Full text: Solidarität - Jänner 1954, Heft 207 (207)

Mit Bildbeilage — Vbb •Mit Zuversicht ins neue 0uhrf Brauchenwirbeide? ln r^Pcnrnrhon mit 11ncoron Von Präsident Johann Böhm Wir können heuer wesentlich optimistischer in die Zukunft blik- ken als vor einem Jahr, zu Beginn 1953. Damals schwoll die Arbeits¬ losigkeit katastrophal an, und es war noch nicht Allgemeingut der öffentlichen Überzeugung gewor¬ den, was der Gewerkschaftsbund forderte: eine ausreichende staat¬ liche Investitionstätigkeit und eine Kreditverbilligung sowie andere kreditpolitische Maßnahmen als wirksame Mittel der Krisen¬ bekämpfung. Obwohl die wirtschaftliche Ent¬ wicklung im vergangenen Jahr zufriedenstellend war und be¬ sonders der Export erfreuliche Fortschritte machte, hat die Ar¬ beitslosigkeit aber noch immer Ausmaße, die uns Sorge bereiten müssen. Es ist oberste Pflicht der Gemeinschaft, daß sie dafür sorgt, daß Hände, die arbeiten wollen, nicht feiern. Wir sind der Auffassung, daß noch lange nicht alle Möglichkeiten der Arbeitsbeschaffung ausgeschöpft sind, und wir haben in dieser Hinsicht eine Reihe von kon¬ kreten Vorschlägen gemacht. Besonders bedürfen die Not¬ standsgebiete der Hilfe des Staa¬ tes; der Dauerarbeitslosigkeit in diesen- Gebieten muß durch Schaf¬ fung von Dauerarbeitsplätzen be¬ gegnet werden. Ebenso könnte das immer wie¬ derkehrende sprunghafte Anstei¬ gen der Arbeitslosenzahlen in den Wintermonaten durch zielbewußte Maßnahmen, wie wir sie bereits vorgeschlagen haben, nicht un¬ wesentlich eingedämmt werden. Es ist nicht nur unsozial, es ist auch — gesamtwirtschaftlich ge¬ sehen — unökonomisch, als ein¬ zigen Ausweg der Saisonschwan¬ kungen die Arbeitslosenkarte zu sehen. Der Jahreswechsel ist stets ein Anlaß zur Einkehr und Besinnung. Es kann breiten Kreisen des öster¬ reichischen Volkes der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß es ge^ salutwirtschaftliches Denken mis¬ sen läßt. Ich nehme von diesem Vorwurf die Arbeiter und Ange¬ stellten nicht aus, muß aber doch, um der Wahrheit die Ehre zu geben, feststellen, daß sie, obwohl für sie angesichts der noch immer kargen Lebenshaltung die gering¬ sten Voraussetzungen gegeben waren, am meisten Vernunft und Zurückhaltung übten. * Niemand darf glauben, daß es ohne wirtschaftliche Rück¬ schläge abgehen kann, wenn sich in Österreich die Well¬ marktlage nur bei Preissteige¬ rungen, nicht aber bei Preis¬ senkungen auswirkt. Und nie¬ mand darf hoffen, daß Österreich eine Insel der Gemütlichkeit und des wirtschaftlichen Protektio¬ nismus bleiben kann, wenn sich ringsum Industrie und Handel der modernen Entwicklung an¬ passen. Soziale Wohlfahrt kann nur aus einem ausreichenden Sozialprodukt erfließen. Es ist Verpflichtung des ganzen Volkes, die Güterfülle zu mehren und damit sein Leben zu verbessern. Aber an den Ergeb¬ nissen gesteigerter Produktivität, muß der Arbeiter und Angestellte seinen Anteil haben. Angemessene Löhne und Gehälter, vor allem aber gesenktePreise müssen seinen Reallohn heben. Die Gewerkschaf¬ ten sind sich ihrer Verantwortung gegenüber der Wirtschaft voll be¬ wußt, gerade deshalb erwarten sie im kommenden Jahre in bezug auf die Hebung des Lebensstandards Fortschritte. Ein höheres Produktions¬ volumen bei gleichbleibenden Preisen und Löhnen würde die Gefahr einer zunehmenden tech¬ nologischen Arbeitslosigkeit her¬ aufbeschwören, wie wir sie in der ersten Republik als Folge der Rationalisierung schon kannten. Eine gedeihende Volkswirtschaft gibt auch die Möglichkeit des wei¬ teren Ausbaues unserer Sozialpoli¬ tik. Seit einiger Zeit ist auf diesem Gebiet ein betrüblicher Stillstand eingetreten. Auch Gesetze, die keine oder nur eine geringe wirt¬ schaftliche Belastung bedeutet hät¬ ten, konnten infolge der versteif¬ ten Haltung der Unternehmer nicht durchgesetzt werden. Wie für alle Gebiete des öffentlichen Lebens trifft auch für die Sozial¬ politik zu, daß Stillstand Rück¬ schritt bedeutet. Die Kraft und der Einfluß der Gewerkschaften sind in Öster¬ reich aber so groß, daß dies keinesfalls zur Kenntnis ge¬ nommen werden kann. Das Jahr 1954 muß auf sozialpolitischem Gebiet einen Fortschritt bringen. Die österreichische Gewerk¬ schaftsbewegung hat im Jahre 1953 das geschichtliche Ereignis ge¬ feiert, daß vor 60 Jahren die vielen kleinen Fachvereine Österreichs sich in der Gewerkschaffskommis¬ sion Österreichs eine Dachorgani¬ sation geschaffen und damit das Fundament einer mächtigen Ge- (Fortsetzung auf Seite 2) Auch im Winter darf die Arbeit kein Ende nehmen. Unsere Forderung geht dahin, daß auch in dieser Zeit möglichst alle feiernden Hände wieder zu¬ packen können. In Gesprächen it unseren Kol¬ leginnen und Kollegen taucht oft die Frage auf, wozu die Arbeit¬ nehmer eigentlich für ihre Interes¬ senvertretung Arbeiterkammer und Gewerkschaft benötigen? Ver¬ folgt die Tätigkeit der Arbeiter¬ kammern und die des Gewerk¬ schaftsbundes nicht ein gleiches Ziel — den wirtschaftlichen und sozialen Schutz und den Ausbau der Sozialgesetze sowie die Hebung des Lebensstandards für alle Arbeiter und Angestellten? Warum also Mitglieder zweier Institutionen sein, wenn sich beide voneinander in ihren Aufgaben gar nicht unterscheiden? Ja, darin haben unsere Diskus¬ sionspartner schon recht: gleiche Ziele haben der Gewerkschafts¬ bund und die Arbeiterkammern wohl, aber ihre Wege sind manch¬ mal verschieden, und diese Wege könnten oft gar nicht gegangen werden, wenn sich Arbeiterkam¬ mern und Gewerkschaften nicht auf eine glückliche Art ergänzen v/ürden. Rechtlich gesehen, schaut die Sache nun so aus: Der Gewerk¬ schaftsbund ist eine freie, auf dem Vereinsrecht beruhende Organisa¬ tion. Er hat also freie Hand in seinen Entschlüssen und in seinen im Interesse der Arbeiter und An¬ gestellten geführten wirtschaft¬ lichen und sozialen Kämpfen. Die Arbeiterkammern dagegen sind öffentlich-rechtliche Körperschaf¬ ten, denen alle Arbeiter und Ange¬ stellten angehören, die der Inva¬ lidenversicherung beziehungsweise der Angestelltenversicherung un¬ terliegen oder nach den Merk¬ malen ihres Dienstverhältnisses un¬ terliegen würden. Obwohl durch ihre gesetzmäßige Stellung an gewisse richtunggebende Voraus¬ setzungen gebunden, stellen sie den Gewerkschaften das Rüstzeug für ihre Tätigkeit zur Verfügung, Die Kammern haben unter ande¬ rem das Recht, Gesetz- und Ver¬ ordnungsentwürfe zu begutachten, und damit auch die Möglichkeit, die wirtschaftlichen und sozialen Forderungen und Wünsche des Gewerkschaftsbundes tatkräftig zu unterstützen und ihre gesetzliche Verankerung zu betreiben. Gleich¬ zeitig aber liefern die neun Kam¬ mern für Arbeiter und Angestellte — das ist, mit Hinzufügung des be¬ treffenden Bundeslandes, ihr offiziel¬ ler Name — den Gewerkschaften statistische und wirtschaftliche Un¬ terlagen als Richtlinien für ihre wei¬ teren Entschlüsse und Handlungen. Auch dein Nachbar gehör! zu uns! 1954: Mil neuer Krall ifir den Öster¬ reichischen Gewerkschaflsbund ZENTRALORGAN DES ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTSBÜNDES 11. FÄNNER 1954 / NR. 207 PREIS 25 GROSCHEN

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