Full text: Solidarität - November 1954, Heft 228 (228)

Fleischpreise — nüchtern betrachtet Wer die Viehauitriebe auf dem Wiener Markt in der jüngsten Zeit beob¬ achtete, konnte feststellen, daß sich in den letzten Oktoberwochen die An¬ lieferung endlich verbesserte. Es wurden in der letzten Oktoberwoche um 20 Prozent mehr Schweine angeliefert als zur Zeit der Schweinefleisch- schwemme im April 1953. Diese außerordentlich starke Vermehrung des An¬ gebotes, die infolge der Schweineimporte, die der Gewerkschaftsbund durch¬ gesetzt hat, eintrat, hat aber .vorläufig nur zu einer geringen Senkung der Lebendviehpreise geführt, und die Letztverbraucherpreise haben sich bisher tember um 1,5 Prozent über dem Durchschnitt des Vorjahres. Die Gewerkschaften — und nicht immer die Unternehmer — waren bisher die schärfsten Gegner einer inflationistischen Entwicklung. Kann ein Teil der Wirtschaftstreibenden wirklich nicht über den Tag hinaus¬ sehen? In vielen Wirtschaftszwei¬ gen herrscht derzeit in Österreich eine begrüßenswerte Konjunktur. Wir exportieren viel, führen aber leider demgegenüber viel zuwenig ein. Die ganze Konjunktur ist viel zu sehr von der wirtschaftlichen Entwicklung im Ausland abhängig. Wenn aber die Kaufkraft im In¬ land gehoben wird und dadurch der Binnenmarkt sich verstärkt, so kann damit unserer Wirtschaft eine stabilere und krisenfestere Grund¬ lage gegeben werden. Mit der Steigerung der Produk¬ tivität muß sich daher auch der Reallohn heben. Das kann sowohl durch Preissenkungen wie durch Lohnerhöhungen oder durch beides geschehen. Den Arbeitern und An¬ gestellten kommt es auf das Er¬ gebnis an. Wir brauchen keinen Vorgriff in die Taschen der Unter¬ nehmer, aber wir können auch kei¬ nen Vorgriff in unsere Taschen dulden, dadurch, daß man uns die Ergebnisse der gesteigerten Ar¬ beitsleistung vorenthält. Seit 1946 gewährt Österreich auf Bundeskosten den österreichischen Staatsbürgern unter den Heimatver¬ triebenen unter gewissen Voraus¬ setzungen sogenannte Vorschüsse auf die Auslandsrente, für die unser Staat genau so wie für die vielen Für¬ sorgeleistungen an die Volks¬ deutschen niemals auch nur einen Groschen zurückbekommen wird. Diese Vorschüsse widersprechen aber dem ganzen Gefüge sozialer Sicherheit, das bisher in Österreich aufgebaut wurde. Aus diesem Grunde war man bemüht, eine andere Rege¬ lung zu finden: Das Ergebnis ist das Zweite österreichisch-deutsche Sozial¬ versicherungsabkommen, das in kur¬ zer Zeit im Bundesgesetzblatt ver¬ öffentlicht werden und dann rück¬ wirkend mit 1. Jänner 1953 in Kraft treten wird. Dieses Abkommen gilt für öster¬ reichische und deutsche Staats¬ angehörige und für Volksdeutsche. Es bringt überdies die Einbeziehung des Landes Berlin (West) in das be¬ reits in Geltung stehende Erste österreichisch-deutsche Sozialver- slcherungsabkommen. kaum gerührt. Die Fleischhauer konnten für die Fleischpreisentwicklung in den Som¬ mermonaten dieses Jahres anführen, daß ihre Gesamterlöse pro Schwein unter denen des August 1952 und auch unter denen des August 1953 lagen. Diese Preisentwicklung der ge¬ samten Schlachlprodukte ging auf den Preisrückgang bei Speck,' Filz und Bauchfleisch zurück. Und da ein Schwein nicht nur aus Schinken be¬ steht, ergab sich trotz der sehr be¬ achtlichen Verteuerung der hoch¬ wertigen Fleischsorten ein geringerer Erlös für die gesamten Schlachtpro¬ dukte. Nun hat sich aber in der letzten Zeit infolge der Verknappung des billigen amerikanischen Schmalzes eine Verteuerung von Speck und Filz ergeben, und die Erlöse für die gesamten Schlachtprodukte haben in den letzten Oktoberwochen das Niveau des Sommers 1952 erreicht. Das Zweite Abkommen gilt nicht nur für Volksdeutsche.‘dis bringt die Einbeziehung sämtlicher Leistungen und Anwartschaften (Versicherungs¬ zeiten) aus der Renten- und Unfall¬ versicherung, die in den nachstehend angeführten Staaten erworben wur¬ den, in die österreichische Ver¬ sicherung: Bulgarien, Estland, Jugo¬ slawien, Lettland, Litauen, Ost¬ deutschland, Polen, Rumänien, Tsche¬ choslowakei, Ungarn. Die Versicherungszeiten, die in die¬ sen Ländern zurückgelegt wurden, werden bei der Prüfung eines Renten¬ anspruches aus der österreichischen Invaliden-, Bergarbeiter- und Ange- stelltenversicherung genau so be¬ rücksichtigt wie österreichische Ver¬ sicherungszeiten. Bei der Bemessung der Leistungen werden gesondert festgesetzte Steigerungsbeträge an¬ gerechnet. Ein Anspruch gegen die österrei¬ chische Rentenversicherung ent¬ steht nur dann, wenn er beim zu¬ ständigen österreichischen Renten¬ institut innerhalb von einem Jahr nach der Kundmachung des Ab¬ kommens im Bundesgesetzblatt zur Vormerkung angemeldet wird. Der gewogene Durchschnittspreis für Schweinefleisch, Speck, Haxerln, Innereien usw. liegt demnach umrund 30 Prozent über dem Tiefstand der Schweinefleischpreise im April 1953. Das Angebot an Schweinen ist also nach einem Rückgang im Sommer jetzt höher als im Frühling 1953, die Preise gleichfalls! Der Gewinn fließt zu rund drei Fünfteln der Landwirtschaft und zu rund zwei Fünfteln den Fleisch¬ hauern zu. Die widerspruchsvolle Ent¬ wicklung zwischen Angebot und Preis kann nur mit einer wesentlich gestei¬ gerten Nachfrage erklärt werden. Diese wesentlich gesteigerte Nachfrage gebt auf die verbesser¬ ten Beschäftigungs- und Einkom¬ mensverhältnisse sehr breiter Be¬ völkerungsschichten zurück.In ganz Österreich lag die Zahl der Beschäf¬ tigten im Septemberirü4 um 155.000 über dem Beschäftiglenstand im April 1953, Auch wer erst in späteren Jahren das Rentenalter erreicht, muß inner¬ halb eines Jahres — ungefähr bis zum September 1955 — den entspre¬ chenden Vormerkungsantrag bei der zuständigen Rentenanstalt einbringen. Wird der Vormerkungsantrag nicht gestellt, so können die ausländischen Versicherungszeiten auf keinen Fall angerechnet werden. Renten- und Vormerkungsantrag können gleich¬ zeitig eingebracht werden. ’ Das Zweite österreichisch-deutsche Sozialversicherungsabkommen sieht auch die Übernahme der in den ange¬ führten Staaten erworbenen An¬ sprüche aus der Unfallversicherung in die österreichische Unfallversiche¬ rung vor. Auch für die Berechnung dieser Unfallrent.en wurden beson¬ dere Beträge festgesetzt. Für die Un¬ fallrenten erübrigt sich die Stellung eines Vormerkungsantrages. Die Ren¬ ten selbst müssen jedoch beim zu¬ ständigen Unfallversicherungsträger beantragt werden. Die Kosten, die durch das Ab¬ kommen entstehen, trägt zum über¬ wiegenden Teil die Republik Öster¬ reich. Für geringe Leistungen an deutsche Staatsangehörige wird die Bundesrepublik Deutschland auf- kommen. Für den Bereich der Rentenver¬ sicherung sind folgende österrei¬ chische Anstalten zuständig: Für Bergarbeiter die Bergarbeiter¬ versicherungsanstalt in Graz, Lessing¬ straße 20. (Fortsetzung auf Seite 4) das sind 8 Prozent. Die Nettover¬ dienste sind laut Index des Wirt- schaftsforschungsinstituts vom April 1953 bis Juli 1954 um 4 Prozent ge¬ stiegen. Sie dürften sich von Juli bis Oktober eher verbessert als ver¬ schlechtert haben. Für die Entwick¬ lung der Fleischpreise in den Herhst- monaten war also sicherlich die ge¬ steigerte Kaufkraft in einem hohen Grade maßgebend. Wesentlich wichtiger als die Erklä¬ rung dessen, was war, ist natürlich eine Vorhersage der künftigen Ent¬ wicklung. Für die künftige Entwicklung kann mit sehr großer Wahrschein¬ lichkeit angenommen werden, daß sich die ganz leichte Entspannung der Fleischpreise, die sich in der letzten Okloberwoche gezeigt hat, verstärken wird. Die Entspannung war im entschei¬ denden Ausmaß ein Ergebnis der vom ÖGB erkämptten stärkeren Importe, die das Inlandsangebot ergänzt haben. Leider sind die Importmöglichkeiten für Schweine begrenzter, als es für eine große Senkung der Fleischpreise wünschenswert wäre. Die Landwirt¬ schaft der Oststaaten befindet sich nach wie vor in einem so elenden Zustand, daß. sie große Viehlieferun¬ gen zu niedrigen Preisen wie in der Vorkriegszeit — 30.000 von 50.000 monatlich im Jahre 1937 angebotenen Schweinen kamen aus dem Aus¬ land —, nicht anbieten und schon gar nicht durchführen kann, nur aus Jugoslawien sind geringere Vieh¬ importe möglich. Die Nachfrage nach Schlachtvieh ist aber bei der •gegenwärtigen Hochkonjunktur in ganz Europa sehr groß und die Vieh¬ preise im Ausland meist höher als im Inland. Der Almabtrieb wird sicher eine Verbesserung auf dem Ru*ri- fleischsektor bringen, aber allzu groß wird sie momentan nicht sein. Denn auf Grund des Rindermastförderungs¬ gesetzes müssen rübenproduzierende Betriebe Rinder zur Mast einstellen, und das entlastet in den Herbstmona¬ ten die Rindermärkte, bringt aller¬ dings bessere Qualitäten und natür¬ lich größere Mengen in den Winter¬ monaten. So wahrscheinlich es ist, daß eine gewisse Senkung der Fleischpreise _ auch der Preise der besseren Fleischsorten — unter das gegen¬ wärtige überhöhte Niveau eintritt, so unwahrscheinlich ist ein Fallen aui das Niveau des Frühsommers 1953, in dem eine Fleischschwemme, schwere - Arbeitslosigkeit und schlech¬ tere Einkommensverhältnisse zusam¬ mentrafen und das hohe Angebot, die geringe Nachfrage und den daraus folgenden niedrigen Preis erbrachten. Demagogische Entstellungen der Tätigkeit des ÖGB aut diesem Gebiete können an diesen Tatsachen nichts ändern, sondern nur seine Schlagkraft im Kampf um die Herabsetzung der Fleischpreise beeinträchtigen. K. Renten für Heimntvertriebene Nach dem letzten Krieg kamen zehntausende Menschen aus den osteuro¬ päischen Staaten nach Österreich. Viele von ihnen hatten in ihren Heimat¬ ländern bereits eine Rente bezogen. Diese Rentenansprüche gingen verloren, weil sich die Regierungen und die SozialveiSicherungsinstitute dieser Län¬ der, offenbar aus politischen Gründen, weigerten, die Renten nach Österreich zu überweisen, und auch nicht bereit waren, mit der Republik Österreich Sozial Versicherungsverträge abzuschließen. Nicht Hochschutzzoll, sondern Modernisierung hilft Hochschutzzollmauern kapseln die Betriebe von der Vorwärtsentwicklung in der Welt ab Hochschutzzölle fördern die Rückständigkeit der Landwirtschaft und schaffen hohe Agrarpreise Was die Betriebe brauchen, um der Aus¬ landskonkurrenz nicht zu erliegen, sind die Modernisierung und billige Kredite Nur so können billige Waren und ein höherer Lebensstandard erreicht werden Seite 2 Nr. 228 SOLIDARITÄT

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