Full text: Solidarität - August 1954, Heft 223 (223)

Vbh|i ZENTRALORGAN OES ÖSTERRElCHlSCtfEfl GE??t5lKSCHAFTS8UNDES 23. AUGUST 1954 / NR. 223 PREIS 25 GROSCHEN fb Herbstkurse der Arbeiterkammer Wien Die Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien hat nunmehr das Programm für ihre Kurse im Herbst 1954 ver¬ öffentlicht. Die Themen der Kurse sind wieder „Sozialver¬ sicherung", „Arbeitsrecht", „Betriebswirtschaft“, „Staats¬ bürgerkunde", „Wie liest man eine Bilanz?", „Eingaben und Beschwerden", „Wirtschaftspolitische Tagesfragen“ und „Steuerfragen für Arbeitnehmer". Der Besuch der Kurse ist unentgeltlich. Auskünfte erteilt das Bildungsreferat der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien, Wien, I., Ebendorferstrafie 7, Tel. A 29-500. Harte Kämpfe Die Streikbewegung in Westdeutschland Die Deutsche Bundesrepublik stand in den letzten Wochen im Zeichen einer gewaltigen Streikbewegung. Im Norden und im Süden des Landes legten Zehntausende von Arbeitern, Angestellten und öffentlich Bediensteten die Arbeit nieder, um ihren Forderungen nach höheren Löhnen und Gehältern wirksamen Nachdruck zu verleihen. Einer der von den Gewerkschaften geführten Streiks endete bereits mit Erfolg. Verlauf und Hintergründe der Streikbewegung führen zu einer Reihe bemerkenswerter Schlullfolgerungen. Hamburg Pfennig beziehungsweise 4Vä Pro- Die Bediensteten der Hansestadt zenl- Hamburg stellten Lohn- und Auf Drängen der sozialdemo- Gehaltsforderungen. Sie wollten eine Erhöhung der Stundenlöhne für Arbeiter um 10 Pfennig und eine Erhöhung der Monatsgehälter für Angestellte um 6 Prozent. Nach wochenlangen ergebnislosen Ver¬ handlungen machte ein öffent¬ liches Schiedsgericht einen Kom¬ promißvorschlag: Die Arbeiter und AngystelUca.^j^UU^,.^^ rung halbieren und der Hamburger Senat sollte diese halbierte Forde¬ rung anerkennen. Die Gewerkschaft war mit diesem Kompromißvorschlag einverstanden, die Mehrheit des Hamburger Stadtsenates, der „Bürgerblock", lehnte ihn ab. In einer Urabstimmung sprachen sich daraufhin 90 Prozent der rund 15.000 Arbeiter und Angestellten der Hamburger Verkehrs- und Versorgungsbetriebe für einen Streik aus. Am 4. August kam es zum Streik, der dann 9 Tage hin¬ durch diese zweitgrößte Stadt Deutschlands in seinen Bann schlug. Die Straßenbahnen und Untergrundbahnen und die Damp¬ fer auf der Alster standen still, und auch in den Gas- und Wasser¬ werken wurde gestreikt. Bei Gas und Wasser wurde lediglich eine Notversorgung aufrechterhalten. Die Stadtverwaltung von Ham¬ burg, einer Stadt, die ungefähr so groß ist wie Wien, erlitt täglich einen Schaden von rund 300.000 D-Mark, die Erfüllung der gewerk¬ schaftlichen Forderung hätte der Stadt etwa 300.000 D-Mark m o- n a 11 i c h gekostet! Der Bevölke¬ rung waren durch den Streik viele Erschwernisse auferlegt. Sie war daher mit Recht über das kurzsich¬ tige Verhalten des Stadtsenates empört. Ein weiterer Kompromißvor¬ schlag des Schiedsgerichtes — 5 Pfennig beziehungsweise 3 Pro¬ zent — wurde von den Streiken¬ den in einer Urabstimmung abge¬ lehnt. Die Gewerkschaft erklärte, ihre Mindestforderung seien 7 kratischen Fraktion kam es endlich zu einer Sondersitzung des Stadtparlaments und zur Annahme eines neuerlichen Schiedsgerichtsspruches. Die Arbeiter erhielten eine Erhö¬ hung der Stundenlöhne um 7 Pfennig, die Angestellten eine 4'/iprozentige Erhöhung der Ge- lialler. * • • Damit war der Streik am 12. Au¬ gust siegreich beendet. Er hätte überhaupt vermieden werden kön¬ nen, wenn die aus dem „Bürger- block" bestehende Mehrheit des Stadtsenates von Anfang an Ver¬ antwortungsbewußtsein und Ver¬ ständnisbereitschaft gezeigt hätte. Bayern Fast zur gleichen Zeit wi^ die Hamburger Kommunalbedienste¬ ten stellten auch die b a y r i- rischen Metallarbeiter Lohnforderungen. Sie verlangten eine Erhöhung der Stundenlöhne um 12 Pfennig, die Unternehmer boten ihnen 8 Pfennig. Es kam zu keiner Einigung, und so legten am 9. August 200.000 Metallarbeiter in 600 Betrieben Bayerns die Arbeit nieder. Im Verlaufe des Streiks wurde die Arbeit nur in jenen Be¬ trieben wieder aufgenommen, wel¬ che die gewerkschaftliche Forde¬ rung annahmen. Die Unternehmerschaft glaubte, durch Scharfmacherei die um ihr Recht kämpfende Arbeiterschaft einschüchtern zu können: Sie stellte ein bis 12. August befriste¬ tes Ultimatum. Wer bis zu diesem Tag nicht an die Arbeit zurück- gekehrt ist, der sei fristlos ent¬ lassen. Außerdem erklärte der Unter¬ nehmerverband, so lange nicht verhandeln zu wollen, als ge¬ streikt wird, so, als ob nicht ge¬ rade der Streik das letzte und stärkste Mittel wäre, die Unter¬ nehmer zu Verhandlungen zu zwingen! Im Verlaufe des Streiks kam es zu schweren Auseinandersetzun¬ gen, als sich die Unternehmer Streikbrecher heranholten, und diese „Arbeitswilligen" durch Po¬ lizeitruppen vor der berechtigten (Fortsetzung auf Seite 3) Westdeutschland wurde kürzlich von einer gewaltigen Streikwelle erfaßt. Arbeitende Menschen kämpfen um höhere Löhne. Im Bilde: Streikende vor einem bayrischen Metallbetrieb. Ist wirklich nichts geschehen? Es ist bedauerlich, wie die Be¬ mühungen um die wirtschaftliche und soziale Besserstellung der Ar¬ beiter und Angestellten einfach negiert und Erfolge, kaum erreicht, schon nicht geachtet und als selbst¬ verständlich hingenommen werden. Die Aufgabe der Gewerkschaf¬ ten, der arbeitenden Bevölkerung ein besseres Leben zu erkämpfen, kann nicht von heute auf morgen verwirklicht werden, sondern nur in einem unaufhörlichen Ringen, in einem schrittweisen Vorwärtskämp¬ fen erfüllt werden. Den Interessen der Arbeiter und Angestellten ste¬ hen die Interessen anderer Bevöl¬ kerungsgruppen entgegen, und we¬ der der Gewerkschaftsbund noch auch eine Partei kann diktieren. Sicherlich ist der Gewerkschafts¬ bund ein Machtfaktor, er hat Ein¬ fluß jm öffentlichen und wirtschaft¬ lichen Leben, aber er ist nicht der Staat und nicht d i e Wirtschaft. Die Gewerkschaften sind eben nur einer der Machtfaktoren in einem demo¬ kratischen Staat. Wenn jemand glaubt, daß es in einem totalitären Staat um den Interessenschutz der Arbeiter besser bestellt wäre, dann ist er auf dem Holzweg, denn dort sind die Gewerkschaften die Hand¬ langer der Staatsinteressen und keine Interessenvertretungen des arbeitenden Volkes. Es kann nicht oft genug betont werden, daß die österreichischen Arbeiter und Angestellten in der letzten Zeit vieles erreicht haben. Es wäre verhängnisvoll, wenn wir aus Mißmut über ungenügende und zum Teil ausgebliebene Preisrück¬ gänge diese Tatsache übersehen. Wenn wir die Erfolge nicht achten, dann berauben wir uns des Selbst¬ bewußtseins, das die Grundlage künftiger Erfolge ist. Nicht die Ge¬ werkschaftsführung hindert richtige Aktivität, sondern die Arbeiter und Angestellten lähmen selbst ihre Kampfkraft, wenn sie Erreichtes mißachten und immer nur auf noch nicht erfüllte Forderungen hinwei- sen. Die Kampfkraft darf allerdings nicht für falsche Ziele unnütz ver¬ geudet, sondern muß für richtige Ziele eingesetzt werden. Daß sol¬ cherart Erfolge zu erreichen sind, hat die Entwicklung auf wirtschaft¬ lichem und sozialpolitischem Gebiet in der letzten Zeit bewiesen. Auf lohnpolitischem Gebiet wur¬ den gleichfalls für viele Berufs¬ gruppen Lohnverbesserungen er¬ reicht. Der Gewerkschaftsbund ist nicht an sich gegen Lohnbewegun¬ gen, sondern er ist gegen eine glo¬ bale Lohnforderung, da sie nur zu einem neuerlichen Preisauftrieb füh-

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