Full text: Solidarität - Juli 1954, Heft 220 (220)

i Aas; 1951 niiK&Ur - -' ler Bibliothek Wien, L, Ebendorferstr. 1 /! / Vbb — Mit Bildbeilage ZEHTflALDRGAN DES ÖSTSaBEICHlSCMEN SEWEHKSCHAFTS8UNDES 12. JULI !9S4 / MH. 220 PREIS 25 GROSCHEN Die \'aeheiiti’ielitiiiig' von KenteiiverKicherungsbefträgen Die „SoHdarität ‘‘ hat in der Nummer 213 vom 5. April 1954 ausführlich über die Möglichkeit der Nachentrichtung von Rentenversicherungsbeiträgen berichtet. Ursprüng¬ lich war die Frist für die Antragstellung auf Nachent¬ richtung mit 39. Juni 1954 begrenzt. Sie wurde nun¬ mehr bis zum 31. Dezember 1954 verlängert (damit wurde einem Wunsch des Ö'GB Rechnung getragen). Alle Arbeiter und Angestellten, deren Versicherungsverlauf seit dem 1. Jänner 1939 größere Lücken aufweist, sollen sich möglichst bald bei den Renteninstituten erkun¬ digen, ob sie Beiträge nachzahlen können und sollen. I^Bfl Einige Minuten Überlegung erbeten! Die Erregung in den Betrieben über die Preissteigerungen hält noch immer an. Ausgelöst wurden die Preissteigerungen in erster Linie durch die Gemüseverknappung infolge der Kälteperiode im Frühjahr. Es hätte aber alles viel ruhiger abgehen können, wenn die verant¬ wortlichen Stellen, besonders das Handels- und das Landwirtschafts- ministerium, rechtzeitig VorkehrungsmaBnahmen getroffen hätten. Nun stehen wir aber vor dem Dilemma, daß gar nicht beachtet wird, Sehen wir uns einmal an, was die Statistik über die Erhöhung der Le¬ benshaltungskosten sagt. Sicherlich kann man gegen statistische Angaben viel einwenden, wir müssen aber doch einen Maßstab für unsere Be¬ trachtungen haben. Der Index der Lebenshaltungs¬ kosten (März 1938 = 100) betrug jeweils im Mai 1951 532,8 und 1952 086,7, er sank bis Mai '1953 auf 630,5 und stieg bis zum Mai des heurigen Jahres*wieder auf 678,9 an. In der Zeit von Mai 1951 bis März 1954 ist ' der Index der Arbeiternettpverdienste I (August 1938 = 100) von 518,3 auf 728,8 gestiegen. Was sagen uns diese Zahlen? Der Aufwand für die Lebenshaltung ist bis 1952 angestiegen und im Jahre 1953 abgesunken und hat auch im Mai 1954 noch nicht das Niveau des Jahres 1952 erreicht. In diesem Zeitraum sind die Löhne zwar sehr langsam, aber stetig angestiegen. Inzwischen ist seit Mai bei den Lebenshaltungskosten wieder eine sin¬ kende Tendenz eingetreten. Während ! Mitte April der Lebenshaltungskosten¬ index um 9 Prozent höher war als zum gleichen Zeitpunkt des Vor¬ jahres, war er Mitte Mai um 7,7 Pro¬ zent und Mitte Juni nur mehr um 4,5 Prozent höher als zu den gleichen Zeitpunkten des Vorjahres. Viel vernünftiger, wenn auch mehr Geduld und Verständnis er¬ fordernd, ist die Taktik des Ge¬ werkschaftsbundes, die eingetretene In Schillingen austjedrückt, sieht es so aus, daß der wöchentliche Mehr- Gewerkschaftsbund Der Weg, den der aulwand einer vierköpfigen Arbeiter- Jamilic im April heurigen Jahres um 35,50 Schilling höher war als im April vorigen Jahres, im Mai um 30,28 Schil¬ ling nid schließlich im Juni um 18,23 Schilling als in dem gleichen Monat des Vorjahres. sinkende Preistendenz zu stärken. Die Entwicklung des Index der Le¬ benshaltung zeigt, daß dieser Weg richtig ist. Allerdings darf man sich nicht täuschen lassen, wenn da und dort der Preis irgend einer Ware anzieht, man muß auch beachten, wo Preise sinken. Entscheidend kann immer nur das Gesamtergeb¬ nis sein. Nun wirkt sich bei den noch immer unzureichenden Löhnen und Gehältern jede Lebenshaltungs- kostenerhöhung empiindlich auf den Haushalt der Arbeiter und Ange¬ stellten aus. Aber wir dürfen nicht in den Fehler verfallen, so zu tun, als wäre überhaupt nichts erreicht worden und als würde die Preis¬ tendenz noch immer steigend sein. Durch die Aktionen des Gewerk¬ schaftsbundes und der Betriebsräte ist es gelungen, eine gefährliche Aufwärtsentwicklung der Preise ab¬ zustoppen. Etwas ganz anderes sind Lohnbe¬ wegungen auf Grund einer günstigen Konjunkturlage in einer Branche. Die Arbeiter und Angestellten haben ein Recht darauf, dort, wo es möglich ist, sich einen Anteil auf Grund der stei¬ genden Produktivität herauszuholen. Solche Lohnbewegungen brauchen keine Überwälzung auf die Preise mit sich zu bringen und können zu einer tatsächlichen Erhöhung des Real¬ einkommens führen. Daß die Arbeiter und Angestellten ein Recht auf solche Erhöhungen haben, ist unbestreitbar, denn die Produktivität ist von einem Durchschnitt von 106 im Jahre 'igss (1937 = 100) bereits im März des;heu- daß manche Preise wieder gesunken sind und vor allem die Gemüse¬ preise sich auf dem Stand des Vorjahres halten. Ajs Maßstab für die Preissteigerungen werden die Fleischpreise genommen. Sie sind zwar in den letzten Wochen etwas zurückgegangen, liegen aber noch be¬ trächtlich über dem Stand des Vorjahres. Außerdem sind die Preise von Kaffee, Tee, Kakao und einigen anderen Lebens- und Genußmitteln nicht gesunken. Ohne diese Aktionen wäre sicher- . lieh die rückläufige Preisbewegung besonders bei Gemüse nicht im glei¬ chen Tempo eingetreten. Daß diese Aktionen bisher beim Fleisch nicht zu den gleichen befriedigenden Resul¬ taten führten, hängt vor allem mit dem erhöhten Konsum durch den star¬ ken Fremdenverkehr und dem An¬ wachsen des Beschäftigtenstandes zu¬ sammen. Das ist keine Entschuldi¬ gung, sondern ein Hinweis auf die Schwierigkeiten. Manche Arbeiter und Angestellte werden auf diese Argumentation ant- worter^aßUmendmSULislik gleich¬ gültig sei, sie wollen auf Grund er¬ höhter Ausgaben höhere Löhne und Gehälter. Glauben sie" aber bei ruhiger Über¬ legung wirklich, daß beim derzeitigen Stand der Dinge ein allgemeiner Lohn¬ ausgleich ihnen nützen würde? Schon bei Ankündigung einer solchen For¬ derung, und würde sie auch nur einige Prozente betragen, würde so¬ fort wieder eine steigende Preisent¬ wicklung eintreten. De facto würde eine solche Lohnerhöhung zu keiner wirklichen Erhöhung des Realeinkom¬ mens führen. rigen Jahres auf 114,8 gestiegen (März 1953: 101,9). Bei ruhiger Überlegung verstehen die Arbeiter und Angestellten die Lage und die mit ihr verbundenen Konsequenzen ganz gut. Was ist nun der Grund, daß die Erbitterung noch immer in solch großem Ausmaß an¬ hält? an die hunderitausend Schilling, aber nach außen ungesehen. Er erzählt, wie sparsam er lebt, wie er nur ganz wenig aus der Geschäftskasse nimmt, um die hohen Steuern zahlen zu können. Persianer um 35.000 Schilling, schwe¬ rer Schmuck, aufgedonnerte Kinder, Gastein, Italien, Schweiz, Freundinnen, alles von kaum 3000 Schilling im Monat Privatentnahme." Wir haben nun bald zehn Jahre nach Kriegsende. Die Arbeiter und Angestellten haben verstanden, daß der Wiederaufbau Opfer kostet und ihnen Entbehrungen auferlegt. Jeder Arbeiter- und AngestelltenhaushaU hat heute noch mit Schwierigkeiten zu ringen. Sie sind geringer, wo Mann und Frau verdienen, sie sind groß, wo einige Kinder zu erhalten sind. Auf der anderen Seite sehen die Es ist begreiflich, daß angesichts solchen Vorbildes, das verschiedent¬ lich Chefs geben, sachliche Feststel¬ lungen und nüchterne Hinweise nicht viel nützen. Es ist nicht die Arbeiter¬ presse — wie die Unternehmer be¬ haupten —, sondern es sind diese Übelstände, die die Menschen mit Recht erregen. Kollegen Wirtsclgijtstreibende, die sich keine Beschickungen aufzu¬ erlegen brauchen., Resser als alle unsere Ausführungen widerspiegelt ein Brief einer Kollegin an den Ge¬ werkschaftsbund diese Stimmung. Es heißt darin unter anderem: „Selbst bin ich Kontoristin, mein Mann und ich verdienen. Für unsere kleine Wohnung kaufen wir um unser kleines Die Gewerkschaften haben die saure Aufgabe, klarzumachen, daß solche Übelstände nicht für die ganze Wirtschaft zutreffen, und daß man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten darf. Die Gewerkschaften laden den und führt zum Ziel geht, ist richtig Gehalt verschiedene Gegenstände. Hat¬ ten die Absicht, uns, wie verschiedene Arbeiter unseres Betriebes, durch die Eleklro-Aktion Sachen zu nehmen. Nachdem unser Herr Chef davon erfuhr, gibt es seit Wochen bei uns im Betrieb nur mehr Krach. Dauernd heißt es, das lumpige Arbeitergesindel sabotiert ihn, fordert hohe Stundenlöhne, schindet Überstunden, damit wir bei solchen Allüren, wie der Elektro-Aktion, mittun können. Es ist doch eine Gemeinheit, uns diese Vorwürfe zu machen, noch dazu wenn man, wie er, selber nicht sauber arbei¬ tet. Die privaten Ansprüche unseres Herrn Chefs sind zu hoch und er vergißt, daß wir die unsauberen Belege genau sehen, die dauernd auf das Geschäfts¬ konto gebucht werden müssen. Da wird zum Beispiel trin Schlauchboot geliefert, berechnet als Reifen für den Personen¬ wagen, auf Geschäftskönto. Gummi¬ bodenbelag wird gekauft, es liegen aber nur die Abfälle davon im Büro. Tape- ziererrechnung als Autopolsterung steht verbucht, es waren neue Tapeten für die Privatwohnung. Eine Bedienerin wird jahrelang im Büro verrechnet und bezahlt, obwohl sie hier noch keinen Handgriff verrichtete. Kunden mit Empfehlungen haben zehn Prozent Nach¬ laß, falls sie auf Ausstellung einer Rechnung verzichten. Höherer Abfall¬ verkauf kommt in die Privatkasse. Zur Deckung werden zehn Schilling in die Privatkasse eingeschrieben. Auf difese Art verdient unser Herr Chef jedes Jahr Unmut auf sich, da die Masse nicht verstehen kann, warum nicht radikal mit solchen Wirtschaftsschädlingen aufgeräumt wird. Es ist schwer, be¬ greiflich zu machen, daß die Wirt¬ schaft ein komplizierter Mechanismus ist, und nur ein großer und kostspieliger staatlicher Apparat diese Übergriffe auch wieder nur zum Teil abstellen könnte. Die Gewerkschaften selbst können in das Wirtschaftsleben nicht direkt eingreifen, denn sie sind Inter¬ essenvertretungen, aber keine Auf- sichts- und Vollzugsorgane in Wirt¬ schaftsangelegenheiten. Warum wir das alles feststellen? Wir wollen nicht, daß die Arbeiter und Angestellten sich selbst betrügen und das gemeinsame Nest mit unsach¬ licher Kritik beschmutzen. Wir dür¬ fen trotz aller berechtigten Erregung auf eine sachliche Prüfung der Lage nicht verzichten. Sicherlich kann die österreichi¬ sche Arbeiterschaft keine Schmä¬ lerung der Lebenshaltung auf sich nehmen. Im Gegenteil, sie muß Schritt um Schritt verbessert wer¬ den! Wir müssen uns aber darüber klar sein, dafi ein rapider Preisan¬ stieg nicht wieder sofort, sondern nur langsam abebbt. Erst das letzte und dann noch sehr zweifelhafte Mittel zum Ausgleich eines solchen Preisanstieges kann eine allgemeine Lohnerhöhung sein. i F I I

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.