Full text: Solidarität - Februar 1954, Heft 210 (210)

Das Wagnis ist gelungen. Trotz der Erschöpfung, eine Autnahme von dem heiliersehnten Ziel. 1 J)ie (fyeYge Yu§en! Ewig und ungestüm ist der Drang des Menschen zum Licht und zu den Höhen ewig, ungestüm und opfervoil! Dieser Drang findet in vielen Betäti¬ gungen der Menschen seinen Ausdruck. Da ist der Gelehrte, der die letzten Geheimnisse der Materie erforschen will, da ist der Künstler, der dem Emp¬ finden der Seele und dem Flug der Gedanken sicht- und hörbaren Ausdruck verleiht, da sind die Arbeiter und Angestellten, deren Können der Idee die letzte Form gibt, und da sind schließlich die Menschen, die ein unerklärlicher Zwang immer wieder hinauszieht aus der Enge des Alltags — den Gipfeln der Berge und damit der Sonne entgegen. Von einem dieser Menschen soll ier die Rede sein. Er hat durch seine hervorragende Leistung bewiesen, daß jener Drang zum Licht und zu den Höhen auch in den Herzen der so oft gelästerten und verleumdeten „heutigen" Jugend wurzelt. Und daß diese Jugend auch bereit ist, hohen ethischen Zielen ein Opfer zu bringen. Ein junger Arbeiter bezwingt die Hochstadl-Nord wand rechtes Gefühl mehr in den Füßen, aber jede Minute bringt ihn höher. Jede Minute? Er hat den Zeitbegriff verloren. War es nicht gerade erst Mittag gewesen — und jetzt? Der Toni hat den Einbruch der Dämme¬ rung gar nicht bemerkt. Es ist allmäh¬ lich stockfinster geworden, er sieht die Hand nicht mehr vor den Augen und steht noch dreihundert Meter unter dem Gipfel. Nun beginnt die schrecklichste Nacht seines Lebens. Er hat keine „.. . dann bin ich oben g'standen auf dem Gipfel. Niemand war mehr über mir, nur der Himmel und die Wolken. Und da hab' ich auf alle Strapazen vergessen, auf die g'frorenen Finger und auf die bitterkalte Nacht.“ Mit diesen einfachen Worten hat mir der Gerbergeselle Anton Niederreiner im Lienzer Krankenhaus den Augen¬ blick geschildert, da er nach einer grauenvollen Nacht mit gefrorenen Fingern und Zehen die letzten drei¬ hundert. Meter der Hochstadl-Nord¬ wand bezwungen hatte. „Niemand war mehr über mir, nur der Himmel und die Wolken." Liegt in diesem Satz nicht die Erfüllung des ewigen Dranges der Menschheit nach Freiheit und Licht? Wird bei solchen Worten nicht auch jenen, die für den Berg¬ steiger immer nur ein verständnis¬ loses Lächeln übrig haben, die Bedeu¬ tung einer überragenden menschlichen Leistung klar? • Der 22jährige Niederreiner-Toni aus Iselsberg, der am Montag, dem 25. Jänner 1954, als erster allein die 1500 Meter hohe Hochstadl-Nordwand im Winter bezwang, hat eine Formel gefunden für den Freiheitsdrang und die Lebensbejahung unserer Jugend — „Niemand war mehr über mir, nur der Himmel und die Wolken." * An einem Sonntag steht der Toni schon um zwei Uhr früh auf. Er will die Schneeverhältnisse auf der Hoch- stadl-Nordwand erkunden, weil er vor¬ hat, mit seinem Freund nächste Woche eine Winterbesteigung dieser steilen Felswand zu versuchen. Der Niederreiner-Toni und sein Freund können immer nur das Wochenende zu ihren Touren ver¬ wenden. Während der ganzen Woche hält sie die Enge der Fabrik gefangen, aber der Samstag und Sonntag ge¬ hören ihren geliebten Bergen. Um Viertel acht ist der Toni bei der Nordwand angelangt. Er wird nur bis zum Sömmeraufstieg klettern. Weiter will er gar nicht, weil er als gewissenhafter Bergsteiger weiß, daß man nur mit Fußeisen und Pickel aus¬ gerüstet die Wand im Winter nicht bezwingen kann. Die Wetterverhält¬ nisse sind überaus günstig. Bis zu 2500 Meter sind die Schneeflächen verharscht, es besteht also keine Lawinengefahr. In zweieinhalb Stun¬ den hat der Toni die halbe Wand überwunden. Aber das ideale Bergsteigerwetter lockt ihn. Ein paar Meter noch, jetzt ist er bereits über den Winteraufstieg hinaus. Da oben ist der Gipfel, und wer. weiß, wann wieder so ein günsti¬ ges Wetter kommt. Höher, immer höher, noch ein Stück und noch eine Klippe, und auf einmal hat es den Niederreiner-Toni gepackt. Er sieht nur mehr das Ziel, den Gipfel, vor sich. Die Kraft und der Mut seiner Jugend haben hier einen Gegner gefunden. Schlag, um Schlag in Eis und Gestein, Schritt für Schritt, Meter um Meter schiebt, klemmt und zieht er sich höher. Er fühlt nicht, wie das scharfe Eis die Handschuhe durch¬ scheuert, wie Stunde um Stunde ver¬ geht und wie es kälter und kälter wird. Zweimal schon hat er sich ver- stiegen, ist erst zu weit rechts, dann Seite 4 Nr. 210 SOLIDARITÄT Auf der im Bild mit einem Dreieck bezeichneten Stelle hat Niederreiner bei grimmiger Kälte eine ganze Nacht verbringen müssen. Die Ärzte im Lienzer Krankenhaus wenden ihre ganze Kunst an, um die Erfrierungen Anton Niederreiners zu heilen. zu weit links abgekommen. Was macht das aus? Er muß hinauf. . . Da aber erwacht in ihm mit einem Male eine furchtbare Gewißheit. Mit Ent¬ setzen in den Augen starrt er auf die fast 1000 Meter senkrecht abfallende Wand unter sich. Er m u ß hinauf...! Denn hinunter kann er jetzt nimmer. * Noch einmal lodert alle Kraft in ihm auf. Der Kalkstein brennt ihm in den wunden Fingern, und er hat kein Die vom Einstieg bis zur Spitze 1500 Meter hohe Hochstadl-Nordwand Decke, sein Proviant ist eingefroren und seine Handschuhe hängen in Fet¬ zen von seinen kältesteifen' Händen. Zwölf Stunden steht er in dieser Nacht unter einem überhängenden Felsblock, die Temperatur ist auf 20 Grad unter Null gesunken. Er muß sich ständig bewegen, um nicht zu erfrieren, jeder unvorsichtige Schritt aber kann ihm das Leben kosten. Anton Niederreiner hat diese Nacht überstanden. Bei Morgengrauen ist er zum Gipfel aufgestiegen: „In welchem Zustand?" Der Toni lächelt etwas wehmütig, als ich diese Frage an ihn richte. Dann deutet er auf seine er¬ frorenen Hände: „Der Doktor hat g'sagt, die Finger werd' ich erhalten, Auffi hab’ ich jedenfalls müssen!" Was ist an dieser Leistung so be¬ deutsam, werden manche fragen? Wal¬ es vielleicht doch nur Rekordsucht, die ihn zu diesem alpinistisch nicht vor¬ bereiteten Aufstieg veranlaßte? Reden wir hier gar einer verwerflichen Sen¬ sationsgier das Wort? Nichts von alledem! Der Nieder- reiner-Toni ist ein einfacher Arbeiter, der sich die 3500 Schilling, die seine Bergs teigerausrüstung kostete, müh¬ sam Zusammengespan hatte. Viele Berge der Glocknergruppe hat er be¬ zwungen, alles Berge seiner Heimat. Für große Expeditionen und Aus¬ landsfahrten reicht es bei ihm wie bei so vielen seiner Bergfreunde nicht. Aber er liebt die Berge, und vielleicht hat ihn diese Liebe die gefährliche Hochstadl-Nord wand hinaufgetrieben, ohne richtig ausgerüstet zu sein. Doch das schmälert seine Leistung nicht. Der junge Gerbergeselle Anton Niederreiner wollte keine Sensation erregen, und doch hat er mit seiner Besteigung klar bewiesen, zu welcher Kühnheit und zu welchem Opfermut auch ein einfacher junger Arbeiter fähig ist, wenn es gilt, einer Gefahr zu trotzen. Toni Niederreiners Leistung ist symbolisch für die heutige Jugend, die genau so wie ihre Väter und Gro߬ väter die Fesseln des beengenden All- tags sprengen will und Sehnsucht hat nach den Höhen des Lebens. Gebt dieser so oft verkannten Jugend ein¬ mal Aufgaben zu bewältigen, dann erst urteilt über sie! f. n.

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