Volltext: Solidarität - April 1954, Heft 213 (213)

\ Wien, ]., cDefidurlersir, f V b. K# ^ Vbb — Mit Bildbeilage ZENTHALOBGAN BES ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTSBUNDES PREIS ZS GROSCHEN y B/ Auf Seite 3 die Gewinner des großen Preisausschreibens fZite Utimt &km SatfUi" ln der nächsten Nummer der „Solidarität“ werden die Gewinner des Werbewettbewerbes für den ÖGB „Auch dein Nachbar gehört zu uns“ veröffentlicht. Preissenkungen und Lohnerhöhungen Grundlagen einer aktiveren Konjunkturpolitik Von Generalsekretär Anton Proksch Die Lohnpolitik der Gewerkschaften hat heute, da das Volkseinkommen steigt, die Kapazität der Fabriken und Werkstätten nicht ausgelastet ist, ein riesiger Devisenvorrat große Einfuhren ermöglicht und hunderttausende arbeitswillige Hände feiern, eine doppelte Funktion: 1. Der Erhöhung des Lebensstandards der Arbeiter und Angestellten zu dienen und 2. dadurch Absatzmöglichkeiten für Konsumgüter zu schaffen und damit den Anreiz zur Steigerung der Produktion und der Investitionstätigkeit zu geben. Ebenfalls sind Rentenerhöhungen überspielen und. so den Gewerk- vom konjunkturpolitischen Gesichts- schaftsbund schwächen zu können, punkt aus zu begrüßen, da sie Ein- Weder Versuche, ihm den Wind aus kommensverschiebungen zu einem den Segeln zu nehmen, noch ein be- Personenkreis darstellen, der so ziem- wußt verlogenes Inflationsgeschwätz lieh sein gesamtes Einkommen dem können den österreichischen Gewerk- Konsum zuführt. schaftsbund und die Gewerkschaften Hinsichtlich eines ständig steigen- davon abbringen, unbeirrbar den als den Lohnniveaus muß Österreich, richtig erkannten Weg zu gehen, nachdem die Industrie, nicht zuletzt In der lnvesliUonsfinanziemng und infolge der schlecht bezahlten Wie deraulbauarbeit der Arbeiter und An- oe^loKten. modernisiert und technisch auf einen europäischen Durchschnitts- ‘standard gebracht wurde, im euro¬ päischen Fahrwasser mitschwimmen können. Im Durchschnitt stieg das Lohnniveau 1953 in den wichtigsten europäischen Industriestaaten zwi¬ schen 2,5 und 5 Prozent. Es müssen daher Einkommens¬ erhöhungen der Arbeiter, Angestell¬ ten und Rentner durch Preissen¬ kungen, Lohn- und Rentenerhöhun¬ gen angestrebt werden — natürlich unter Berücksichtigung der wirt- schaftlichenTragfähigkeit. Das ösler- reichische Volkseinkommen kann pro Jahr um 5 Prozent steigen, da die großen Investitionen der ver¬ gangenen Jahre tragend werden und auch die Produktivität sehr Mark steigt. Der KuchefTwird größer — der An¬ teil.der Arbeiter und Angestellten am Volkseinkommen muß im gleichen Ausmaß zunehmen, in dem sich das Volkseinkommen erhöht. Sprecher der Industrie und des Handels scheuen sich nicht, zu be¬ haupten, daß die Wirtschaft, die Sta¬ bilität und die Möglichkeiten einer expansiven Wirtschaftspolitik unter¬ graben werden, wenn die Gewerk¬ schaften eine Lohnpolitik treiben, die der Normalisierung der Wirtschaft und der gegenwärtiaen wirtschaftli¬ chen Notwendigkeiten Rechnung trägt. Weicher Weg soll denn zur Erhöhung der Konsumkraft und zur Steigerung des Reallohnes führen, wenn der Weg der Preissenkung nicht gegangen wird, wenn die Gewinne der Unternehmer immer höher werdSn, die Waren¬ lager überfüllt sind und die Massen- kaufkraft nicht hinreicht, die Pro¬ duktion aufzunehmen? Da kann doch nur der notwendige Ausgleich in erhöhten Löhnen gefunden werden. !? Jene Kfetse, die die schwersten Vorwürfe gegen die Gewerkschaften erheben, machen aber selbst eine ähnliche Lohn- und Gehaltspolitik, wenn es ihnen in den Kram paßt und wenn sie hoffen, uns zu in der Preispolitik müssen die Unter-| nehmer sich rascher als sie es bisher getan haben an normale Verhältnisse gewöhnen. Manche glauben noch immer, sie können womöglich auf Ko¬ sten der Konsumenten über Nacht reich werden. In der Investitionsfinanzierung wird man wieder zu bewährten Me¬ thoden zurückfinden müssen. Es ist heute nicht mehr möglich, Investi¬ tionen innerhalb weniger Jahre her- einzuwirtschaften, die Investitionen kurzfristig abzuschreiben und auf die Preise weiterzuwälzen und mit diesen überhöhten Preisen die Kon¬ sumenten zu belasten. Der Wirtschaft wurden für Investi- heit weitgehende Begünstigungen ge¬ geben, aber den Gewinn daraus ha¬ ben bisher die Unternehmungen für sich behalten. Der Konsument, die große Mehrheit der Bevölkerung, hat von den Auswirkungen der großen Investitionen in den Preisen noch nichts verspürt. Diese Geschäftspolitik muß sich ändern. Die großen Investi¬ tionen und ihre Ausnützung im Zuge einer aktiven Konjunkturpolitik müs¬ sen dazu führen, daß das Realeinkommen steigt, und zwar entweder durch ausgiebige Preissenkungen oder durch Lohn¬ erhöhungen. Wir kennen die Möglichkeiten der österreichischen ? Wirtschaft, und die Arbeiter und Angestellten haben neun Jahre hindurch bewiesen, daß sie gesamtwirtschaftliches Verant- WQXtungsbewußtsein besitzen. Sie wis¬ sen, daß jede Schädigung der Wirt¬ schaft sich auch gegen sie wendet. Es ist widersinnig und für eine geordnete wirtschaftliche und so¬ ziale Aufwärtsentwicklung gefähr¬ lich, wenn man sich heute verschie¬ dentlich bemüht, den Einfluß der Interessenvertretungen der Arbeiter und Angestellten auf den verschie¬ denen Gebieten des wirtschaftlichen Geschehens zurückzudrängen. Die Entwicklung geht den anderen Weg, und alle Versuche, sie zu hemmen, können nur zu schweren und obendrein nutzlosen Konflikten führen, da sie von vornherein zum tionen auf Kosten der Allgemein- Scheitern verurteilt sind. Es geht los! An allen Ecken und Enden beginnt die Bautätigkeit. Viel zuwenig noch für die vielen Arbeitslosen. Tauwetter in der Natur hält der Frühling seinen Einzug. In der Politik hat Bundespräsident Dr. Körner durch seinen Hinweis auf die Notwendig¬ keit fruchtbringender Zusammen¬ arbeit der beiden großer Parteien „politisches Tauwette ' herbeige¬ führt. Selbstverständlich muß ein sol¬ ches politisches Tauwetter auch auf sozialpolitischem Gebiet das Eis zum Schmelzen bringen. Seit Jah¬ ren liegen im Parlament Anträge und Gesetzentwürfe, an aenen die Arbeiter und Angestellten brennend interessiert sind. Einer dieser Ent¬ würfe, die Heimarbeit betreffend, wurde vor kurzem Gesetz. Als nächstes muß das Arbeitszeitgesetz aufgetaut werden, denn es ist un¬ haltbar, daß nach neunjährigem Bestand der zweiten Republik noch kein modernes, die Arbei szeit re¬ gelndes Gesetz existiert. Wenn in den Beziehungen zwi¬ schen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften ein lauerer Wind wehen soll, ist es auch unerläßlich, die diffamierenden Bestimmungen des Paragraph 2 des Antiterror¬ gesetzes raschest zu novellieren. Man kann es nicht anders als eine Heuchelei bezeichnen, wenn ma߬ gebende Kreise des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens immer wieder das Verantwortungsbewußt¬ sein des Gewerkschaftsbundes und die Verdienste der Arbeiter und An¬ gestellten um den Wiederaufbau hervorheben und auf der anderen Seite es gerade dem Gewerk¬ schaftsmitglied verwehrt wird, selb¬ ständig darüber zu entscheiden, was verfassungsrechtlich jedem Staatsbürger zusteht, nämlich, in welcher Art und Weise es seinen Organisationsbeitrag entrichten will. Schließlich gibt es in Österreich noch zwei große Gruppen von Menschen, die sehnlichst den Ein¬ zug des Frühlings herbeigewünscht haben: Die Arbeitslosen und die Rentner. Die Arbeitslosen ernoffen, daß der Frühlingsbeginn ihnen Arbeit und Brot bringen wird. Der Ge¬ werkschaftsbund betrachtet es als seine oberste Aufgabe, die Arbeits¬ losen wieder in Beschäftigung zu bringen. Es muß anerkannt werden, daß sich Regierung und Öffentlich¬ keit auf Grund der unausgesetzten Bemühungen des Gewerkschafts- buncles der Bedeutung der Arbeits¬ beschaffung für die Aufrechterhal¬ tung der wirtschaftlichen Stabilität und des sozialen Friedens bewußt sind. Aber weder die Sonne noch ein noch so ehrlicher Wille allein schaffen Arbeit, sondern nur gründlich erwogene unc konse¬ quent durchgeführte Maßnahmen.

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