Full text: Solidarität - April 1954, Heft 214 (214)

Nervensäge — ßHmt (Die Harmplage bedroht unsere Gesundheit Vn- Viele Menschen und viele Dinge neigen dazu, Lärm zu entwickeln. Diese Feststellung ist weder gegen meinen flügelhornbl äsenden Nachbarn noch gegen das Zweitaktmotorrad un¬ seres Hausbesorgers gerichtet; sie ist lediglich ein resignierter Stoßseufzer eines lärmgeplagten Großstädters. Es ist verwunderlich, was alles Lärm er¬ zeugen kann. Ich kenne einen Häuser¬ block, in dem mehr als fünfzig „Das donnert und kracht, daß es eine Freude ist. Die Leute aus der Um¬ gebung sollen sehen, was ich iür eine schöne Maschine hab’!" 1 amilien, jedesmal wenn die Wind¬ geschwindigkeit fünfzehn Stunden¬ kilometer erreicht hat, durch einen zermürbenden Lärm belästigt werden. Denn bei 'großer Windstärke begin¬ nen sich dort einige, wahrscheinlich imgeschmierte Blechaufsätze auf den Schornsteinen zu drehen. Der Lärm, der dabei entsteht, bringt die ganze Umgebung zur Verzweiflung. Warum die Blechaufsätze nicht geschmiert werden?! „Unbefugten ist das Be¬ steigen des Daches verboten" — und Befugte sind bisher nirgends zu eruieren gewesen. Das ist nur eine von den vielen hinterhältigen, doch vermeidbaren Lärmquellen, die uns täglich das Leben vr.rhittern. Lärm an allen Ecken und Enden Sie glauben es nicht? In Österreich werden fünfzig Prozent der Bevölke¬ rung in der Zeit von fünf bis acht Uhr morgens durch die „Pistolenschüsse" der tausenden angetretenen 38- bis 600- kubikzentimetrigen (Höllen-(Maschi¬ nen aus dem Schlaf gerissen. Es gibt Motorräder, die einen Lärm von 120 Phon entwickeln (Phon ist die Einheit der Schallintensität), gegen solche Geräusche klingen die Flügel- hornübungen ; meines Nachbarn wie Harlenklänge. Dabei habe ich gar nichts gegen Motorräder, im Gegenteil, eine „Maschin"' ist seit Jahren der Mittel¬ punkt meinei Wunschträume. Noch weniger habe ich gegen die Motor¬ radbesitzer: ein Benzinmotor ist eben kein Glockenspiel, und angetreten muß jedes Motorrad werden. Aber wäre es nicht möglich, Motorräder auf den Markt zu bringen, bei denen die Explosionsprozesse im Zylinder nicht die Lautstärke von Böllerschüs¬ sen erreichen? Oder ist es notwen¬ dig, daß der glückstrahlende Besitzer eines Motorrades seine gequälten Mit¬ bürger auch pho.netisch von der Qua¬ lität seines Vehikels überzeugen will, indem er vor jeder Abfahrt einige Male kräftig „aufdreht"? Betrieb iwischen Wohnhäusern Aber die Lärmplage ist ein ernstes Problem geworden, das sich mit eini¬ gen lustigen Randbemerkungen nicht mehr abtun läßt. Hier führe ich aus¬ zugsweise einen Brief einer Familie aus dem 5. Wiener Bezirk an. Er ist eine schwere Anklage gegen den 1 Lärm. „In den Hof unseres Häuserblocks wurde während des Krieges aus . U .wehrwirtschaftlichen Gründen' eine Tischlerei hineingezwängt. Sie exi¬ stiert heute noch, und das Geheul ihrer oft auch an Sonn- und Feiertag laufenden Kreissäge und der Lärm und Gestank eines zum Betrieb ge¬ hörigen Dieselmotors machen uns das Leben hier zur Qual. Kein Gewerbe- inspektorat kümmert sich darum, daß diesem ständigen Angriff^ auf die Gesundheit vofw-vtefga "Arbeitern und ~~ A ngestellten — denn sie sind haupt¬ sächlich die Bewohner dieser Hof¬ wohnungen — ein Ende bereitet wird ..." Ich habe mich davon überzeugt, daß alle Angaben in diesem Brief richtig sind. In diesem Zusammen¬ hang konnte ich aber noch folgendes feststellen: Fast sechzig Prozent aller Wiener gewerblichen Betriebe sind isö'TffiTergebrärhT,- daff~ste' mnTfr^aEir Krankheitsursache - Lärm „Der nächste, bitte.” — ln der Or¬ dination eines Arztes in einem Wie¬ ner Vorstadtbezirk sitzt ein etwa fünfzigjähriger Mann und klagt über erhöhten Blutdruck und eine radikale Verschlimmerung seines Herzleidens. Auch eine früher nie gekannte stän¬ dige Erregung und zermürbende Schlaflosigkeit machen ihm viel zu schaffen. „Beruf?" Der Arzt macht eine be¬ sorgte Miene, doch als er erfährt, daß sein Patient Schmied ist und den gan¬ zen Tag mit einem Niethammer ar¬ beitet, hat er seine Diagnose rasch gestellt: „Krankheitsursache Lärm". Ein Hörschutzgerät, das die so schäd¬ lichen hohen Töne abhält, ist die ein¬ zige Möglichkeit, daß der lärmemp¬ findliche Patient seinen Arbeitsplatz behalten kann. „Lärm ist für den Körper sehr ge¬ fährlich", erklärt ijiir der Arzt, „zum Beispiel wurde an der Pariser Univer¬ sität Sorbonne nachgewiesen, daß in Frankreich jeder fünfte Kupfer¬ schmied durch den Lärm sein Gehör verloren hat. An. Arbeitern in Seiden¬ spinnerein, Webereien, Sägewerken, Kesselschmieden und anderen Lärm¬ betrieben sind ebenfalls oft schwere, durch den ständigen Lärm verursachte . Gesundheitsstörungen zu konstatie¬ ren. Welch ein Feind des Menschen der Lärm ist“, sagt der Arzt abschlie¬ ßend, „beweist die Tatsache, daß Men¬ schen, die sich freiwillig zu Versuchs¬ zwecken in das Schallfeld von Düsen¬ motoren bringen ließen, bewußtlos zu¬ sammenstürzten;_ Wenn einer musisch angeregt zu Hause seine Pauke schlägt zur Übung, ist es jedem lieber," er wohnt nicht drunter oder drüber. Menschen im allgemeinen nervlich belasten. Zur Verhütung der dauernden Schä¬ digung des Gehöres der Beschäitiyu : in den Lärmbetrieben muß durch die Sicherheitsingenieure und die Arbeits¬ inspektoren die Lärmentwicklung auf das geringstmögliche Maß herab¬ gesetzt werden. Weiters müssen durch Schutzeinrichtungen für die betreffen¬ den Arbeiter (Ohrenschützer, Ver¬ stopfen der Ohren mit ölgetränkter . Watte, Oropax u. v. a.) die Schädi¬ gungen des Gehörorgans verhütet werden. In vielen Fällen ist die Herabset¬ zung der Lärmentwicklung nicht mög¬ lich und auch die Anwendung von Lärmschutzmitteln ungenügend, so daß es nach einer gewissen Zeit zu Gehör¬ schädigungen kommt. Arbeiter in i Lärmbetrieben, die über Benommen¬ heit, Kopfschmerzen, Ohrensausen und Schwindel klagen, sind ärztlich zu überwachen und zu beraten, da diese Beschwerden in den meisten Fällen die ersten Zeichen einer Lü i msclnub - unvermeidlichen Lärm des Arbeits¬ prozesses die Ruhe ihrer Umgebung stören. Hier taucht ein fast unlösbares Pro¬ blem auf. Denn würden die Behörden auf Grund der gegenwärtigen stren¬ gen Bau- und Sicherheitsvorschriften gegen diese Betriebe Vorgehen, so müßten in Wien und auch in anderen Städten Österreichs wahrscheinlich viele Unternehmungen ihre Erzeugung einstellen. Wie viele Arbeitslose gäbe es da wieder mehr! Abhilfe kann nur geschaffen wer¬ den, wenn die Betriebsinhaber, die ihre Konzessionen vor vielen Jahr¬ zehnten, als die Stadt noch nicht so Gegen so einen Lärm ist man machtlos. Die Ruine muß weg, und ein Betonbohrer mit Harfenklängen ist. leider noch nicht erfunden. I I I E J «mm Säfig I ! » t § ’ Ob ein Holzlager- mfte platz mit Kreis- gung sind. Sehr oft wird dannzm^^ Vermeidung dauernder Geh^cscbärteti der Arbeitsplatzwechsel - empfohlen werden müssen. Sehr- wichtig ist auch das Problem des immer mehr zunehmenden Gro߬ sägebetrieb mitten stadtlärms. Besonders durch den t® »_ Lärm in der Nacht wird der ruhe¬ bedürftige Großstadtmensch sehr stark belastet und geschädigt. Hier könnte durch vernünftige, gesetzliche Maßnahmen sehr ausgiebig und rasch geholfen werden." in eine Wohnhaus¬ anlage einer Pro¬ vinzstadt paßt, ist eine Frage, die das Gewerbeinspekto- rat beantworten müßte. dicht verbaut war, erhalten haben, alle technischen Hilfsmittel einsetzen, uni die Bewohner ihrer Umgebung so Wenig als möglich zu stören. Darauf zu achten, daß diese unbedingt not¬ wendige Rücksicht auch geübt wird, müßte Aufgabe der Behörden sein. Auch die Kraftfahrzeuglenker mü߬ ten auf die Bewohner von Dörfern und Kleinstädten, durch die eine Hauptstraße führt, mehr Rücksicht nehmen und unnötiges Hupen ver¬ meiden. Kampf dem Lärm Ich spreche mit dem Chefarzt der Wiener -Gebietskrankenkasse, Sani¬ tätsrat Dr. Tuchmahn. Hier seine Fest¬ stellungen über die Schädlichkeit des Lärms: ? . „Vom ärztlichen Standpunkt sind zwei Arten von Lärmschädigungen zu unterscheiden: 1. die Gehörschäden, die durch den Beruf verursacht wer¬ den, und 2. Lärmschäden allgemeiner Art, die das Gehörorgan weniger oder gar nicht schädigen, sondern nur den Vor längerer Zeit hat sich das Ar¬ beitsinspektorat zusammen mit Spe¬ zialisten für Unfallverhütung und Ar¬ beitshygienikern mit der Bekämpfung der Lärmplage befaßt. Nun ist es leider wieder still geworden in dieser für die gesamte Bevölkerung so wigj*'' tigen Angelegenheit. Es -ist abejpaiot- wendig, alle verfügbaren Mifter gegen den Lärm einzusetzen, d^wft die letz¬ ten wissenschaftlich^*!'* Forschungs-" ergebnisse haben bewiesen, daß sich niemand an den Lärm gewöhnen kann, und daß sich seine schädlichen Folgen für den Menschen in irgend einer Form auf jeden Fall einmal ein- slellen. (? n- Seite 4 Nr. 214 SOLIDARITÄT IMW PIWW— " 1 -

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