Full text: Solidarität - Oktober 1954, Heft 226 (226)

Baustelle in Asien Der Bauingenieur Michael O'C a 11 a g h a n hatte lange Zeit aut verschie¬ denen Baustellen in Asien gearbeitet und auch für die Internationale Arbeits¬ organisation, die mit den Vereinten Nationen verbunden ist, Untersuchungen über dia Arbeitsbedingungen aut den großen Baustellen durchgeführt. Ohne auf die sozialen Zusammenhänge näher einzugehen, schildert er in nachfolgen¬ dem Artikel seine Eindrücke. Bezeichnend in seinem Bericht ist, daß er überall dort, wo die Aibeitsorganisation oder die Gewerkschaften Einfluß hatten, bessere, menschenwürdigere Arbeits- und Lohnverhältnisse antraf. Aber selbst die für Asien idealsten Zustände sind für europäische Begriffe noch erschreckend primitiv. Hier Michael O’Callaghans Bericht: „Ein Esel ist pro Tag ebensoviel wert wie vier Frauen.“ Dies sagte ein Unternehmer auf einem Damm „irgendwo in Asien“. Als ich Europa verließ, wo ich als Zivilingenieur auf vielen Baustellen gearbeitet hatte, war ich mir darüber klar, daß es falsch wäre, die Bedin¬ gungen in Asien nach dem Maßstab der gegenwärtigen Methoden in hoch¬ industrialisierten Ländern zu bewer¬ ten. Ebenso wußte ich, daß ich das allgemeine Niveau der Wohlfahrt und der Wirtschaft sowie soziale, klima¬ tische und andere Faktoren, die be¬ sonders auf die Bauarbeiter ein¬ wirken, in Betracht ziehen müsse. Aber ich war kaum vorbereitet auf den Anblick von Frauen, jungen Mäd¬ chen und sogar Kindern, die in großer Zahl für den Transport und die Zu- Die Behausung für ungelernte Arbeiter ist äußerst mangel¬ haft. In diesem Zelt Von neun Quadrat¬ meter leben sieben Arbeiter. Das Bett besteht aus auf dem Boden aufgeschüt¬ tetem Stroh; die Einrichtungsgegen¬ stände stellen die Männer selbst bei. Sicherheitsvorkehrungen Was die Sicherheit auf den Bau¬ stellen betrifft, sind sich Unternehmer und Arbeiter einig, daß mehr Sicher¬ heitseinrichtungen geschaffen werden müssen, doch die praktische Durch¬ führung auf den Arbeitsstellen läßt viele Wünsche offen. Die gebräuch¬ lichste Form der Gerüste ist aus Bambus, der eine bewegliche Struktur mit bemerkenswerter Dehnungsfähig¬ keit garantiert. Querverstrebungen in den Gerüsten sind jedoch häufig nicht vorhanden. Die Mehrheit der Arbeiter war bloßfüßig, und vielenorts sieht man an den Gerüsten weder Fu߬ bretter noch Geländer. Die Unterbringung der Arbeiter auf Großbaustellen 'in abgelegenen Ge¬ bieten ergibt schwer lösbare Woh- . .; - ' "*? . r : Wohnungen für gelernte und unge¬ lernte Arbeiter auffallend. Diese Un¬ gleichheit bestand in gleichem Maße bei den Löhnen. Auf einem Großprojekt erfuhr ich, daß der maximale Lohn eines unga- Diese Arbeiter, bei einem Dammbruch in Asien, befördern Sleinbrocken von den Brüchen zum Betonmischer. Bereitung von Steinen, Zement, Sand und Wasser verwendet werden. In Gebieten mit ausgebreiteter Arbeits¬ losigkeit ist das von den Frauen ver¬ diente Geld oft die Grundlage, die leeren Mägen der meist kinderreichen Familien zu füllen. Ich erlebte Fälle, wo Frauen und Kinder unter Bedingungen beschäftigt wurden, die nicht einmal für Asien tragbar genannt werden können. Auf einer Baustelle sah ich kleine Mäd¬ chen von neun und zehn Jahren, die Ziegeln auf ihren Köpfen trugen. Wo¬ anders transportierte eine Frau in vorgeschrittenem Schwangerschafts¬ stadium Steine. ' '«*>?** als 90 Prozent des Lohnes, der an ge¬ lernte Arbeiter gezahlt v^ird. Hilfsarbeiter wohnen für gewöhn¬ lich in Schuppen ohne Waschgelegsn- heit und ohne sanitäre Einrichtung. Diese Hütten waren oft nicht mehr als ein primitives Holzgerüst, mit Wellblech verkleidet, oder ein Bam¬ busgestell, mit Schilfmatten umgeben. Meist stellten die Arbeiter diese Be¬ hausungen selbst auf. Die Facharbeiter dagegen lebten mit ihren Familien oft in gefällig ge¬ bauten Bungalows mit elektrischem Licht, Waschgelegenheit und sani¬ tärer Einrichtung. Im Vergleich zu dem allgemeinen Niveau der Wohn¬ kultur sind diese Arbeiter wahr¬ scheinlich besser j^rwffffRT^nen zuvor. : |r nungsprobleme. In einigen Teilen Asiens ist es nämlich bei den Bau¬ arbeitern Tradition, daß sie ihre Frau und ihre Kinder überallhin mitbrin¬ gen. Daher ist es notwendig, nicht nur die Arbeitskräfte, sondern auch deren Familien zu beherbergen. Bei großen öffentlichen Arbeiten, wie Regulierungen oder Dammbaüten, geht die Zahl der zu behausenden Personen in die Tausende. Ungleichheit in der Unterbringung und in den Löhnen Auf der Mehrheit der Baustellen, die ich besichtigte, war besonders der Unterschied in den beigestellten M % 1Ä ? 1' : ?***, üi Von den Frauen wird aui den Baustel¬ len schwerste körperliche Arbeit ver¬ langt. Der Kopf als Transportmittel. lernten Arbeiters höchstens 14 Pro¬ zent des Lohnes für Facharbeiter betrage. Dies steht . in auffallendem Gegensatz zu der Lage in Industrie¬ ländern, wo Hilfsarbeiter ungefähr 80 Prozent des Facharbeiterlohnes be¬ kommen. In Schweden zum Beispiel berechtigt das „Preislistensystem" un¬ gelernte Arbeiter zum Bezug von mehr Wasserversorgung In der Mehrzahl der Fälle waren die „Waschvorrichtungen und sani¬ tären Einrichtungen sehr unzuläng¬ lich, aber man bemühte sich ehrlich um eine Besserung der hygienischen Bedingungen. Auf einigen Baus^dltm hingegen war die Wasserleitung-^tf- weise abgesperrt. In einem Arbeitei- lager gab es Wasser nur von sechs bis acht Uhr, zu Mittag durch JO Mi¬ nuten hindurch und zwischen 16 und 18 Uhr. Es gab hier nur 16 Wasser¬ hähne für 2t6 Familien — und asiati¬ sche Familiert sind groß! Die Latrinen lagen ungefähr 180 Meter von den Wohnungen der Arbeiter entfernt, und ihre Anzahl war meist zu gering. In der Mehrzahl der Fälle gab es keine Wasser-, Spülung. Natürlich muß noch sehr viel getan werden, ehe der Lebensstandard der Arbeiter in den unterentwickelten Ländern als zufriedenstellend bezeich¬ net werden kann. Das Problem einer anständigen Unterbringung der Ar¬ beiter auf Baustellen ist in jedem Land schwierig zu lösen, da die /V- beitsdauer zeitlich begrenzt ist. Es liegt auf der Hand, daß die Stel¬ lung der Bauarbeiter in Asien nen¬ nenswert nur dann verbessert werden kann, wenn im Laufe der Zeit der Lebensstandard der gesamten tn- dustriebevölkerung steigt. Aus die¬ sem Grund haben die Bemühungen der Internationalen Arbeitsorganisa¬ tion, die Bedingungen für die Arbeiter in der gesamten Industrie zu verbes¬ sern, auch für die Bauarbeiter in ihrer Gesamtheit große Bedeutung. Soziales Elend in so großen Gebie¬ ten wüe in Asien bedeutet eine Ge¬ fahr für die sozialen Rechte der Ar¬ beitnehmer auch in anderen Ländern. Seite 4 Nr. 226 SOLIDARITÄT

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