Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1924 Heft 01 (01)

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duell scheint aber Max Adler ganz entschieden die Ober¬
hand zu behalten. In die Enge getrieben, muß sich Kelsen
entschließen, von Marx zu Lassalle zu flüchten, und baut
seine Polemik gegen die Staats t h e o r i e des M a r x i s-
rn u s darauf auf, daß er die staatspolitische Praxis der
Marxisten auf der Abkehr von Karl Marx ertappt haben
will. Er kleidet diesen Gedanken in die glitzernde Formel:
Zurück zu Lassalle! Aber selbst wenn dem so wäre, wäre
damit noch immer nicht gegen Marx, sondern höchstens
gegen die Marx-Schüler ein Beweis erbracht. Indes ist schon
dies eine Schwäche der Kelsenschen Abhandlung, die Kon¬
zeption der Tagespolitik etwa eines Otto Bauer kühn 'her¬
auszulösen aus dem Zusammenhang der noch viel tieferen
Konzeption von Bauers theoretischer Gesamtanschauung.
Wie zwischen Marx und Lassalle, so wird auch zwischen
dem Theoretiker Bauer und dem Praktiker Bauer der
spitzfindigste Jurist nicht ein Auseinanderfallen der letzten
Ziele zu konstruieren vermögen. Da bleibt alle Mühe um¬
sonst.
Ebenfalls im C. L. Hirschfeld-Verlag — als Sonder¬
abdruck aus dem letzten Heft des Grünberg-Archivs — hat
Karl K o r s c h seine Arbeit über „Marxismus und Philo¬
sophie" erscheinen lassen (Leipzig 1923, 71 Seiten). Sie
ist eine philosophische Rechtfertigung der bolschewistischen
Theorie. In konzentrierterer Form vorgebracht als in dem
langweilig breitspurigen Buch von Georg Lukäcs: Ge¬
schichte und Klassenbewußtsein (Malik-Verlag, Berlin 1923,
siehe „Arbeit und Wirtschaft", 1, Heft 15, Spalte 579), ist
sie auch geschmackvoll zurückhaltender, läßt aber eben¬
falls zahlreicheBedenken bestehen.
Bei dieser Gelegenheit muß auf den Umstand hingewiesen
werden, daß im Gefolge der Militärdiktatur in Deutschland
ein Verlag gewaltsam gesperrt worden ist, der neben
vielem sehr Anrüchigem auch manches Verdienstvolle auf
dem Gebiet der sozialistischen Publizistik hervorgebracht
hat. Es ist die kommunistische „Vereinigung Internationaler
Verlagsanstalten", welcher ihre in der vorigen Nummer der
„Arbeit und Wirtschaft" kritisdh beleuchtete Schlageter-
Broschüre nichts genützt hat. Weit entfernt davon, daß die
Schlageter-Leute von solchen Liebesbeweisen sich hätten
rühren lassen, haben sie es dem Verlag vergolten,
daß er neben diesem Schlageter-Schund auch sehr gut redi¬
gierte und wohlfeile Ausgaben der kleineren Schriften von
Marx veranstaltet hat, daß er sich vor allem die Heraus¬
gabe der Werke von Rosa Luxemburg und Mehring an-
Beitragsleistung an die Gewerkschaftskoinmission.
Die Vorständekonferenz der österreichischen Gewerk¬
schaften vom 7. Dezember 1923 hat beschlossen, der Beitrag
an die Reichsgewerkschaftskommission habe ab 1. Jänner
1924 30 K pro Woche für jeden an die Verbände geleisteten
Wochenbeitrag beziehungsweise 130 K pro Monatsbeitrag zu
betragen. Dies diene den Leitungen der freien Gewerk¬
schaften Österreichs zur Kenntnisnahme.
Sitzungen der Gewerkschaftskommission.
Die achte Sitzung der Reichsgewerkschaftskommission
vom 8. November 1923 beschäftigt sich auf Grund schrift¬
licher Mitteilungen mit den Lohnbewegungen der Industrie-
angestellten, des Bergarbeiterverbandes und der Metall¬
arbeiter. Die Mitteilungen werden zur Kenntnis genommen.
Ein Bericht des Allgemeinen deutschen Gewerkschafts¬
bundes Berlin über die Situation in Deutschland wird nach
längerer Aussprache zur Kenntnis genommen und den Ge¬
werkschaften empfohlen, ihre Aktionen fortzusetzen. Der
schon mehrmals behandelte Konflikt zwischen zwei Ver¬
bänden wegen der Vertragsverhandlungen für Konsumver¬
einsbedienstete wird durch efnen einstimmig gefaßten Be¬
schluß der Kommission entschieden. Das Ansuchen der
tschechischen Genossen in den österreichischen Gewerk¬
schaften, dem häufigeren Erscheinen -der Zeitschrift „Od-
borar" zustimmen zu wollen, wird einer Konferenz der be¬
teiligten Verbände befürwortend unterbreitet: über Wunsch
der tschechischen Vertrauensmänner wird Genosse
Wessely als Vertreter der Vertrauensmänner zu deren
gelegen sein ließ. Zur Charakteristik der gegenwärtigen
Schandwirtschaft in Deutschland liefert auch diese
Schließung eines Buchverlags durch Militärgewalt einen
bezeichnenden Beitrag.
Zu gutem Ende noch die Mitteilung von dem Erscheinen
des zweiten Bandes des neuen „Brockhaus-Lexikons" (Ver¬
lag Brcjckhaus, Leipzig). Im zweiten Band finden wir in
allernächster Nähe beisammen die größten Gegensätze:
„Kapitalismus", „Kollektivismus", „Kommunismus". Sehr
zu begrüßen sind die zahlreichen wirtschaftspolitischen Ar¬
tikel mit ihren trefflichen Ubersichten. Wir nennen nur:
„Frauenfrage", „Genossenschaften", „Gewerkvereine", „Ju¬
gendbewegung". Auch der Handel ist voll gewürdigt,
man kann ihn sogar bildlich in seiner Entwicklung aus
grauer Vorzeit bis zur neuesten Leipziger Messe verfolgen.
Eingelaufene Bücher.
Oskar Stillich: Das Freigeld. (Industriebeamteriverlag.
Berlin 1923, 80 Seiten.)
O. M. W e i n r e b: Die Spinnfasernindustrie in Österreich.
Eine volkswirtschaftliche Untersuchung. (Verlag Hölder-
Pichler-Tempsky, Wien-Leipzig 1923, 91 Seiten, 32.400 K.)
Hans Dechan t: Der Kollektivvertrag nach öster¬
reichischem und deutschem Recht. (Rikola-Verlag, Wien
1923, 192 Seiten.)
Ludwig Bergsträßer: Der politische Katholizismus. Do¬
kumente seiner Entwicklung. (II: 1871—1914, Drei-Masken-
Verlag, München 1923, 396 Seiten.)
Die Entwicklung der Reparationsfrage. Chronik des wirt¬
schaftlichen Niederganges in Deutschland. (Zentralverlag,
Berlin 1923, 43 Seiten.)
Ferdinand Güterbock: Mussolini und der Faschismus.
(Wieland-Verlag, München 1923, 163 Seiten.)
Otto Gl ö ekel: Die österreichische Schulreform. (Volks¬
buchhandlung, Wien 1923, 16 Seiten, 6000 K.)
Ferdinand Ossendowski: Tiere, Menschen lind Götter.
(Aus dem amerikanischen Urtext übertragen von Wolf v.
De wall, Verlag Societäts-Druckerei, Frankfurt am
Main 1923, 368 Seiten.)
Julius Bunzel: Reden aus Österreich an die deutsche
Nation. (Leuschner und Lubenskys Universitätsbuchhand¬
lung, Graz und Leipzig 1923, 79 Seiten.)
Denkschrift des Verbandes der Bergarbeiter Österreichs
an den Nationalrat der Republik Österreich. (Verlag der
Bergarbeiter, Druck „Typographia", Graz 1923, 7 Seiten.)
N
Sitzungen delegiert. Ein Schreiben des kommunistischen
revolutionären Blocks mit dem Verlangen nach einer Ein¬
heitsfront wird keiner weiteren Behandlung zugeführt. Zur
Hauptversammlung der Bank- und Sparkassengehilfen wird
ein Delegierter entsendet. Eine Anfrage wegen der Zu¬
gehörigkeit einer Gruppe von Angestellten zur Gewerk¬
schaftsorganisation wird dahin entschieden, daß der Bund
der Ind'ustrieangestellten die Fragesteller als Mitglieder
übernehmen soll. In dem Streitfall zwischen Postgewerk¬
schaft, Technische Union und Metallarbeiter wegen Zuge¬
hörigkeit bestimmter Mitgliedergruppen wird eine nach
Vorverhandlungen getroffene Vereinbarung auch von der
Kommission einstimmig zum Beschluß erhoben. Der Beginn
der Werbungen für die Wehrmacht wird zur Kenntnis ge¬
nommen und den Gewerkschaften empfohlen, den Genossen
den Eintritt in die Wehrmacht nahezulegen. Ein Bericht
über die Arbeiterbank wird zur Kenntnis genommen, ebenso
ein Bericht über d'ie Vollversammlung der nach dem Abbau¬
gesetz gebildeten paritätischen Kommission. Hieran schließt
sich eine Aussprache über die Kinderzuschüsse. Schlie߬
lich wird noch ein Bericht über die Generalversammlung
des Verbandes der gemeinwirtschaftlfchen Anstalten zur
Kenntnis genommen und es werden mehrere Anfragen vom
Vorsitzenden beantwortet.
Die neunte Sitzung der Gewerkschaitskommission
vom 13. November 1923 beschäftigt sich ausschließlich mit
der finanziellen Gebarung der Gewerkschaften und mit den
Sammlungen zur Linderung der ..Not in Deutschland. Von
Amsterdam angeregte Sammlungen erscheinen als über¬
holt.
—
MITTEILUNGEG E
Eigentümer. Verleger und Herausgeber: Anton Hueber, Sekretär. — Verantwortlicher Redakteur: Eduard St r aas, beide Wien 1, Ebendorferstraße 7Drude: „Vorwärts" Wien V, Rechte Wienzeile 97
        

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