt werden müßte. In unserem Preisausschreiben „Der Weg zum guten Buch — und zu einem Motorroller“ gewann den er¬ sten Preis, einen Motorroller in Luxusausführung, Kollege Johann P f a n d 1 aus Goisern. Am 9. Sep¬ tember überreichte ein Vertreter der Redaktion dem glücklichen Gewinner diesen schönen Preis. Ganz Goisern wußte bereits von dem großen Ereig¬ nis, halb Goisern versammelte sich zur Preisübergabe — und alle gönn¬ ten dem Gewinner dieses Glück von Herzen.’ Johann Pfandl, der Gewinner des Motor¬ rollers Johann Pfandl ist öffentlich Ange¬ stellter, 34 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Im Kriege wurde er schwer verwundet: eine Granate riß ihm den rechten Unterschenkel und das ganze linke Bein weg. Trotz sei¬ nes schweren Gebrechens stellt er im Leben voll und ganz seinen Mann. In der Forstverwaltung Goisern gilt er als tüchtiger und verläßlicher Be¬ amter und seit 1945 gehört er schon seiner Gewerkschaft an. Er liest auch immer aufmerksam die „Solida¬ rität" und das Fachblatt seiner Ge¬ werkschaft. Mit Hilfe von Prothesen und einem Stock kann sich Kollege Pfandl sehr gut fortbewegen, aller¬ dings kostet ihm das viel Mühe. Um die weiten Wege, die auf dem Land ja immer zurückgelegt werden müs¬ sen, leichter bewältigen zu können, hat er sich schon lange insgeheim einen Motorroller gewünscht. Nun ist dieser Wunsch in Erfüllung gegan¬ gen. Als ihm der Motorroller übergeben wurde, strahlte Kollege Pfandl vor Freude über den schönen Gewinn. Inzwischen hat er gelernt, mit einem Motorroller zu fahren. Die „Solida¬ rität" hat ihm mit diesem Gewinn neue Lebensfreude und neue Lebens¬ kraft gebracht. Wir wünschen ihm „Gute Fahrt!" Warum nicht auch bei uns? Die Arbeit spielt eine so bedeutende Rolle im Leben eines Volkes, daß es eigentlich selbstverständlich und durchaus angebracht wäre, wenn der Männer und Frauen, die den Reichtum eines Landes schaffen, auf den Mün¬ zen, den Briefmarken oder Banknoten eines Landes gedacht würde. So sind zum Beispiel in dem kleinen Industrieland Luxemburg, dessen Wirt¬ schaft weitgehend auf der Stahlindu¬ strie beruhl, seit dem Vorjahr Ein- Frank-Münzen im Umlauf, die neben der Landes- und Jahresbezeichnung das Bild eines Hochofenarbeiters an der Arbeit zeigen. Dieser schöne Gedanke hat sich in Österreich leider noch nicht durch¬ gesetzt. Das Ein-Schilling-Stück zeigt wohl die Figur eines Sämannes, alle anderen Münzen beschränken sich jedoch aut die Wertangabe und das Staatswappen. Auch unter den Briei- markenserien zeigt nur die sogenannte Aufbau-Serie auf einigen Werten arbeitende Menschen. Von unserer Banknoien-Serie zeigt nur die Fünf- Schilling-Note einen Techniker mit Zirkel, alle anderen Noten zeigen Landschaften und Gebäude. Österreichs Künstler werden gewiß — die Förderung der zuständigen Stel¬ len vorausgesetzt — unter den zahl¬ reichen typisch österreichischen Be¬ rufsgruppen eine Unzahl schöner Motive arbeitender Menschen finden, die unseren Zahlungsmitteln und Post¬ wertzeichen zum Schmuck gereichen würden. das Lied det Atßeit Das Lied der Arbeit geht um die Welt, es tönt aus Schächten und Hallen. Das Lied der ganzen Menschheit gefällt und wird verstanden von allen. Laut dröhnt der Gesang im Hammerschlag, laut braust er im Schwünge der Räder, so klingt es heute und jeden Tag und hören kann es ein jeder. Wir sind und bleiben verbunden ihr und halten die Treu" ihr durchs Leben, wir spüren die Kraft und kämpfen dafür und wollen das Letzte ihr geben. . Steffi Gerl Dieses Gedicht hat Kollegin Gerl dem Gewerkschaftsbund anläßlich der 60-Jahr- Feier in Erinnerung an ihren ver¬ storbenen Gatten, der durch 35 Jahre hindurch der Gewerkschaftsbewegung die Treue bewahrt hatte, gewidmet. VERANSTALTUNGSKALENDER 6. Oktober 19 30 Uhr Großer Konierthaussaal Wien, Hl., Lothringerstraße 20 Modenschau Kostenlose Eintrittskalten sind im Verlag des österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wien, III., R e n n w e g 1, Gassenlokal, Telephon M 11-0-50, Klappe 61, und in den Gewerk¬ schaftssekretariaten erhältlich. SOLIDARITÄT Nr. 200 Seite 3

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