Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1924 Heft 01 (01)

9 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 10
folgte die große Transaktion mit der Phönix A. G. für
Bergbau und Hiittenbetrieb in Düsseldorf, die die enge Koa¬
lition mit dem holländischen Großkapital brachte. Der
Phönix rangiert unter den Montanriesen des Industrie¬
gebiets. Er beschäftigt in seinen Kohlen- und Erzberg¬
werken, in seinen Eisenhütten der Roheisen- und Halbzeug¬
fabrikation rund 50.000 Arbeiter. Mit dieser Interessen-
nahme war er bald im Zeitraum weniger Jahre zu einem
der ersten Industriellen des Industriegebietes geworden. Er
hatte seine Papiermarkgewinne rasch realisiert.
Nach der Hochseeschiffahrt fand die Erweiterung des
Wolff-Konzerns in der Weise statt, daß Wolff Aktien der
Bremer Roland-Linie erwarb. Da die Roland im Besitz der
Mehrheit der Argo-Linie ist und diese Gesellschaft mit dem
Norddeutschen Lloyd in Verbindung steht, so war ein
enges Einvernehmen mit dieser großen Schiffahrtsgesell¬
schaft hergestellt, die noch verstärkt wurde, indem Wolff
Aufsidhtsratsmitglied des Lloyd wurde.
Nach der Hamburg-Amerika-Linie gehen die Verbindungs¬
fäden, indem von ihr, der Roland, Wolff und dem Phönix
eine Levante-Linie eingerichtet wurde. Da der Phönix über¬
dies noch im Besitz der Reiherstiegwerft-A.-G.. Hamburg,
ist, so ist die Verbindung Wolffs mit der Schiffahrt und dem
Schiffbau eine sehr enge.
Doch Wolff ist auch in anderen Großkonzernen vertreten.
So als Aufsichtsratsmitglied bei der A.-E.-G. und dem
Kupferwerk Mannsfeld. Die weiteren Verbindungsfäden
nadli anderen Industriegesellschaften sind zu umfangreich,
als daß sie alle erwähnt werden könnten.
Das weitaus wichtigste Merkmal des Wolff-Konzerns ist
die Verbindung nach dem Ausland. In erster Linie ist es
hier diejenige nach Holland. Wolff errichtete in Rotterdam
und Amsterdam eigene Eirmen zur Ein- und Ausfuhr von
Eisenprodukten. Der Clou des Ganzen liegt aber in der
Interessengemeinschaft an der Konynklyke Neederlandsche
Maatschappij für Hogoofens en Staalfabrieken im Haag.
Diese Gesellschaft wurde errichtet, um die Belieferung der
holländischen Eisenindustrie mit Roheisen und Halbzeug
durch eigene Werke sicherzustellen. Bei Amsterdam sind
solche Werke im Bau. Sie besitzt die Mehrheit der oben
erwähnten Phönixgesellschaft und übt gemeinsam mit Wolff
deren Kontrolle aus. Mit Hilfe des Phönix beziehungsweise
Wolff-Konzerns sollen die Hochofen- und Stahlwerke in
Holland errichtet und in engster Arbeitsgemeinschaft be¬
trieben werden. Ein enges Ineinanderarbeiten zwischen der
deutschen und der holländischen Großindustrie scheint sich
Wer anzubahnen.
Nur mit dem holländischen Kapital im Rücken konnte
Wolff jenes große Handelsgeschäft mit der russischen Re¬
gierung in Angriff nehmen, das in der Deutsch-Russischen
Handels-A.-G. verwirklicht wurde. Das Kapital dieser Ge¬
sellschaft ist je zur Hälfte zwischen der Sowjet-Regierung
und dem Wolff-Konzern verteilt. Ebenso wurde bei der
Besetzung der Direktion und des Aufsichtsrates verfahren.
Der Wolff-Konzern mußte der Sowjet-Regierung einen
Vorschuß von 1,250.000 Pfund Sterling leisten. Außer
holländischem ist auch englisches Kapital in diesem Syn¬
dikat vertreten. Die Deutsch-Russische Handels-A.-G. soll
Ein- und Ausfuhrgeschäfte von und nach Rußland tätigen.
Sie hat bereits in Petersburg, Moskau, Kiew, Odessa usw.
Filialen errichtet.
Gemeinsam mit der Neederl. Export en Import Maat¬
schappij in Amsterdam errichtete Wolff in Budapest die
Eisen- und Stahl-A.-G. In Wien ist der Wolff-Konzern ge¬
meinsam mit Holland durch die Otto Wolff G. m. b. H..
Wien, vertreten. Auch am Balkan faßte diese Gruppe Fuß.
Wolff war der erste, der mit der französisch-belgischen
Ingenieurkommission Micum einen Sondervertrag abschloß.
Eine so rasche Einigung war bei einer so international zu¬
sammengesetzten Gruppe sicher kein Wunder.
Soweit es uns in dem engen Rahmen einer Skizze mög¬
lich war, haben wir ein Bild dieses großen Faiseurs zu
geben versucht. Von Wolff kursiert folgendes Wort: „Ganz
so groß wie Herr Stinnes bin ich noch nicht, aber einige
Milliarden Schulden habe ich auch." Dies vor Jahren ge¬
sprochene Wort beleuchtet die Situation: Sie machten
Schulden in Papiermark, zahlten sie mit Lappalien zurück
und kauften Sachwerte, um vermöge dessen zu Macht¬
faktoren der europäischen Wirtschaft zu werden.
(Schluß folgt.)
DER POSTSTREIK
VOM 10. BIS 13. DEZEMBER 1923
Von Ludwig Maier
Der geschätzte Sekretär der Postler-Inter-
nationale bespricht im folgenden die jüngste
Bewegung der öffentlichen Angestellten haupt¬
sächlich aus dem Gesichtepunkt der Postge¬
werkschaft. Doch sind seine sehr interessanten
Darlegungen so prinzipieller Natur, daß sie
auch für alle anderen Teilnehmer des Kampfes
gelten können. Die Red.
Der gewerkschaftliche Kampf scheint auf den ersten
Blick in seinen Formen, in seinem materiellen und ideellen
Gehalt einförmig und abwechslungsarm. Die Formen sind,
scheint es, eng umgrenzt: Vertrag, Verhandlung, Abbruch,
Arbeitseinstellung, neuerliche Verhandlung, neuer Vertrag.
Der materielle Gehalt scheint immer derselbe: Verbesserung
der Arbeitsbedingungen, der ideelle: soziale Gerechtigkeit.
Und doch hat jeder gewerkschaftliche Kampf seine be¬
sonderen ihm eigenen Formen, seine eigene materielle
Forderung, seine eigene Idtee, seine eigene Psychologie.
Man gestatte mir unter diesem Gesichtspunkt über den
letzten Poststreik eine gedrängte Untersuchung anzustellen,
Die Atmosphäre.
Jeder Kampf entwickelt sich aus einer bestimmten
Atmosphäre, die ihm Antrieb oder Hemmung bedeutet. Jeder
Kampf ist nicht nur ein Produkt jener Kräfte, die anein¬
andergeraten, sondern ebenso der Atmosphäre, in der
diese Kräfte atmen.
Der Poststreik entwickelte sich in einer ganz charakte¬
ristischen innerpolitischen wie außerpolitischen Atmosphäre.
Schon der Metallarbeiterstreik der letzten Tage, der
mehr denn einmal über die gewerkschaftliche Sphäre
hinauszuwachsen schien, hatte die Einwirkungen einer
hochgespannten innerpolitischen Atmosphäre zu spüren. Der
Erfolg der Arbeiterpartei am 21. Oktober und ihre ersten
parlamentarischen Kampfhandlungen: schufen sie.
Für den Poststreik kam ein zweites politisches Ereignis
hinzu, die Wählen in England, die in den Tagen bekannt
wurden, da die Würfel der Streikansage geworfen wurden.
Man verstehe mich recht! Ich will nicht sagen, daß
irgendein Führer, irgendein Gewerkschafter bewußt unter
dem Eindruck dieser beiden politisch bedeutsamen Ereig¬
nisse handelte. Ich will bloß sagen, daß diese beiden
politischen Ereignisse von dem Poststreik psychologisch
nicht zu trennen sind.
Hiezu kam der bereits erwähnte drohende Metallarbeiter¬
streik, der an die Nerven der Öffentlichkeit gerührt hatte,
weil er die Kraftquellen Wiens zu erfassen drohte.
Hiezu kam schließlich der besondere Anlaß der Erregung
der Postangestellten.
Das revolutionäre Element.
Durch die Postbetriebe der ganzen Welt geht ein
revolutionärer Zug. Die Postbetriebe sind ein Grenzbetrieb
Nicht geradezu industriell orientiert und nicht geradezu
hoheitlich. Der revolutionäre Zug geht nach links aus der
hoheitlichen in die Richtung einer vorwiegend industriellen
Orientierung.
In England nimmt dieser Zug die revolutionäre Form
einer Forderung der Postangestellten nach Umwandlung in
eine Gilde an.
In Frankreich hat die Forderung bereits konkrete Formen
angenommen und im Juli dieses Jahres sind die Post¬
betriebe „autonomisiert" worden.
In allen Ländern steckt hinter der Forderung (der Ange¬
stellten wie der Öffentlichkeit) nach einer kaufmännischen
Gebarung als Kern immer dieselbe Forderung nach Los-
lösung der Betriebe aus der Hoheitsverwaltung.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.