Full text: Solidarität - Juli 1954, Heft 220 (220)

fugend chne Jktßeii 40.000 Schulentlassene finden keine Beschäftigung Nach den Ermittlungen des Sozialniinisteräums sind heuer bei Schulschluß aus den Haupt-, Volks-, Hilfs- und Sonderscliulen rund 134.000 Jugendliche der Schulpflicht entwachsen. Davon werden erfahrungs¬ gemäß rund 70 Prozent eine Lehr- oder Arbeitsstelle suchen. Hinzu kommen einige tausend die Schule ver¬ lassende Maturanten und mehr als 15.000 Jugendliche, die 1953 die Schule verließen und noch keinen Lrhr- oder Arbeitsplatz gefunden haben. Diese jungen Men¬ schen brauchen dringend Arbeitsplätze; Regierung und Wirtschail müssen Zusammenwirken, um die Lösung des Jungendproblems selbst durch einschneidende Maßnahmen herbeizuführen, ehe es zu spät ist. Kost¬ bare Zeit ist bereits ungenützt verstrichen. Wirksame Vorschläge Bundesminister für soziale Verwal¬ tung, Karl Maisei, legte kürzlich einem Arbeitsausschuß, der sich mit der Bekämpfung der Jugendarbeits¬ losigkeit befaßt und dem Vertreter der Kammern und der Arbeitnehmer- ’ und Arbeitgeberorganisationen ange¬ hören, zehn Vorschläge vor und er¬ suchte, diese in drei Arbeitskreisen ausführlich zu besprechen und die Ergebnisse der Beratungen dem Mi¬ nisterium zu übermitteln, damit dieses geeignete Schritte unternehmen könne, um die Berufsnot der Jugend zu lindern. In den Vorschlägen des 1 Sozialministeriums sind jene' Forde¬ rungen zusammengefaßt, die von ver- sdiicdencn Organisationen und Kör¬ perschaften erhoben wurden. Der Arbeitsausschuß hat dringend empfoh¬ len, unter anderen besonders folgende Vorschläge ehestens zu verwirklichen: 1. soll das 9. Schuljahr eingeführt werden; zumindest aber sollen die einjährigen Lehrkurse (freiwilliger Weiterbesuch der Schule) mehr als bisher gefördert werden; unterzubringen. Von den 132.500 Schulabgängern im Vorjahr haben G3 Prozent, das sind 03.500, eine Lehr- oder Arbeitsstelle angestrebt; bis Ende März 1954 waren 69.000 untergebracht worden, 14.500 warten noch auf die Vermittlung. Die Schul¬ abgänger 1954 werden aber die Plätze, die das Jügendeinstellungsgesetz in seiner gegenwärtigen Fassung zusätz¬ lich geschaffen hat, bereits durch den Jahrgang 1953 besetzt finden. Ein großer Teil von ihnen steht daher vor dem Schicksal, arbeitslos zu sein, ehe sie noch überhaupt gearbeitet haben. Besonders schlimm ist die Situation für die Mädchen, Nach der Volkszäh¬ lung vom Jahre 1951 sind 49 Prozent aller Jugendlichen weiblichen Ge¬ schlechts, aber der Anteil der Mäd¬ chen an den Lehrlingen beträgt nur 23 Prozent, von 100 beschäftigten Burschen standen 00 Prozent in einem Lehrver¬ hältnis, von 100 beschäftigten Mäd¬ chen nur 47 Prozent. Für weibliche Jugendliche müßten daher die sozia¬ len Frauenberufe wie: Krankenpflege, Fürsorge, Kindergärtnerin, Säuglings- In den siebzehn Nachschulungs¬ werkstätten und in den zahlreichen Beruf sweiterbil- dungskursen des ÖGB haben allein im vergangenen Jahr 36.000 Kolle¬ ginnen und Kolle¬ gen ihr Berufs- können erweitert Schwester usw. durch Stipendien all¬ gemeiner zugänglich gemacht werden. Wenn nun auch das Jugendeinslol¬ lungsgesetz, das am 31. Dezember 1954 abläuft, nicht alle Voraussetzungen erfüllen konnte, so hat es doch eine Besonders schwer hat es die weib¬ liche Jugend im Berufsleben. Tüchtige Fachkräfte haben mehr Aussicht auf einen Posten. Auch hier hilft der Ge¬ werkschaftsbund mit Nachschulungs¬ kursen. fühlbare Erleichterung gebracht, es müßte daher jedenfalls verlängert und verbessert werden. Die vielen Ausnahmsbestimmungen, die in man¬ chen Berufen die Zahl der Einzustel¬ lenden wesentlich beeinträchtigen, wären einer Revision zu unterziehen, und insbesondere müßte die Bestim¬ mung verschärft werden, die. es den Betrieben gestattet, gegen Zahlung einer Ablöse sich der Einstellungs- pfiieht zu entziehen. Lehrwerkstätten sind notwendig Darüber hinaus wird es notwendig sein, die vom Gewerkschaftsbund und den Arbeiterkammern in Voraus¬ sicht der Entwicklung wiederholt ge¬ forderte Errichtung von Lehrwerk¬ stätten durch öffentliche und private Hier kommt es auf zehntel Millimeter an. Ein Lehrling in der Lehrwerk¬ stätte des OGB iür Metallarbeiter. Stellen in Angriff zu nehmen. Es wäre j aiKh denkbar, in Lehrwerkstätten den Jugendlichen lediglich eine breite Grundausbildung zu geben, denn sol¬ cherart vorgeschulte Jugendliche wer¬ den erfahrungsgemäß von den Be¬ trieben gerne eingestellt. Und nun ein ernstes Wort an die Pri¬ vatwirtschaft, die dem Problem dec^ Lehrlingsbeschäftigung oit recht oii7^'~ stirnig gegenübersteht: Der Lehrling von heute ist der Facharbeiter von morgen. In den kommenden Jahren wird sich die Zahl der Schulentlasse¬ nen wesentlich verringern. Das Problem der Jugendbeschäftigun« wird sich daher grundlegend ändern, und aus dem Überfluß wird ein die gesamte österreichische Wirtschaitund Industrie schädigender Mangel ent¬ stehen. — Denn ohne Nachwuchs an tüchtigen Fachkräften geraten wir duf~"c den Weltmärkten mit unserer Produk¬ tion gegenüber anderen Ländern men¬ gen- und wertmäßig ins Hintertreffen. Das Problem der Jugendbeschäfti- gung hat aber neben seiner Wirtschaft- Bedeutung. Die- jugendlichen Staats¬ bürger, die von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft bei ihrem ersten Versuch, sich ihnen einzugliedern, enttäuscht und im Stich gelassen werden, ver¬ lieren die Achtung und Schätzung für die demokratischen Institutionen. Sie werden in ihrer Hoffnungslosigkeit für Ideengänge empfänglich, die eine Gefahr für den Bestand der demofc*»- tischen Einrichtungen bedeuten. Schon einmal hat die Massenarbeitslosigkeit der Jugend, die Ausweglosigkeit ihres Berufsschicksals, Zehntausende totali¬ tären Gedankengängen zugänglich ge¬ macht und dem Nationalsozialismus den Weg zur Macht geebnet. 2. soll an die Betriebe des Handels, der gewerblichen Wirtschaft und an die Industrie der Appell gerichtet wer¬ den, die Absolventen der einjährigen Lehrkurse bevorzugt einzustellen: 3. sollen Vorlehrkurse in Lehrwerk¬ stätten und Berufsschulen durchge¬ führt werden; die verbrachte Zeit müßte in solchen Kursen auf die Lehr¬ zeit angerechnet werden; 4. soll die landwirtschaftliche Lehre mehr als bisher gefördert und ver¬ wirklicht werden (es gab 1953 nur einige hundert Lehrstellen); 5. soll die Halbtagsbeschäftigung, zumindest für Mädchen, eingeführt werden (ein Arbeitsplatz, awei Mäd¬ chen), Dos jügendeinstellungsgesetz Der wesentlichste, bisher aber ein¬ zige Beitrag der Gesetzgebung zur Unterbringung der Jugendlichen, war das Jugendeinstellungsgesetz. Es ist aber nicht gelungen, mit Hilfe dieses Gesetzes den Jahrgang 1953 restlos Eigentümer. Herausgeber und Verleger: öster¬ reichischer Gewerkschaftshund. Redaktion: Friiz Klenner und Franz Nekula. Verantwort¬ licher Redakteur: Karl Franta. Für die Bild¬ beilage verantwortlich: Fritz Konir. Gestaltung der Bildbeilage: August Makart. Alle Wien,. 1., Hohenstaufengasse 10—-12. Druck: Wald- heiin-Eberle, Wien, VII.^ Seidengasse 3—11. tfe"- Ohne Beschäftigung nimmt der Tag kein Ende. Die Langeweile wird durch Kartenspiel vertrieben, und das Kartenspiel wird sehr bald zur Leidenschaft. Junge Menschen, die, kaum der Schule entwachsen, schon arbeitslos sind, finden nur schwer in ein geordnetes Berufsleben zurück. Zu den zwei Bildern: Arbeitslose Jugendliche bei der Donau. Seite 4 Nr. 220 SOLIDARITÄT

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