Full text: Solidarität - September 1954, Heft 225 (225)

Vbb ZENTRALORGAN DES ÖSTERREICHISCHEN GEWERKSCHAFTSBDNDES 20. SEPTEMBER 1954 i NR. 225 PREIS 25 GROSCHEN Wir müssen stärker werden! Mehr als 1,300.000 österreichische Arbeiter und An¬ gestellte sind gewerkschaftlich organisiert. Hundert¬ tausende aber stehen immer noch abseits, obwohl sie alle schwer erkämpften Errungenschallen des Gewerkschafts¬ bundes, ohne ein Opfer zu bringen, mitgenießen. Sie für die Gewerkschaft zu gewinnen, ist Aufgabe jedes Organi¬ sierten! Jedes neue Mitglied stärkt die Schlagkraft des Österreichischen Gewerkschaftsbundes! Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit geht weiter 1 1954 konnte im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ein Erfolg erzielt werden, der nicht gering geschätzt weiden darf. Wahrend in den Jahren seit 1951 nicht nur die Durchschnittsarbeitslosigkeit von Jahr zu Jahr stieg, sondern auch jeden Monat der Vorjahrsstand der Arbeitslosigkeit übertroffen wurde, gelang es im heurigen Sommer endlich, eine Tendenzumkehr zu erreichen. Die Arbeitslosenziffern sanken unter den Vorjahrsstand. Dies ist ein erster Erfolg des Gewerkschaftskampfes gegen die Arbeitslosigkeit. Die Etappen dieses Kampfes waren: Steigerung der Investitionstätigkeit, vor allem der öffentlichen Investi¬ tionstätigkeit durch größere Budget- nuttel, Steigerung der Einkommen durch Steuersenkungen, Verbesserung der Löhne und Gehälter in der Reihenfolge und in dem Ausmaß, in denen sich die Wirtschaftsbelebung, die in der Bauwirtschaft begonnen .hatte, auf die anderen Wirtschafts¬ zweige ausdehnte. Gegenwärtig hat sich die Kon¬ junkturverbesserung bis in die Textil¬ industrie ausgedehnt und bat zu der angestrebten Belebung des Bin¬ nenmarktes geführt. Diese Belebung des Binnenmarktes ist die eigent¬ liche Grundlage einer Verbesserung der Beschäftigung, denn mit der Ex- portwirtschaft allein kann diese not¬ wendige Sanierung des Arbeits¬ marktes nicht erreicht werden. Diu Anstrengungen des Gewerk- schaftsbundes, eine Verbesserung der Beschäftigtehsituation herbeizuführen, haben .pber nicht nur erfreuliche An¬ fangserfolge erzielt, sondern sind auch einem bestimmten wohldurch¬ dachten Plan gefolgt, der sich den wirtschaftlichen Möglichkeiten an¬ paßte und nur dadurch erfolgreich sein konnte. Um das Ergebnis der be- schäftigungspolitischen Erfolge in Zahlen festzuhalten, sei daran er¬ innert, daß sich die Arbeitslosen- und die Beschäftigten stände von 31. Au¬ gust 1051 bis 31. August 1954 folgen¬ dermaßen enl wie kelten: Arbeitslosenzahl im Winter fast drei¬ mal so hoch ist als im Sommer, ent¬ steht damit nicht nur für die Arbeits¬ losen ein höchst schmerzhafter Ein- kommensentgang, es müssen nicht nur die Verdienste des Sommers, die doch benötigt würden, um Anschaf¬ fungen zu machen, für den Lebens¬ unterhalt im Winter aufgewendet wer¬ den, es wird auch die Budgetlage durch die Belastung mit der Arbeits¬ losenunterstützung und den Entgang der Lohnsteuer und Umsatzsteuer un¬ nötigerweise ungünstig beeinflußt. Die Konjunktur der österreichischen Wirtschaft ist aber darüber hinaus gegenwärtig in größtem Ausmaß auf die Konjunktur in der Bauwirtschaft aufgebaut. Würde die Bauwirtschaft im Win¬ ter wieder einen Konjunktiirzusani- menbruch erleiden, würde sich das auch auf die anderen Wirtschafts¬ zweige höchst gefährlich auswirken. Daß so extrem starke Konjunktur¬ schwankungen, wie sie dann ein- treten müßten, die österreichische Wirtschaft schwerstens schädigen würden, kann nicht bezweifelt werden. Es wäre daher höchst notwendig, daß sich die offizielle Wirtschafts¬ politik auch mit den Vorschlägen und Forderungen der Gewerkschaft der Bau- und Holzarbeiter intensiv be¬ schäftigt, da sie nicht nur für die Bauwirtschaft, sondern aus den eben dargelegten Gründen auch für die ge¬ samte Volkswirtschaft von größter Bedeutung sind. Sanier! die Noislandsgebiele! Eine weitere schwere Beeinträchti¬ gung erleidet unsere Beschäftigungs- Situation und die ganze österreichi¬ sche Wirtschaft durch die Existenz der vielen Notstandsgebiete. Es sei nur an das mittlere und südliche Eurgenland, die Südbalmstrecke Wien bis Gloggnitz, das Triestingtal, das Traisental, andere Teile Niederöster¬ reichs und Kärntens erinnert, in denen aus mehreren Gründen, vor allem aber infolge der mangelnden Investitionstätigkeit, der Mißwirt¬ schaft der USIA und der ungleichen Entwicklung unserer Wirtschafts- Struktur, sogenannte „Taschen der Arbeitslosigkeit" entstanden sind, (Fortsetzung auf Seite 3) Die Internationale Arbeitskonferenz in Genf Beschäftigte Arbeitslose 1951 2,040.103 09.392 1952 1,985.437 115.805 1953 1,983.903 129.203 1954 2,051.805 98.494 Es gelang also bereits Ende August dieses Jahres, den Höchststand der Beschäftigten, den wir 1951 erst im Oktober erreicht hatten, zu über¬ steigen. Freilich gelang es noch nicht, auch die Zahl der Arbeitslosen unter das Niveau des Jahres 1951 herabzu- drücken. Aber auch das muß möglich werden. Andere westeuropäische Län¬ der haben unvergleichlich geringere Arbeitslosenzahlen als wir zu ver¬ zeichnen: es sei nur an die Schweiz und an Schweden erinnert, die selbst im Saisöntiefpunkt, also im Winter, nur wenige tausende Arbeitslose auf- zuweisen haben. Gegen die Winlerarbeiislosigkeif Um die durchschnittliche Arbeits¬ losigkeit weiter herabzudrücken und auch aus wichtigen konjrmklurpoliti- schen Erwägungen ist die nächste dringende' Aufgabe die Bekämpfung der Winlerarbeitslosigkeit. Wenn die Im Juni fand wie alljährlich in Genf die 37. Internationale Arbeitskonferenz statt. Sie war von 66 Staaten mit 654 Delegierten beschickt. Regierungsver¬ treter, Arbeitgeber und Arbeitnehmervertr.eter sowie technische Berater aus diesen Gruppen behandelten vor allem eine internationale Empfehlung über den bezahlten Jahresurlaub, über die Wiederhersteliung von Körperbehin¬ derten und berührten außerdem Fragen der Arbeiterwanderung in unter¬ entwickelten Ländern und der Strafsanktionen für Arbeitsvertragsver¬ letzungen. In den Generalrat der Internationalen Arbeitsorganisation, der aus 40 Mitgliedern besteht, wurde auch der Präsident des österreichischen Gewerkschaftsbundes, Nationairat Johann Böhm, gewählt. Ein Lichtblick für unsere Alten Obwohl noch die milde Wärme einiger Spätsommertage über Stadt und Land liegt, tauchen schon die ersten winterlichen Sor¬ gen auf. Wie immer, reißt die An¬ schaffung des Heizmaterials ein tiefes Loeh in die Brieftasche, und die Inventur im Kleiderkasten fälll auch nicht sehr ermutigend aus, Eine durchgewetzte Hose, ein ab¬ geschabter Rockkragen oder das fehlende Brennmaterial brachten unser so planvoll erstelltes Haus- haitsbudget noch jedes Jahr ins Schwanken. Auch heuer werden wieder viele für festliche Tage ge¬ sparte Schillinge diesen notwendi¬ gen vorsorgenden Anschaffungen zum Opfer fallen. Für zehntausende Rentner aber bedeutete der beginnende Winter bisher oft ein unlösbares Problem, Auch die kleinste Kohlenhändler¬ rechnung verlangte von ihnen je¬ desmal viele persönliche Opfer. Heuer endlich können sie dem Winter mit weniger Sorge entge¬ gensehen als bisher, denn in eini¬ gen Tagen erhalten mehr als 270.000 Rentner, die ausschließlich von ihrer Rente leben müssen, das erstemal eine dreizehnte Monats¬ rente ausgezahlt. Mag sie auch für den einzelnen noch immer bescheiden sein, so braucht doch heuer keiner unserer Alten und Ausgedienten frierend in der Stube zu sitzen oder mit löchri¬ gem Schuhwerk auf die Straße zu gehen. Was immer die ewigen Lizi- tierer und Negierer jeder sozialen Errungenschaft gegen sie einzuwen¬ den haben, die Auszahlung der drei¬ zehnten Monatsrente — sie erfor¬ dert den Betrag von mehr als 250 Millionen Schilling — ist ein großer sozialer Erfolg. Bedeutet sie doch eine achtprozentige Erhöhung der Jahresrente auch für jene, deren Rente im Zuge der Rentenreform nicht erhöht wurde. Daß auch dis Waisen und bestimmte Opferfür¬ sorge-, Gemeinde-, Klein- und Kriegsopferrentner eine dreizehnte Rente bekommen, macht diesen Er¬ folg noch bedeutungsvoller. Und dann noch eines: Ist die ge¬ samte Rentenreform und damit auch die Sonderzahlung nicht der Ausdruck einer praktischen Soli¬ darität? Nehmen hier nicht die Ar¬ beitnehmer ein Opfer auf sich, um unseren Alten den Lebensabend sorgenfreier und schöner zu gestal¬ ten? Ein Opfer, das in ihrem Alter wieder eine neue Generation zu übernehmen bereit sein wird! Auch der Staat und die Unternehmer sind verpflichtet, einen wesentlichen

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