Full text: Solidarität - Juli 1954, Heft 220 (220)

Gegenwärtig sinken aber die Lebens¬ haltungskosten, langsam ab, und es ist vernünftiger, weiterhin aufmerksam, diese Entwicklung zu beachten und vorwärtszutreiben, als sie durch all¬ gemeine Lohnforderungen ins Gegen¬ teil zu verkehren. Weder Zölle noch ein zu forcierter Export dürfen die Preise in die Höhe treiben. Durch Erhöhung der Kauf¬ kraft auf Grund der Sicherung eines Anteils an der gestiegenen Produktivi¬ tät für die Arbeiter und Angestellten muß die Konsumkraft im Inland ge¬ hoben werden. Der Kampf um die Vollbeschäftigung ist ein weiterer Impuls zur Hebung des Umsatzes. Und schließlich soll durch den Ausbau der Sozialversicherung der Staatsbürger in sozialen Notständen, bei Krankheit und im Alter ausreichend versorgt sein. Der Weg des Gewerkschafts¬ bundes ist also sehr klar und ziel¬ bewußt. Welcher andere Weg könnte wirklich gegangen werden? Schalten wir unseren Unmut aus, und wir werden keinen besseren Weg finden! Dem Gewerkschafts¬ bund und seinen verantwortlichen Funktionären ist es nicht um Popu¬ laritätshascherei zu tun, und sie lehnen jede Demagogie ab. Auch auf die Gefahr hin, daß ihre Argu¬ mentation nicht immer gleich ver¬ standen wird, treten sie doch aus Verantwortungs¬ bewußtsein für den richtigen Weg ein, der zwar keine Augenblicks¬ erfolge bringt, die bald wieder in nichts zerrinnen, dafür aber um so zielführender ist. Es ist auch nicht wahr, daß die Lebenshaltung der Arbeiter und An¬ gestellten abgesunken ist, im Gegen¬ teil, sie steigt — wie schließlich jeder Arbeiter und Angestellte und jede Hausfrau selbst feststellen kann — langsam, wenn auch lange noch nicht in einem befriedigenden Tempo. Der Einbruch im Frühjahr konnte abge¬ riegelt, wenn auch noch nicht ganz bereinigt werden. Unbesonnene Hand¬ lungen bringen immer nur Nachteile. Die eigentliche Quelle der Er¬ regung und Erbitterung, die sich breitmachende Wirtschaftsunmoral, konnte allerdings noch nicht ver¬ stopft werden. Das ist aber eine Angelegenheit nicht nur der Ge¬ werkschaft, sondern der ganzen Öffentlichkeit. Wenn Ordnung und Sauberkeit in der Wirtschaft herr¬ schen würden, wäre die Lage in unserem Lande wesentlich leichter, und es bliebe uns manche Erschüt¬ terung erspart. Die Gewerkschaften sind dazu da, für die Arbeiter und Angestellten bessere Lebensbedingungen zu er¬ kämpfen. Auch in der gegenwärtigen Situation drücken sie sich nicht vor dieser Aufgabe, sondern sie gehen den verläßlichsten und zweckmäßig¬ sten Weg. Und bei nüchterner Über¬ legung wird er auch die Billigung der großen Mehrheit der österreichischen Arbeiter ijnd Angestellten finden. Es gtitii toufwCL Bei der Österreich-Rundfahrt wenden die Rennfahrer auf der GroElglockner- strecke einen psychologisch äußerst raffinierlen Trick an, wenn sie schon hoch aufgestiegen sind, aber es noch be¬ deutender Kraitanslrengung bedarf, um das Ziel, das Fuscher Törl, zu erreichen. Sie schauen dann ins Tal hinunter und sehen den gewaltigen Höhenunterschied, den sie schon überwunden haben, und das gibt ihnen Kraft und Ansporn, das Ziel zu erreichen. Ist es nicht mit unserem wichtig¬ sten wirtschaftspolitischen Nahziel der Vollbeschäftigung ähnlich? Soll¬ ten wir nicht auch manchmal zurück¬ blicken auf die schreckliche Zeit vor 1938, als der Ständestaat die Arbeits¬ losenzahlen fälschen mußte, um die Bevölkerung darüber zu täuschen, daß die Zahl jener, die arbeiten wollten, aber keine Beschäftigung fanden, zwischen 500.000 und 600.000 schwankte, um daran zu ermessen, welchen gewaltigen Aufstieg un¬ sere Wirtschaft genommen hat und von welch überragender Bedeutung die Einflußnahme der Arbeiterbe¬ wegung auf die Wirtschaftspolitik war. Aber auch ein Rückblick auf die Entwicklung der letzten Monate und Jahre ist ebenso lehrreich wie ermu¬ tigend. Bekanntlich konnte die öster¬ reichische Wirtschaft im Sommer 1951 den Stand der Vollbeschäftigung er¬ reichen, wobei allerdings eine immer gefährlicher werdende inflationisti¬ sche Entwicklung in Kauf genommen werden mußte und auch die Welt¬ wirtschaft eine noch nie dagewesene Hochkonjunklur verzeichnete. 1952 und 1953 verschlechterte sich unter dem Einfluß einer falschen Wirt¬ schaftspolitik und einer sich ver¬ schlechternden weltwirtschaftlichen Lage die Arbeitsmarktsituation. Erst im Herbst des vergangenen Jahres konnte das Steuer herumgerissen werden. Seit dem Tiefpunkt im Fe¬ bruar dieses Jahres ist eine wirk¬ liche Umkehr der Beschäftigungs- Situation festzustellen. Während im Jahre 1952 vom Hö¬ hepunkt der Arbeitslosigkeit bis Ende Juni 96.000 Arbeitslose wie¬ der in den Arbeitsprozeß einge- gliedert werden konnten, konnten heuer von Ende Februar bis Ende Juni nicht weniger als 184.611 Ar¬ beitslose wieder Beschäftigung fin¬ den. Wührend Ende Juni 1953 die Zahl der Arbeitslosen 143.114 be¬ trug, konnle sie heuer Ende Juni auf 120.555 herabgedrückt werden. Damit haben wir das Niveau von 1952 fast erreicht, sind aber von den günstigen Beschäftigungsverhältnis¬ sen des Jahres 1951 noch weit ent¬ fernt und müßten, um den damaligen Zustand zu erreichen, die Arbeits¬ losenzahl um 41.000 senken. Die Verbesserung der Beschäfti¬ gungssituation hat sich heuer, im Ge¬ gensatz zu 1952, im Juni kräftig fort¬ gesetzt und ist bei weitem nicht allein auf die Abnahme der arbeitslosen Bauarbeiter zuriickzuiühren. Im Juni 1952 sank die Zahl der Arbeitslosen um 5543, davon waren 84l)/o Bauarbei¬ ter, im Juni 1953 sank die Zahl der Arbeitslosen um 13.639, davon waren 45" ii Bauarbeiter, im heurigen Juni sank die Zahl der Arbeitslosen um 21.936 und davon waren nur 30°/o Bauarbeiter. Daraus geht hervor, daß die Belebung der Wirtschaft nunmehr auch andere Wirtschaftszweige er¬ greift und, ausgehend von der Bau¬ wirtschaft, den Lohnbewegungen in verschiedenen Branchen, der Ver¬ stärkung der inneren Kaufkraft, dem Fremdenverkehr und natürlich dem anhaltenden hohen Export, sich die allgemeine Wirtschaftslage verbes¬ sert. Am eindrucksvollsten sind aber die Beschäftigtenzahlen. Während wir im Juni 1952 1,977.000 Beschäf- tigle zählten, im Juni 1953 1,954.000, konnte heuer bereits im Juni end¬ lich wieder die Zweimülionen¬ grenze überschritten werden. Es wurde die Beschäftigtenzahl von 2,008.000 erreicht, und damit liegen wir nur mehr um 11.000 Beschäf¬ tigte unter dem Stand des Juni 1951. Um es nochmals festzuhalten, der entscheidende Faktor bei der Verbes¬ serung der Beschäftigungssituation war die Wiederherstellung des erfor¬ derlichen Ausmaßes der öffentlichen Bautätigkeit, die wirklich in der Lage ist, den Inlandsmarkt zu beleben, die Inlandskonjunktur zu heben und da¬ mit die Vollbeschäftigung wiederzu¬ bringen. Der Außenhandel, so über¬ aus wichtig er auch für unsere Wirt¬ schaft ist, konnte, wie die letzten zwei Jahre gezeigt haben, dieses Er¬ gebnis nicht bringen, was auch eine Widerlegung der verlogenen Phrase „Osthandel bringt Vollbeschäfti¬ gung" ist. Nicht der Osthandel bringt sie, so nützlich er"auch sein mag, sondern die Wohnbautätig¬ keit, ja die Bautätigkeit überhaupt. Leider gibt es eine große Anzahl von Kollegen, und vor allem sind das jene, die sich in sicheren Berufs¬ positionen glauben, die, kaum daß' diese Erfolge auf dem Beschäftigungs¬ sektor erzielt sind, auch schon jedes Interesse an diesen wichtigen Fort¬ schritten verloren haben. Kaum ist die Zahl der Arbeitslosen abgesun¬ ken, wird die Frage der Beschäfti¬ gungspolitik von der Tagesordnung abgesetzt, alle Fortschritte werden vergessen und alle gewaltigen Auf¬ gaben, die uns auf diesem Gebiet noch gestellt sind, werden glatt über¬ sehen. Denn es ist ja nicht so, daß die Erfolge, die wir bisher errungen haben, schon gesichert sind oder gar die Erreichung des Zieles be¬ deuten und daher nur Anlaß für Freuden- und Dankeskundgebun- gen wären, sondern wirklich schwie¬ rige und große Probleme warten hier noch auf uns. Die Kollegen, die sich jetzt auf alle möglichen anderen Fragen stürzen und die Vollbeschäfligung aus den Augen verlieren, erinnern an einen verrückt gewordenen Specht, der an alle dürren Zweige klopft, bis ihm der Schädel brummt, aber niemals schaut, ob sein Klopfen auch einen Wurm' herausgelockt hat. Um bei diesem Gleichnis zu bleiben: Der dürre A'st „Arbeitslosigkeit“ birgt noch eine^l Menge Würmer. Das schwierigste Problem wird in den nächsten Jahren die Unterbringung der Jugendlichen sein. Die Massenkaufkraft muß noch gehoben und richtig gelenkt werden, um in den kommenden Jahren einen größeren \ erbrauch von Textilien und Schuhen zu ermöglichen. Damit können die Textil-, Bekleidungs-und Lederarbeiter ebenfalls wieder Vollbeschäftigung zugeführt und die Rationalisierungsarbeitslosigkeit in dieser Branche aufgesaugt weiden. Eine steigende Massenkauikraft kann auch eine bessere Beschäftigungs¬ situation in der Nahrungs- und Ge¬ nußmittelindustrie und bei den kauf- männischen Berufen herbeiführen Dann darf nicht übersehen wer¬ den, daß die strukturelle Arbeits¬ losigkeit vor allem in der russD sehen Zone ein gewaltiges und schwer zu lösendes Problem ist, vor allem, wenn man bedenkt, daß sich die wirtschaftliche Situation der USIA-Betriebe dauernd verschlech¬ tert. Aber auch die gegenwärtige Be¬ schäftigungssituation hat keine ge¬ sicherten Grundlagen. Noch ist die Bauwirtschaft ihres Saisoncharakters nicht entkleidet worden. Wenn nioH entscheidende Anstrengungen unter¬ nommen werden, müssen wir damit rechnen, daß die Bautätigkeit im Win¬ ter wiederum tief absinken wird. Wenn jetzt aber die Bauwirischaft die wichtigste Knn ui1 li'sjuLzc dar-_ strengungen gemacht werden, um ihr einen gleichmäßigen Hochstand zu sichern und das Wintertief zu über- brücken. Schließlich muß auch das Preisniveau mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln in Ordnung gehal¬ ten werden, denn würden die Preise steigen, und wären es auch nur die Preise einiger weniger, aber dafür wichtige Konsumgüter, bleibt für den ArbeTfpf^ haushait nicht genügend Kaufkraft, um andere Waren, vor allem Textilien, Schuhe, Haushaltgegenslände und Mö¬ bel zu kaufen. Jedenfalls ist jetzt schon der Be¬ weis geglückt, daß durch eine ver¬ nünftige Wirtschaftspolitik der Re¬ gierung die österreichische Wirt¬ schaft der Vollbeschäftigung wie¬ der zugeiührt werden kann und nicht in den Sumpf der Zwischen¬ kriegszeit zurückstnken muß. Und dies ist eine Tatsache, die nicht genug hoch eingeschäm werden kann. Denn wir müs¬ sen die Vollbeschältigung erreichen und aufrechterhallen: In erster Linie aus sozialen Gründen, denn die er¬ zwungene Arbeitslosigkeit ist das größte Unrecht, das der Arbeiter¬ klasse zugelügt werden kann; Unser Lebensstandard könnte höher sein Die Arbeitslosigkeit war 1953 um 68.000 im Jahres¬ durchschnitt höher als 1951. Durch eine aktive Konjunkturpolitik könnten diese Arbeitslosen wieder in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert werden. Es könnte mehr produziert wercen. dadurch wären die verfügbaren Gütermengen größer. Bei einer gerechten Verteilung dieser größeren Gütermengen könnte ddr Lebensstandard von uns allen höher sein. Seite 2 Nr. 220 SOLIDARITÄT

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