Full text: Solidarität - November 1953, Heft 203 (203)

Wir wollen kein V : Die 536.000 Besucher der Ausstellung „Gesünder leben, länger leben durch soziale Sicherheit" im Wiener Künstler¬ haus haben am meisten über die wirk¬ same Darstellung des katastrophalen Geburtenrückganges in Österreich dis¬ kutiert. Ein Besucher der Ausstellung hat der „Solidarität" in einem Brief seine Eindrücke von der Ausstellung geschildert. Wir haben diesen Brief in der Nummer 200 der „Solidarität" auf der letzten Seite veröffentlicht. Nachstehend ein Brief eines Kolle¬ gen, der die Meinung dieses Brief¬ schreibers nicht teilt und anschließend dessen Antwort. Sehr geehrt« Redaktion! In der Nummer 200 der „Solidarität“ las ich einen Brief an die Ausstel- lungsleitunj, den ein Herr Obermüller zeichnet. Obwohl ich das Gefühl habe, daß dieser Herr Obermüller gar stamme, in der 11 Kinder großge¬ zogen wurden, so glaube ich schon, über das Problem der Geburtenrege¬ lung sprechen zu können. An die 130.000 Arbeitslose gibt es jetzt in Österreich; im kommenden Winter, der vor der Tür steht, können wir mit 500.000 rechnen, und Sie, Herr Obermüller, haben keinen anderen Kummer, als daß die jungen Leute Kinder bekommen sollen. Sie schrei¬ ben: „ös terreich hat die nie¬ derste Geburtenziffer in Europa!* Das kann doch für uns Österreicher nur ehrenvoll sein, denn wir sind wenigstens auf diesem Gebiete nicht so blöd, für wie man uns sonst im allgemeinen hält. Herr Obermüller, ich möchte Ihnen anempfehlen, ein bißchen Literatur über China und Japan zu lesen. Was dort ein Men¬ schenkindlein, das an die Tür klopft, wert ist! Oder haben Sie schon auf die halbe Million Todesopfer von mW sielt. Natürlich sind Arbeitslosigkeit und Woh¬ nungsnot auch oit Beweggründe, die man¬ chen Eheleuten den Kindersegen ver¬ wehren, nicht existiert und nur eine vorge¬ schobene Figur ist, will ich versuchen, ihn auf schwere Fehler aufmerksam zu machen, die er begeht, wenn er Behauptungen aufstellt ohne das zu behandelnde Problem von mehreren Seiten zu betrachten. Uber die Kardinalfrage der Kinder¬ zeugung sagen Sie, Herr Obermüller: „Sind es nicht auch unser Egoismus und unsere Bequemlichkeit, die dem neuen Leben den Weg versperren?" Entschuldigen Sie, Herr Obermüller, aber haben Sie die letzten 25 Jahre verschlafen oder so schnell verges¬ sen? In einer Epoche zweier bestia¬ lischer Weltkriege, in der man die beste Jugend hekatombenweise hin¬ mordete, in einer Zeit, wo 10.000 Lehr¬ linge keinen Beruf erlernen können, weil eben kein Platz vorhanden ist, wo die staatlichen Zuchthäuser mit Jugendlichen überfüllt sind, die Ver¬ brecher wurden, weil den Unglück¬ lichen das Morden und Plündern von staatswegen eingedrillt wurde und sie noch dafür Medaillen bekamen — in so einer Zeit machen Sie, Herr Obermüller, den jungen Eheleuten den Vorwurf von Egoismus und Be¬ quemlichkeit! Ehepaaren, die getrennt leben müssen, deren Eltern vielleicht ausgebombt sind, die keine Wohnung bekommen können, weil eben keine vorhanden sind! Auch ich und meine Frau waren in dieser Ausstellung und haben uns die Tafeln und Statistiken, auch alles an¬ dere angesehen, wobei wir feststellen müssen, daß die Ausstellung schön und lehrreich war. Aber, Herr Ober¬ müller, ich kenne auch andere Stati¬ stiken, die besagen, daß noch 10 bis 15 Jahre vergehen können, bis die Wohnungsnot gänzlich behoben sein wird. Da ich aus einer Familie Vielen Ehepaaren aber sind leider ein Motorroller, kostspielige Urlaubsreisen und persönliche Vergnügungen wichtiger als ein Kind. Hiroshima und Nagasaki vergessen? Wie lange kann es noch dauern, und die nächste Atombombe kann auf Wien, Paris oder London fallen? Sehen Sie, Herr Obermüller, das ist der wahre Grund, warum die Men¬ schen in de* Mehrzahl das Kinder¬ kriegen ablehnen. Als ich in der Mit¬ tagspause eines Großbetriebes Ihren Brief meinen Kollegen vorlas, da kamen Sie schlecht davon. Ersparen Sie mir, Ihnen alle Titulationen, die auf Ihren werten Namen fielen, mitzu¬ teilen. Als Arbeiter, der seit 38 Jahren gewerkschaftlich organisiert ist, grüßt / lyyyn Wetter Kollege Cihak! Ihr „Gefühl, daß dieser Herr Ober¬ müller“ gar nicht existiert, hat Sie leider getäuscht. Ich existiere tat¬ sächlich, und die Redaktion der „Soli¬ darität" hat mir Ihren Brief zur Stel¬ lungnahme übersandt. Meine Adresse ist ihr bekannt. Ich habe meinerseits das Gefühl, daß Sie sich beim Schreiben Ihres kritischen Briefes eben nur von Ge¬ fühlen leiten ließen und an unabän¬ derlichen Tatsachen vorbeigesehen haben. Sie geben selbst zu, daß ich ge¬ schrieben habe „auch unser Egois- ü Wadi SZfCei (fotiefc einem etnsten fitoßiem mus und unsere Bequemlichkeit sind schuld daran, dem neuen Leben den Weg zu versperren". Mit dem Wort „auch“ habe ich doch deutlich zum Ausdruck gebracht, daß ich ganz genau, so wie Sie, die anderen Be¬ weggründe sozialer und wirtschaft¬ licher Natur kenne, die manchen Ehe¬ leuten den Kindersegen verwehren. Wenn Sie sich den betreffenden Teil der Ausstellung wirklich gründlich angesehen hätten, so wäre Ihnen klar geworden, was ich mit meinem Hin¬ weis auf das Thema Kindersegen ge¬ meint habe. Ich habe die letzten 25 Jahre nicht verschlafen, wie Sie annehmen, son¬ dern die zwei Weltkriege ebenso mit¬ gemacht, wie Sie, nur habe ich das Gefühl, daß ich, obwohl ich noch nicht 38 Jahre gewerkschaftlich orga¬ nisiert bin, soziale Probleme mit kla¬ reren Augen sehe als Sie. Sie schreiben zum Beispiel von zehntausenden Lehrlingen, die keinen Beruf erlernen können. Gewiß ist das Lehrlingsproblem noch nicht völlig gelöst, aber durch das Jugendeinstel¬ lungsgesetz wird es möglich sein, das beweisen die schönen Anfangserfolge, daß in kurzer Zeit zumindest sämt¬ liche männlichen Jugendlichen zu Lehrplätzen kommen. Wer soll einmal unsere Renten unü Pen¬ sionen bezahlen, wenn der Kindersegen als „sinnlos“ bezeichnet wird? Sie schreiben ferner, daß die staat¬ lichen Zuchthäuser mit Jugendlichen überfüllt sind. Das trifft ebenfalls nicht zu. Die Jugendkriminalität ist relativ in dieser Zeit nicht größer, als sie um die Jahrhundertwende und nach dem ersten Weltkrieg war. Ich mache „jungen Eheleuten, die getrennt leben müssen, und deren Eltern ausgebombt sind" keinen Vor¬ wurf, daß sie aus Egoismus oder Be¬ quemlichkeit keine Kinder bekom¬ men. Mein Vorwurf richtet sich viel¬ mehr gegen jene kurzsichtigen und wirklich egoistischen Eheleute, die finanziell alle Voraussetzungen haben, einem oder mehreren Kindern das Leben zu schenken, und die es doch nicht tun, weil das Interesse für ihre Mitmenschen und für die Allgemein¬ heit bei ihrer Türschwelle endet. Sie schreiben, daß Sie aus einer Familie stammen, in der 11 Kinder großgezo¬ gen wurden. Lieber Herr Cihak, haben Sie einmal Ihre Eltern gefragt, wa¬ rum sie 11 Kindern das Leben ge¬ schenkt haben? Und haben Sie die Sorgen und Mühen Ihrer Mutter schon einmal mit denen einer kinder¬ losen, jungen Ehefrau verglichen, die, obwohl sie eine Wohnung und ein Einkommen besitzt, nur deshalb kein Kind bekommen will, weil sie dadurch auf viele Lebensannehmlichkeiten verzichten müßte? Ihr Pessimismus, mit dem Sie an wichtige Probleme herantreten, geht schon aus der Tatsache hervor, daß Sie vermuten, wir werden heuer im Winter mit einer halben Million Ar¬ beitslosen rechnen müssen. Es gibt in Österreich bestimmt keinen vernünf¬ tigen Menschen, der die Gefahr der Arbeitslosigkeit für unser wirtschaft¬ liches und soziales Leben nicht er¬ kennt. Aber ich glaube, es gibt auch sehr wenige, die derart schwarz in die Zukunft sehen wie Sie. Bei aller Kritik muß man doch so objektiv sein, zuzugeben, daß die Anstrengun¬ gen des Staates und der Gewerk¬ schaften, die Arbeitslosigkeit einzu¬ dämmen, bereits, wenn auch nicht in einem befriedigenden, so doch in einem beachtlichen Ausmaß Erfolg hatten. Und nun richte ich an Sie eine „Kardinalfrage“: Wer wird Ihre Al¬ terspension oder Ihre Rente einmal bezahlen, wenn nicht die Kinder, deren Eintritt in das Leben Sie als sinnlos bezeichnen? Bereits jetzt zei¬ gen sich die Folgen der Überalterung. Oder haben Sie noch nichts davon gehört, daß auf zwei Verdiener Jae- reits ein Rentner kommt? Wenn Sie nun schreiben, daß es für Österreich ehrenvoll ist, daß es die niederste Geburtenziffer in Europa hat, dann rate ich Ihnen, daß Sie außer der „Literatur über China und Japan“ auch österreichische Sozial- und Wirtschaftslehre studieren. Denn dann wird Ihnen in ganz kurzer Zeit klar werden, daß alle österreichischen Sozialgesetze und Errungenschaften für den Arbeiter hinfällig werden, wenn nicht qualitativ und ziffern¬ mäßig, ein entsprechender Menschen- nachvvuchs vorhanden ist. Sie meinen, es wäre sinnlos, Kinder in die Welt zu setzen, die ohnehin in der nächsten Zeit durch Bomben wie¬ der getötet werden. Was aber dann, Herr Cihak, wenn keine Bomben fal¬ len, und wenn das Ziel, das alle ar¬ beitenden Menschen auf der Welt verfolgen, der Friede, tatsächlich er¬ reicht wird? Könnte es der jetzt lebenden Generation dann gleich¬ gültig sein, wer für sie die sozialen Lasten im Alter bezahlt? Abschließend hätte ich noch einen Wunsch, und zwar, daß Sie in der Mittagspause den Kollegen Ihres Be¬ triebes diesen Brief ebenfalls vorlesen. Ich glaube, daß ich dann nicht mehr so schlecht davonkäme, wie Sie mir das mit etwas Schadenfreude mitge¬ teilt haben. Ich habe vielmehr den Eindruck, daß einige Ihrer Arbeits¬ kollegen meinen Argumenten doch Verständnis entgegenbririgen werden. Hochachtungsvoll Seite 4 Nr. 203 SOLIDARITÄT

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