Full text: Solidarität - August 1954, Heft 223 (223)

Nochmals: Einige Minuten Überlegung! ren würde. Dort, wo die Konjunktur und die gestiegene Produktivität Lohnverbesserungen erlauben, sol¬ len sie durchgeführt werden. Es ist das Recht jedes Mitgliedes, sich über die Tätigkeit des Gewerk¬ schaftsbundes sein Urteil zu bilden, aber es ist auch Pflicht, kein vor¬ schnelles Urteil zu fällen, sondern zu prüfen, was jeweils in Anbe¬ tracht der Situation geschehen ist. Wer die Umstände und Schwierig¬ keiten berücksichtigt und wessen Urteilsvermögen sich nicht durch Demagogie und Gedankenlosig¬ keit zu Fehlschlüssen verleiten läßt, wird finden, daß es überraschend viel ist, was der Gewerkschaftsbund im Interesse der Besserstellung der Arbeiter, Angestellten und Rentner in den letzten Monaten und über¬ haupt seit 1945 geleistet hat. Daß noch sehr, sehr viel zu tun übrig¬ bleibt und daß insbesondere der Preisgestaltung größtes Augenmerk geschenkt werden muß, ist erst recht ein Grund, den bisherigen Fort¬ schritt zu würdigen und zuversicht¬ lich zu sein, daß auch die schwe¬ benden Probleme letztlich doch ge¬ meistert werden. Eine Beleidigung Während deutsche Arbeiter und Angestellte um ein größeres Stück Brot für sich und ihre Familien kämpften, hatten zwei österreichische Zeitungen nichts Besseres zu tun, als ihnen in den Rücken zu fallen. Es waren dies die „Salzburger Nachrich¬ ten“ und der Wiener „Bild-Telegraf" — beide unter der Leitung von Doktor Gustav A. C a n a v a 1. Offenkundig in dem Bedürfnis, den deutschen Kapitalisten in dankbarer Verpflichtung einen Dienst zu er¬ weisen, erklärten die „Salzburger Nachrichten“ wie auch der „Bild- Telegraf“ dem österreichischen Le- Für den „Bild-Telegraf" sind kämpfende deutsche Arbeiter Witzfiguren! Diese be¬ leidigende Karikatur brachte der „Bild- Telegraf in seiner Ausgabe vom 13. August. ser, daß es in Deutschland gar nicht um die Arbeiterlöhne geht, sondern um das Geltungsbedürfnis der „Ge¬ werkschaftsbosse". Die Arbeiter wür¬ den von diesen zu Lohnbewegungen nur aufgehetzt. Man kennt das alles übrigens auch bei uns schon lange. Man wundert sich nur, daß man es noch immer mit dieser alten Leier von „hetzerischen Gewerkschaftsbonzen" und von den saudummen „irregeführten" Arbeitern versucht. Neu daran ist nur der Zynismus, mit welchem die Zeitungen des Herrn Canaval ausgerechnet deutsche Arbeiter herabzusetzen su¬ chen. Die österreichischen Arbeiter und Angestellten wissen, was sie von sol¬ chen Blättern zu halten haben, die die deutschen Kollegen auf so hinter¬ hältige Weise beleidigen. Zu dem in Nummer 220 der „Solida¬ rität" veröffentlichten Artikel „Einige Minuten Überlegung erbeten!" sind eine Reihe von Zuschriften eingelangt, in denen zum Problem der Löhne und der Preise Stellung genommen wird. Wir veröffentlichen einen Auszug aus diesen Zuschriften und auch einen Aus¬ zug aus einem Antwortschreiben auf eine der Zuschriften. Die Diskussion über dieses Problem erscheint damit vorläufig abgeschlossen. Der arbeitende Mensch fragt mit Berechtigung: Wo bleibt bei der er¬ folgten Produktivitätssteigerung die Preissenkung? Und warum steigen die Fleischpreise, wenn so viel Vieh vor¬ handen war? Und warum frotzelt man die Menschen mit Propagandatafeln: Eßt mehr Rindfleisch! Und auf noch eine Frage wartet der Arbeiter und Angestellte auf Antwort: Warum ver¬ sagt die praktische Anwendung der verschiedenen Gesetze, wie Preisüber- wachungsgeselz usw.? Die Gewerk¬ schaft müßte der Preisentwicklung ihr besonderes Augenmerk zuwenden, da¬ mit nicht plötzlich Preiserhöhungen entstehen, die nur eine unerquickliche Lage heraufbeschwören. Johann B., Eben, Pongau. * Einer der Gründe, warum die Erre¬ gung über die Preisentwicklung so groß war, ist, daß es der Arbeiter ein¬ fach satt hat, daß man die Opfer immer von ihm verlangt. Will er mehr Lohn, gleich heißt es, der Schilling ist in Gefahr. Er sagt sich ganz folgerich¬ tig, warum nur bei mir? Wenn er wieder ein Opfer auf sich nehmen muß, heißt es, wir sind mitverantwort¬ lich im Staate, wir müssen das ein- sehen. Logischerweise sagt sich der Arbeiter jetzt auch, wenn die Ge¬ werkschaft mitverantwortlich ist, dann muß sie auch die Macht haben, unge¬ rechtfertigte Preiserhöhungen abzu¬ wehren, und verlangt es daher auch. Marie ?E., Rohrbach a. d. Gölsen. * „Fleisch und Bier teurer", „Preise für Milch und Brot sollen steigen", „Gemüsepreise um 20 Prozent teurer als im Vorjahr"! So und ähnlich lau¬ teten die Schlagzeilen verschiedener Zeitungen. Nie und nimmer dürfen wir bei einer solchen Entwicklung ruhig zuschauen. Ganz verständlich also, daß die Erregung in der Arbei¬ terschaft einen Höhepunkt erreichte. Hier griff nun die Gewerkschaft ganz richtig ein. Durch Interventionen und Verhandlungen konnte bald eine sin¬ kende Tendenz der Preise erreicht werden. Wie aber können wir uns in Zukunft vor Preisexzessen schützen? Nun, dazu haben wir alle vier Jahre Gelegenheit. Wenn der Arbeiter weiß, wie er bei der Urne zu handeln bat, dann glaube ich, braucht uiis nicht bange zu sein! Hans P., Freistadt. * Auf dem Preissektor sind wir heute noch so hilflos wie vor ein paar Jahr¬ zehnten auf der Lohnseite. Die Ar¬ beiter und Angestellten müssen immer wieder Zusehen, wie das mühsam her¬ gestellte Gleichgewicht zwischen Löh¬ nen und Preisen ins Wanken kommt. Da die Gewerkschaft anscheinend da¬ gegen keine wirksame Waffe besitzt, führt die berechtigte Empörung zu Un¬ mutsäußerungen, deren Ende dann meist nicht abzusehen ist. Die Ent¬ wicklung in den letzten Jahren bekräf¬ tigt diese Feststellung: Der Arbeiter¬ bewegung ist es noch nicht gelungen, auf die Wirtschaftsführung entschei¬ denden Einfluß zu nehmen, der eine Kontrolle der Preise ermöglichen würde. Das einfache Gewerkschafts¬ mitglied, aber auch der Vertrauens¬ mann, können nicht verstehen, daß der große, starke Gewerkschaftsbund hier nicht Ordnung schaffen kann. Sie können nicht verstehen, daß die Ar¬ beitnehmer im Interesse des Staates Zurückhaltung üben sollen, die Wirt¬ schaftstreibenden selbst aber ihre Konjunktur rücksichtslos ausnützen. Rosa W., Wien, XXI. * Abschließend ein Auszug aus einem Brief von Kollegen Walter L., Wien, XIII.: Zuerst will ich nur ganz kurz be¬ richtigen, daß die erwähnten Gemüse¬ preise zum Zeitpunkt des 15. Juli un¬ gefähr doppelt so hoch waren wie im Jahre 1953 und daher auch nicht auf den Stand des Vorjahres zurückgegan¬ gen sein konnten, wie dies behauptet wurde. Daß ferner auch die Fleisch¬ preise einen seit drei Jahren kaum erreichten Höchststand aufweisen, und gar keine Rede davon sein kann, daß dieselben in den letzten Wochen wieder zurückgegangen seien. Im Gegenteil, manchenorts konnten Preise beobachtet werden, die weit über den amtlichen Höchst¬ preisen liegen — ohne daß man ge¬ gen solche Gesetzwidrigkeiten einge¬ schritten wäre. Doch nun zu einem weit wichtige¬ ren Problem, nämlich zur Frage un¬ seres Reallolines, die in den letzlon Tagen von verschiedenen Persönlich¬ keiten und Zeitungen aufgegriffen, aber leider unrichtig interpretiert wurde. Für die wahrheitsgetreue Ermitt¬ lung von Indexziffern, sei es nun auf dem Gebiete der Preise, der Nominal¬ oder Reallöhne, wäre vor allem der wichtige Umstand zu beachten, daß man Gleiches immer nur mit Gleichem vergleichen kann. Ein Fehler, der jedoch immer wieder ge¬ macht wird, ist die üble Ge¬ wohnheit, Preise zwar mit dem Jahre 1 9 3 8, Löhne hin¬ gegen mit dem Jahre 1945 zu v-e ” lei c h e n. Es Ist daher wirklich kein Wunder, wenn man da¬ bei zu Resultaten gelangt, die der Wirklichkeit hohnsprechen. Wenn der heutige Nettolohnindex gegen¬ über 1938 mit 751, 750, 728,3, 695 oder 678,9 angegeben wird, so ist das un¬ richtig, wie sich leicht beweisen läßt. Es wäre nur zu begrüßen, wenn die folgenden Ausführungen endlich ein¬ mal Klarheit über die tatsächliche Höhe unseres Reallohnes schaffen wurden, um verhängnisvolle Irrtümer fürderhin zu vermeiden. * In unserer Antwort an Kollegen Walter L. heißt es unter anderem: Wir haben nicht die Absicht, uns in lange Erörterungen über die Rich¬ tigkeit oder Unrichtigkeit von Index¬ berechnungen einzulassen. Bekannt¬ lich kann man mit der Statistik alles beweisen. Wir haben in unserem Ar¬ tikel „Einige Minuten Überlegung er¬ beten!" ausdrücklich darauf hingewie¬ sen, daß wir die Grundlagen der an¬ geführten Berechnungen keinesfalls akzeptieren, sondern uns nur ganz allgemein über die Tendenz informie¬ ren wollen. Daß die Schlüsse, die wir gezogen haben, richtig sind, kann jeder selbst beurteilen, der seine fünf Sinne beisammen hat und um sich blickt. Niemand wird leugnen, daß es den Arbeitern und Angestellten weit besser geht als vor neun, acht und sieben Jahren, und auch noch vor zwei bis drei Jahren. Ebenso geht es der Masse der Arbeiter und Ange¬ stellten weit besser als 1937 und vor¬ her, zur Zeit der großen Arbeitslosig¬ keit und hunderttausender Ausgesteu¬ erter. Allerdings ist die Lebenshaltung der Arbeiter und Angestellten noch nicht zufriedenstellend. Aber kann man,sie mit einer allgemeinen Lohn¬ bewegung bei schwankender Preis¬ tendenz bessern?- Es muß alles getan werden, die Entwicklung in der Rich- 30 Jahre Büchergilde Gutenberg Am 29. August 1924 wurde IgT” die Büchergilde Gutenberg von Gewerkschaftern für |MJJ Gewerkschafter gegründet. Sie zählt heute in Österreich, Deutschland und der Schweiz eine halbe Million Mitglieder. Jedes Ge¬ werkschaftsmitglied, das gerne gute Bücher liest, sollte Mitglied der Büchergilde Gutenberg sein. Aus¬ künfte erteilen alle Geschäftsstellen der Büchergilde sowie die Zentrale in Wien, HL, Rennweg 1. tung zu einer Preissenkung zu stär¬ ken. Bei einer allgemeinen Lohn¬ bewegung würde das Gegenteil ein- treten, nämlich alle Preise würden so¬ fort anziehen, und die erreichten Lohnerhöhungen wären illusorisch, höher die Lohnerhöhungen, desto mehr würden die Preise emporschnel¬ len. Es ist doch viel vernünftiger — und diesen Standpunkt haben wir ein¬ deutig zum Arsdruck gebracht —, branchenweise dort etwas herauszu¬ holen, wo die Konjunktur dies er¬ laubt. Das führt zu keiner Psychose des Preisauftriebes, und es kann auch viel leichter eine Uberwälzung der Lohnerhöhung auf Preise vermieden werden. Der Gewerkscliaftsbund ist an sich nicht gegen Lohnerhöhungen, er will nicht den verkehrten, sondern den richtigen Weg zur Verbesserung des Reallohnes gehen. Man soll mit einem noch nicht völ¬ lig Gesunden, wie es die österreichi¬ sche Volkswirtschaft noch immer ist, keine Roßkur machen, sondern ihm schrittweise, mit der entsprechenden Behandlung, weiterhelfen. Wir wissen, daß ein sehr wirksames Medikament die Hebung der Konsumkraft der brei¬ ten Massen ist. Aber dT Milf1 ? Hl richtig dosiert werden. * Demokratie bedeutet Dis¬ kussion! Der österreichische Ge- werkschaftsbund steht voll und ganz auf demokratischen Grundsätzen nnd braucht daher eine Diskussion nicht zu scheuen. Auch wenn in einer Dis-„ kussion heiliger Unmut zum Aus¬ druck kommt, werden wir nichts zu vertuschen und zu beschönigen ver¬ suchen, sondern wir werden aufrich¬ tig und klar Stellung nehmen. Die Gegner der Gewerkschafts¬ bewegung warten zwar immer sehn¬ süchtig auf Unmutsäußerungen und deuteln sie sogleich als „Krisen¬ erscheinungen in den Gewerkschaf¬ ten", das soll uns aber nicht hindern, offen auszusprechen, was wir denken und fühlen. Letzten Endes steht über jeder Diskussion und Auseinander¬ setzung das gemeinsame Ziel, das wir nur gemeinsam mit Hilfe unserer Ge¬ werkschaften erringen können: E i n besseres Leben für alle ar¬ beitenden Menschen unse¬ res Landes! Adeiiet&mk AKTIENGESELLSCHAFT WIEN Prompte und gediegene Durchführung oller bankmäßigen Geschäfte. — Entgegennahme von Spareinlagen. — Finanzielle Beratung WIEN!, S E ITZERGAS S E 2—4 Telephon: R 50-5-40 Serie ZWEIGSTELLE WIENZEILE: WIEN, IV., Rechte Wienzeile 37 Telephon: B 26-0-91 FILIALEN: GRAZ, Annenstraße24 KLAGENFURT, Bahnhofslraße 44 LINZ, Weingarlshofslraße 3 Seite 2 Nr. 223 SOLIDARITÄT

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