Full text: Solidarität - Oktober 1953, Heft 201 (201)

Die Personentariferhöhung der Bundesbahnen Von Bundesminister für Verkehr und verstaatlichte Betriebe Dipl.-Ing. Karl Waldbrunner Die Meldungen der Tagespresse über die bevorstehende Person e n- tariterhöhung der Bundesbahnen haben eine teilweise sehr abiäl- liye Kritik einer solchen Maßnahme ausgelöst. So begreiflich es ist, daß eine Verteuerung der Bahn- oder Autobusfahrt ungern hingenommen wird, muß man doch auch Gerechtigkeit für diese Verkehrsunternehmungen verlangen, die _ wie die Bundesbahnen oder die Post — der Allgemeinheit gehören und deren Betriebsverlust nur wieder von der Allgemeinheit getragen wird. Wir lassen deshalb den zuständigen Ressortminister selbst zu Worte kommen. Es ist bekannt, daß gerade die Bundesbahnen ständig mit einem nam¬ haften Verlust arbeiten, der zu einem sehr bedeutenden. Teil auf die außerordentlichen Tarifbegünstigun¬ gen zurückgeht, die dauernd gewährt werden müssen. Der Fehlbetrag muß im wesentlichen aus S t e u er¬ mitteln aufgebracht werden, die auch von denen kommen, die nicht oder nur selten mit den Bundesbahnen fahren und Autobusse benützen. Dies läßt sich bei aller Rücksichtnahme auf wirtschaftliche und soziale Bedürfnisse nur in beschränktem Ausmaße recht- fertigen. Erhöhte Kosten im Verkehr müs¬ sen daher von den Benützern die¬ ser Verkehrsmittel mitübernommen werden. Sowohl bei der Bahn wie bei den Autobusunternehmungen sind n Laufe der letzten beiden Jahre b e- deutende Kostensteigerun¬ gen eingetreten, die keineswegs auf ein unrationelles Arbeiten zurückzu¬ führen sind. Im Gegenteil sind sowohl bei Bahn wie bei Post trotz unver¬ ändert hoher Verkehrsleistungen in dieser Zeit nahmhafte Personal- Verminderungen vorgenommen worden. Der Aufwand in der laufenden Ge¬ barung der Bundesbahnen wird im Jahre 1954 um ungefähr 1 Milliarde höher sein als er im Jahre 1951 ge¬ wesen ist. Es ist im vergangenen Jahr wohl eine bedeutende Erhöhung der Gütertarife durchgeführt worden, die' einen Teil dieser Ausgabensteige¬ rungen wettgemacht hat, zu einer Personentariferhöhung ist es aber nicht gekommen. Personentarife 2urü(kgeblieben Heute ist es leicht, Vorwürfe zu machen, daß diese Personentarif¬ erhöhung nicht früher durchgeführt worden ist. Immer, wenn in den ver¬ gangenen zwei Jahren diese Forde¬ rung gestellt wurde, ist sie von den politischen Parteien, die ihr im Haupt¬ ausschuß zustimmen müssen, zurück¬ gestellt worden. Einmal war die Stabilisierung der Preise, ein ander¬ mal die Angleichung der Wechsel¬ kurse der Grund dafür. Das Ergebnis ist, daß heute die Personentarife der Bundesbahnen daß mit Beginn des Winterfahrplanes der Fahrpreiserhöhung auf den Auto¬ buslinien nachgegeben werden mußte Die Erhöhung entspricht ungefähr der auf der Bundesbahn in Aussicht ge¬ nommenen. Der Termin Anfang Oktober wurde deswegen gewählt, um die Sommerurlaube nicht zu beeinträch¬ tigen. Bei der Bahn wird die Erhöhung sogar erst anfangs Jänner wirksam werden, so daß auch der heurige Weihnachtsurlaub noch zum nied¬ rigeren Fahrpreis abgewickelt wer¬ den kann. Erhöhung um 25 Prozent Die Erhöhung der Bahntarife muß vom Hauptausschuß des Nationalrates genehmigt werden, und dieses Geneh¬ migungsverfahren erfordert ebenso seine Zeit wie die darauf folgende Vorbereitdng der neuen Fahrkarten. Dadurch hätte die Erhöhung der Per¬ sonentarife auf den Bundesbahnen keinesfalls mit Beginn des Winterfahr¬ planes durchgeführt werden können, sondern wahrscheinlich erst wenige Wochen vor Weihnachten, was zwei¬ fellos für eine große Zahl von Bahn- benützern eine Härte gewesen wäre. über das Ausmaß der beabsich¬ tigten Erhöhung ist ja schon in der Presse berichtet worden. Es werden alle Fahrpreise — auch die ermäßig¬ ten — um 25 Prozent ihres gegen¬ wärtigen Betrages erhöht. Wie üblich werden Aufrundungen aut halbe be¬ ziehungsweise ganze Schillinge vor- genommen, die geringfügige Ab¬ weichungen ergeben können. Nach Durchführung dieser Tarif¬ erhöhung wird noch immer der Fahr¬ preis im Durchschnitt nur ungefähr das Dreifache der Vorkriegszeit ausmachen. Auch nach der Erhöhung wird der Personentarif der Bundes¬ bahnen neben dem der Italienischen Staatsbahnen zu den billigsten in Europa gehören. Ansonsten er¬ reichen die Personentarife der Bahnen in den Nachbarländern Österreichs — Deutschland und Schweiz, aber auch in Frankreich — ungefähr das Doppelte. Mit der ermäßigten Rück¬ fahrkarte wird man auch nach der Tariferhöhung noch immer billiger fahren können, als der volle Fahr¬ preis hin und zurück heute ausmacht. In der letzten Zeit wurde wieder¬ holt auch der Vorwurf erhoben, daß die Bundesbahnen heute zuviel und zu bedeutende Ermäßigungen im Personenverkehr zugestehen. Wäh¬ rend «Iso der eine Teil der Bevölke¬ rung darüber verärgert ist, daß die Bundesbahnen mehr verlangen, ist ein anderer Teil verärgert, daß sie zumindest von einem großen Teil der Bahnfahrer zu wenig verlangen. Es ist richtig, daß zum teil sehr große Ermäßigungen gewährt wer¬ den. Die bedeutendsten sind zweifel¬ los die Arbeiterwochenkar¬ ten und die Schülermonatskarten. Bei den Arbeiterwochenkarten er¬ geben sich Ermäßigungen bis zu 90 Prozent des vollen Fahrpreises und bei den Schülermonatskarten bis zu 95 Prozent. Diese Ermäßi¬ gungssätze werden auch weiter hin beibehalten. Im Vergleich zur Vorkriegszeit braucht ein Arbeiter nach der beab¬ sichtigten Erhöhung nu' ungefähr ein Drittel an Arbeitsstunden, um sich den Betrag der Wochenkarte zu erarbei¬ ten. Bei der Schülermonatskarte ist der Unterschied noch größer. Die Ar¬ beiterwochenkarte wird nach der Er¬ höhung bei Entfernung bis 5 km S 5,20, bis 10 km S 8,30, bis 20 km S 13,30, bis 40 km S 20,80 betragen. Die Schülermonatskarte wird nach der Erhöhung bis 5 km S 10,40, bis 10 km S 16,60. bis 20 km S 26,60 und bis 40 km S 41,60 kosten. Ermäßigungen müssen bleiben Es kann sich niemand vorstellen, diese Ermäßigungen ausschlaggebend abzubauen, weil heute zuviele Men¬ schen davon betroffen und in ihrer Existenz ernstlich geschädigt würden Widerspruch erweckt auch immer wieder die Regiefahrt für die Eisenbahner und deren Angehörige Eine solche Ermäßigung wird aber bei fast sämtlichen europäischen Eisen¬ bahnen gegeben und geht bei uns schon auf die österreichisch-unga¬ rische Monarchie zurück. Die Deut-* sehe Bundesbahn, die den Regiefahr¬ preis nicht kannte, hat ihn seit einiger Zeit sogar eingeführt. Wo die Regie¬ karte aber nicht besteht, gibt es für die Bediensteten und deren Ange¬ hörige sowie für die Pensionisten eine große Zahl von Freikarten, wie zum Beispiel in Belgien, wo 26 Stück im Jahr gegeben werden. Es ist undenkbar dal man der Eisenbahnern etwas wegnimmt, was sie bei uns immer als einen Teil ihres Besoldungsrechtes besessen haben. übrigens stehen den Forderungen nach Abbau von Ermäßigungen minde¬ stens ebensovieie Forderungen nach neuen Ermäßigungen gegenüber, die von Vertretern aller Bevölke¬ rungsschichten, politischen Parteien (Fortsetzung von Seite 1) DGB für Arbeitsbeschaffung nur das 2,3fache der Vorkriegszeit ausmachen, obwohl die Bahnen alles, was sie für den Betrieb brau¬ chen, zu Preisen kaufen müssen, die mehr als das 7fache der Vorkriegs¬ zeit betragen. Auch die Gehälter der Eisenbahner, die keineswegs über dem Lohn- und Gehaltsdurchschnitt der östereichi- schen Arbeiter und Angestellten liegen, sind in ihrem Index wesent¬ lich höher als diese Tarife. Ob¬ wohl die Zahl der beförderten Per¬ sonen ständig steigt und im vergan¬ genen Jahr schon mehr als das Doppelte der Vorkriegszeit betragen hat, machten die Einnahmen aus dem Personenverkehr nicht einmal ein Viertel der Gesamteinnahmen der Bundesbahnen aus. Da sich die Autobustarife im wesentlichen nach den Bahntarifen richten müssen und der Autobus¬ betrieb ja nahezu ausschließlich vom Personenverkehr abhängig ist, kann man sich vorstellen, daß auch der Autobusverkehr — soweit er regel¬ mäßiger Linienbetrieb ist — in immer größere Schwierigkeiten geriet. Das Defizit eines großen Teiles solcher Autobuslinien drohte, deren Einstel¬ lung zu erzwingen. So erklärt es sich, die Ausbeutung der Wasserkräfte und die Elektrifizierung der Bun¬ desbahnen schon deshalb stehen, weil wir große Mengen Kohle im¬ portieren müssen. Die Autobahn Salzburg—Wien kann erst in An¬ griff genommen werden, wenn die dringlichen Aufgaben bewältigt sind. Schließt die Reihen enger! Die Sozialversicherungsinstitute kommen infolge des erhöhten Auf¬ wandes mit dem 30prozentigen Staatszuschuß nicht mehr aus. Eine Kürzung des Staatszuschusses wäre untragbar, weil wir unsere Alten nicht der Not überantworten können. Man soll sich deshalb nicht all- zuviele Hoffnungen auf Steuer¬ senkungen machen. Steuer¬ senkungen würden Kürzung der In¬ vestitionen und damit höhere Arbeitslosigkeit zur Folge haben und auch eine Schmälerung der Renten mit sich bringen. Aufgabe des Gewerkschafts¬ bundes ist in erster Linie die Sicherung ausreichen¬ der Beschäftigungs¬ möglichkeit. Wir müs¬ sen trachten, daß sich unsere Wirtschaft weiterentwickeln kann und daß unsere Rentner leben können. Eine große Aufgabe des Gewerk¬ schaftsbundes zur Erreichung sei¬ ner Ziele ist die Werbung der 700.000 Beschäftigten, die noch nicht zum ÖGB gefunden haben. Von zwei Millionen Arbeitneh¬ mern sind bekanntlich 1,3 Millio¬ nen in den Gewerkschaften organi¬ siert. Die noch Abseits¬ stehenden zu gewinnen, muß eine der nächsten Aufgaben der Organisa¬ tion sein. und Körperschaften immer wieder ge¬ stellt werden. Ihnen kann in der heu¬ tigen Situation leider ebensowenig nachgekommen werden als man die aus sozialen Gründen wichtigen Er¬ mäßigungen aufzuheben imstande ist. Die Tariferhöhung, so ungern sie gesehen wird, läßt sich nicht länger hinausschieben, über Art und Aus¬ maß sind die drei Kammern infor¬ miert worden und auch sie haben sich den zwingenden Gründen nicht ver¬ schlossen. Die gesetzgebende Körper¬ schaft wird sich in Kürze damit be¬ schäftigen und diese Gründe eben¬ falls prüfen können. Mit dieser Rege¬ lung wird den Bundesbahnen und den Autobusunternehmen die zufrieden¬ stellende Bedienung der Allgemeinheit wenigstens einigermaßen erleichtert, wenn sie schon nicht endgültig ge¬ sichert werden kann. Urttepdeti Unser„Unbehagen Die Presseorgane von ganz rechts und von ganz links stellen seit neue¬ stem fest, daß die österreichische Ge¬ werkschaftsbewegung ein großes Un¬ behagen befallen habe. Zum Beweis für diese staunenswerte Tatsache wer¬ den aus dem Zusammenhang geris¬ sene Zitate aus Gewerkschaftsblättern gebracht. Unter dem größten Behagen der Gewerkschaftsgegner wird uns solcherart ein Unbehagen zugeschrie¬ ben. Wir fühlen uns zwar nicht berufen, fromme Illusionen zu zerstören, wollen aber dennoch ein offenes Wort dazu sagen- Das Unbehagen, das uns Ge¬ werkschafter erfüllt, stammt nicht von gestern oder von der vorigen Woche, sondern besteht in unserer immer größer gewordenen Bewegung schon seil Jahrzehnten. Und dieses Unbehagen war es auch, das uns die beachtlichen Erfolge erringen ließ, deren sich alle arbeitenden Menschen unseres Landes heute — trotz allen vorangegangen Widerständen — ja doch erfreuen' Wären wir zufrieden, wäre uns also „behaglich" zumute, dann gäbe es keinen weiteren sozialen Fortschritt, denn nur die Unzufriedenheit ist die Triebkrafl für unser Aufwärtsstreben. Natürlich gibt es auch in unseren eigenen Reihen da und dort Mängel. Wenn wir darüber öfter, diskutieren, so ist das nicht ein Zeichen der Schw-äche, sondern im Gegenteil ein Zeichen der Stärke. Will man also dem Gewerkschaftsbund in banger Schadenfreude eine Art Magen¬ beschwerden andichten, so macht man sich damit nur lächerlich. Das Unbe¬ hagen, von dem jene Blätter faseln, dürfte sie selbst und ihre Auftrag¬ geber befallen haben. Der großartige Erfolg des 3. Gesamtösterreichischen Gewerkschaftstreffens und die Tat¬ sache, daß schon jetzt, vor Beginn der eigentlichen Werbeaktion, immer mehr und mehr neue Mitglieder in die Reihen unserer Gewerkschaftsorgani¬ sationen strömen, läßt dieses Un¬ behagen unserer Gegner immerhin verständlich erscheinen ARBEITERBANK AKTIENGESELLSCHAFT WIEN Prompte und gediegene Durditührung alle: bankmäßigen Geschäfte. — Entgegennahme von Spareinlagen. - finanzielle ße-atung WIEN I SEITZERGASSE 2-4 TELEPHON, R SÖ-5-40SERIE ZWEIGSTELLE W IhN ZEILE, WIEN, iV„ RECH1E WIEN ZEILE 37 TELEPHON: b 26-0-91 FILIALEN, GRAZ, ANNENS TRASSE 24. KLAGENFUP.T, BAHNHOFSTR. 44. LINZ. WEINGARTSHOFSTRASSE 3 Seite 2 Nr. 20t SOLIDARITÄT

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