Full text: Solidarität - Juli 1954, Heft 221 (221)

flato&kmke itet Sslettekh „Unwetterkatastrophen von Bregenz bis Wien", so lautete am 27. Juni die erste Hiobs- botschait, der eine Flutwelle folgte, wie sie unsere Heimat seit Menschengedenken nicht erlebt hat. Erst am 16. Juli, also nach fast drei Wochen Vernichtung und Elend, ging mit der Nachricht „Der Höhepunkt überschritten" ein Aufatmen durch das Land. Das Furchtbare, das sich zwischen den zwei Meldungen zugetragen hat, soll hier, soweit Worte es auszudrücken vermögen, festgehalten werden. Am 7. und 8. Juli fällt im Salzkammergut zehn Zentimeter Neuschnee und verwandelt das gesamte Seengebiet in eine Winterland¬ schaft. ln Tirol sinkt die Schneegrenze auf 850 Meter ab. In den österreichischen und bay¬ rischen Alpen wechseln sich Schneestürme und sintflutartige Wolkenbrüche ab. Zahlreiche Almen werden vom Schneesturm abgeschnitten, in den Tälern breiten sich furchtbare Über¬ schwemmungen aus; 50 Prozent der Straßen stehen in diesem Gebiet unter Wasser, und Eisenbahn- und Postautobuslinien müssen einge¬ stellt werden. Leitungsmasten und Geleise halten bei Pöchlarn den anstürmenden Wassermassen nicht stand. Am 9. Juli um 16 Uhr wird auch schon in Wien Hochwasseralarm ge¬ geben. Feuerwehr und Polizei sind in pausenlosem Einsatz und retten zahl¬ reiche Menschen und Tiere, die von den rasch anschwellenden Wasser¬ massen eingeschlossen werden. In Oberösterreich gehen neuerlich heftige Wolkenbrüche nieder. Inn und Isar steigen unaufhörlich an, der neue Schutzdamm des Innkraftwerkes Braunau-Simbach ist auf einer Länge ser in den Straßen ist bis zu drei Meter hoch. In Krem^ und Melk richten die Wassermässen unüber¬ sehbaren Schaden an. Die Donau hat die Westbahnstrecke unter Was¬ ser gesetzt, der Zugverkehr muß auf die Südbahn umgeleitet werden. Der Bürgermeister von Linz gibt bekannt: „Die Not in unserer Stadt ist grenzen¬ los!"— Die Flutwelle hat ihren Höhe¬ punkt erreicht. Das Präsidium des österreichischen Gewerkschaftsbundes richtet folgen- Amerikanische und russische Soldaten gemeinsam mit den österreichischen Rettungsmannschaften im Kampf gegen die verheerende Flut. Dieses Bild ging als „politische Pikanterie" durch die Presse der Welt. von 700 Meter unterwaschen, ein Damm des Kraftwerkes Jochenstein muß gesprengt werden, Teile der Stadt Schärding stehen unter Wasser. Fünf Flüchtlingslager, darunter, eine Lungenheilstätte, werden evakuiert, und der Polizeidienst meldet' vier Todesopfer durch Hochwasser. Am 10. Juli wird im gesamten Donaugebiet Katastrophenalarm ge¬ geben. Die Donau hat ihre Breite ver¬ doppelt, in Linz stehen bereits an die tausend Häuser teilweise bis zu den Giebeln unter Wasser, und tausende Personen werden in Notquartieren untergebracht. In den VÖEST-Werken in Linz müssen , die Breitbandstraße und das Kaltwalzwerk außer Betrieb gesetzt werden. Schaden — 70 Mil¬ lionen Schilling. Die Flut fordert zwei weitere Todes¬ opfer, aber mit der Größe mensch¬ licher Not wächst auch die Kraft menschlicher Hilfsbereitschaft. Ameri¬ kanische und russische Soldaten kämpfen, alle Gegensätze über-' brückend, Schulter an Schulter mit den österreichischen Rettungsmann¬ schaften in pausenlosem Einsatz ge¬ gen die verheerende Flut. 11., 12. und 13. Juli: In Pöchlarn ist die erhöht gebaute.Kirche der einzige trockene Platz in der Stadt; das Was- Eigentümer. Herausgeber und Verleger: öster¬ reichischer Gewerkschaftsbund. Redaktion: Fritz Klenner und Franz Nekula. Verantwort¬ licher Redakteur: Karl Franta. Für die Bild¬ beilage verantwortlich: Fritz Konir.'Gestaltung der Bildbeilage: August Makart. Alle Wien, 1., Hohenstaufengasse 10—12. Druck: Wald- heim-Eberle, Wien, VII., Seidengasse 3—11. den Aufruf an die ' österreichischen Arbeiter und Angestellten: Hellt den Qpfern der Überschwemmungskatastrophe! Eine furchtbare Elementarkata- slrophe hat einige Bundesländer Österreichs heimgesucht. Städte und Dörfer sind überflutet, und tausende Menschen haben ihr schwer erwor¬ benes Hab und Gut verloren. Die Zahl der Todesopfer ist glücklicherweise nicht allzu hoch, doch wurde ein Sachschaden angerichtet, der in die Milliarden Schillinge geht. Der Teil der Bevölkerung Öster¬ reichs, der das Glück hatte, von der Überschwemmungskatastrophe ver¬ schont zu bleiben, wird nun auf¬ gerufen, mitzuhelfen, die furchtbare Not der Opfer der Katastrophe zu lindern. Der österreichische Gewerkschafts¬ bund fordert daher die Gewerkschaf¬ ten, alle Institutionen der Arbeiter und Angestellten, die Betriebsräte und alle Mitglieder auf, mit Geld¬ spenden zu helfen. Der Gewerk¬ schaftsbund stellt sich mit dem Betrag von 500.000 Schilling an die Spitzff der Sammlung. Alle Spenden sind auf das Postsparkassenkonto des Öster¬ reichischen Gewerkschaftsbundes Nr. 180:800 unter .Katastrophenfonds' ein¬ zuzahlen und werden in einer zu¬ sammenfassenden Spendenliste aus¬ gewiesen. Die österreichischen Arbeiter und Angestellten haben aus einem Gefühl der Solidarität heraus in Tagen der Not noch niemals ihre Hilfe versagt. Der Gewerkschaftsbund hat bisher zur Linderung von Folgen anderer Katastrophen einen Betrag von mehr als 5,250.000 Schilling aus dem dafür bestimmten Fonds zur Verfügung ge¬ stellt, der durch Spenden der Arbei¬ ter und Angestellten, der Gewerk¬ schaften und des Gewerkschaftsbun¬ des aufgebracht wurde." 14. und 15. Juli: Im Gebiet von Wien hat die Donau an zwei Stellen die Stromdämme eingedrückt; der •Pegelstand hat 8,61 Meter erreicht. Am Handelskai in Wien schwimmen Hausrat und Einrichtungsgegen- stände aus den überfluteten Häusern. Die Maschinensätze des E-Werkes stehen unter Wasser. Arbeitnehmern, die infolge des Hoch¬ wassers ihrer Beschäftigung nicht nachgehen können, wird eine Kurz¬ arbeiterunterstützung gewährt. Der Gewerkschaftsbund setzt sich für die Erhöhung der niederen Sätze dieser Unterstützung ein. Der Bundeskanz¬ ler spricht den tapferen Rettungs¬ männern, besonders den russischen und amerikanischen Soldaten, Dank und Anerkennung aus. 16. und 17. Juli: Die Nordwestbahn ist bei Spülern unterbrochen, ln Wien sinkt die Donau zwar, aber das Grund¬ wasser richtet neuen erheblichen Scha- derösterreichischen Donaugebiet be¬ ginnt der Kampf gegen den Schlamm und die einstürzenden Häuser. Der Wolfstaler Straßendamm ist an 15 Stel¬ len unterhöhlt. Die Flut ebbt ab. Die Vernichtung wälzt sich gegen Ungarn. Der Bundespräsident übernimmt den Ehrenvorsitz in dem neugegründeten Nationalkomitee zur Bekämpfung der Hochwasserschäden. Die in den Betrieben zugunsten der Hochwassergeschädigten gesammelten Geldbeträge sind weiterhin unter dem Vermerk „Katastrophenfonds" auf das Postsparkassenkonto 180.800 einzu¬ zahlen. Der Gewerkschaftsbund wird die gesammelten Geldbeträge dem öcter- reichischen Nationalkomitee, in dem er Sitz und Stimme hat, zur Verfügung stellen. * 18. Juli: Allmählich ist es möglich, einen annähernden Überblick über den Gesamtschaden des Hochwassers zu gewinnen. Wahrhaftig, eine trau¬ rige Bilanz. Zehn Menschen kamen durch die Fluten um. Fast 100.000 Hektar Kulturboden wurden über¬ schwemmt. Flier allein richtet der Auslall am Ernteertrag einen Schaden von 300 bis 400 Millionen Schilling an. Der Wildschaden ist durch die 20.000 Hektar überfluteten Auen und Wälder höher als 1945 durch die Kriegseinwirkungen. 394 Häuser stürz¬ ten ein, davon allein in Linz 291 mit 582 Wohnungen. Gegen 700 Häujer sind vom Einsturz unmittelbar be¬ droht und mehr als 1200 Wohnungen unbewohnbar geworden, über 100.000 Kubikmeter Schlamm müssen aus den vermurten Städten und Doriern ent¬ fernt werden. 395 Brücken wurden zer¬ stört und viele schwer beschädigt. 4937 Stück Großvieh kamen um, und in Niederösterreich standen mehr als hundert Ortschaften upter Wasser. Namenloses Unglück, zerstörte Hoff¬ nungen und fürchterliche Not veri bergen sich hinter diesen Zahlen. An uns liegt es nun, dieses katastrophale Elend zu mildern. Das Leben muß weitergehen — Helft! Helft! f. n. Der überschwemmte Handelskai in Wien. Wasser und Schlamm haben ihr Vernichtungswerk beendet, aber das Leben muß weiter¬ gehen. Bis zu dem dunklen Mauer¬ rand ist die Flut angestiegen. Seile 4 Nr. 221 SOLIDARITÄT

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