Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1923 Heft 02 (02)

ARBEIT
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
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I. JAHRGANG 15. JÄNNER 1923 HEFT 2
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DIE ARBEITSLOSIGKEIT IN ÖSTERREICH
Von Edmund Palla
Unsere Volkswirtschaft wird gegenwärtig von
einer Krise heimgesucht, deren weitere Entwicklung
noch gar nicht abzusehen ist und deren Ursachen und
Auswirkungen uns vor Probleme stellen, zu deren
Beurteilung selbst die reichen Erfahrungen nicht hin¬
reichen, auf die wir leider auf diesem Gebiet bisher
schon zurückblicken können.
Die schweren Erschütterungen unseresWirtschafts¬
lebens nach Beendigung des Krieges waren auf die
Umstellung der Kriegsindustrie auf die Friedensarbeit,
die willkürliche Zerreißung eines durch die Erfahrun¬
gen von Jahrhunderten zusammengeschweißten Wirt¬
schaftsgebietes, die Abtrennung der wichtigsten Roh¬
stoffquellen, auf ungeheure Verkehrshindernisse und
die Ansammlung von Arbeitskräften infolge der regel¬
losen Demobilisierung zurückzuführen. Noch heute
müssen wir voll Bewunderung jener Männer ge¬
denken, die damals in der Regierung bemüht waren,
in unermüdlicher Anstrengung aller dieser Schwierig¬
keiten Herr zu werden, die mit Hilfe der gewerk¬
schaftlichen Organisationen beruhigend und belehrend
auf die Arbeiter und Angestellten einwirkten und sie
aus den mit Blut, Zerstörungswahnsinn und trägem
Dahinleben gemischten Gedankengängen des Söld¬
ners wieder zur geregelten Arbeit in die Betriebe
zurückführten. Die Arbeit, die da geleistet wurde,
mag daran ermessen werden, daß wir zur Zeit, als
diese typische Produktionskrise Ende Frühjahr 1919
den Höhepunkt erreichte, im Bundesgebiet ungefähr
186.000 im Bezug der Unterstützung stehende Arbeits¬
lose zählten, von welchen über 140.000 auf das Indu¬
striegebiet Wiens entfielen. Als Vergleichsbasis mag
angeführt werden, daß nach den gesetzlichen Bestim¬
mungen das Arbeitslosenversicherungsgesetz auf un¬
gefähr 850.000 Arbeiter und Angestellte Anwendung
findet. Es folgte dann eine kurze Zeit scheinbarer
Besserung, der durch den rapiden Verfall unserer
Währung bedingte Ausverkauf unserer Industrie, der
in der Blütezeit der Scheinkonjunktur im Spätherbst
1921 wohl auch unter dem Einfluß der strengen Be¬
stimmungen des neuen Arbeitslosenversicherungs¬
gesetzes die Zahl der Arbeitslosen auf insgesamt etwa
10.000 (davon 7500 in Wien und Umgebung) senkte.
Von diesem Zeitpunkt an können wir ein langsames,
stetiges Steigen beobachten, das seit dem Herbst
1922 immer bedrohlichere Formen annimmt, so daß
wir nach der letzten Zählung (2. Jänner 1923) mit
gegen 120.000 zur Vermittlung vorgemerkten Ar¬
beitslosen rechnen müssen, von welchen gegen
89.000 auf das Wiener Gebiet*) entfallen.
Die Entwicklung ist aber damit noch nicht abge¬
schlossen, denn nach den Berichten der Industriellen
Bezirkskommissionen scheinen sich die Unternehmer
nunmehr nach den Feiertagen jeder Rücksichtnahme
frei zu fühlen und gehen in großem Umfang mit
weiteren Betriebseinschränkungen und Betriebssper¬
rungen vor. Neben den Arbeitslosen aus den indu¬
striellen Betrieben belasten aber nunmehr auch die
vom Abbau betroffenen Arbeiter und Angestellten
den Arbeitsmarkt in immer größerem Ausmaß, und
der Zeitpunkt läßt sich mit Gewißheit berechnen, in
welchem jener Teil der Abgebauten, der trotz aller
Bemühungen keine Lebensstellung finden konnte, sich
nach Aufzehrung der gewährten Abfertigungen dem
Heere der Arbeitslosen angliedern wird.
Mit dieser Feststellung sind aber die Auswirkungen
der gegenwärtigen Krise noch nicht erschöpft. Viele
Unternehmer versuchen durch Verkürzung der
Arbeitszeit den drohenden Gefahren zu be¬
gegnen, vor allem um den altbewährten Arbeiter¬
stand möglichst in ihren Betrieben zu erhalten. Auch
die Zahl der Kurzarbeiter, die statt 48 Stunden nun¬
mehr 16 bis 36 Stunden wöchentlich arbeiten, ist in
stetem Steigen begriffen und ihre Zahl dürfte gegen¬
wärtig im Bundesgebiet schon an 250.000 heran¬
reichen. Die Bezüge dieser Kurzarbeiter übersteigen
vielfach nur noch ein weniges jene der Arbeitslosen
und es besteht die große Gefahr, daß die Kurzarbeiter
die naheliegende Verbindung zu den Arbeitslosen
suchen und finden werden, wenn Regierung und
Unternehmer sich nicht dazu entschließen, im Rahmen
der Bestimmungen des Arbeitslosenversicherungs¬
gesetzes das Los der Kurzarbeiter zu erleichtern.
Schon das stetige Anwachsen der Arbeitslosigkeit
noch zu einer Zeit des Tiefstandes unserer Währung
zeigte, daß unser wirtschaftlicher Oganismus krank¬
hafte Erscheinungen aufweist, die von der Regierung
weder zeitgerecht noch sachgemäß behandelt wur-
*) Die Verteilung der Arbeitslosen im Wiener Gebiet
nach Branchen ist derzeit ungefähr folgende: Metall¬
arbeiter 19.600, Handels-, Transport- und Hilfsarbeiter
13.600, Bauarbeiter 10.700, Angestellte 10.700, Hotel-, Gast-
und Kaffeehausbedienstete 5700, Schneider 4400, Schuh¬
macher 4300. Holzarbeiter 4000, Textilarbeiter 2800,
graphisches Gewerbe 2500. Lebensmittelarbeiter 2100,
Hutarbeiter 1000, Sattler und Riemer 500, Friseure 400,
Fleischselcher 130, Umgebung Wien 6000.
        

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