Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1924 Heft 17 (17)

ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK II. JAHRGANG 1. SEPTEMBER 1924 HEFT 17 FERDINAND LASSALLE (Ein Gedenkwort) Von Eduard Straas Umfangreich und vielseitig ist die Literatur über die philosophischen Anschauungen und die Bedeu¬ tung jenes Mannes geworden, der vor genau sechzig Jahren sein noch so erfolgversprechendes Leben lassen mußte — Ferdinand Lassalle. Viel Unschönes wird über den jüdischen Kaufmannssohn aus Breslau gesprochen und geschrieben und manche seiner auf¬ gestellten wissenschaftlichen Grundsätze werden heute als verfehlt und unzutreffend bezeichnet. Weit zurück liegt die Zeit, da Lassalle in die Arbeiter¬ bewegung eingriff, und doch hat die gerechte Wür¬ digung seiner Leistungen noch immer nicht allgemein Platz gegriffen. Von persönlichen, unliebsamen Eigen¬ schaften beeinflußt wird Lassalles Wirken be¬ trachtet. Dennoch dankt die Arbeiterklasse dem großen Denker unendlich viel und muß sich eben am Tage der sechzigsten Jährung seines tragischen Todes dessen besonders bewußt sein. Hat er doch ein Kulturkapital hinterlassen, an dem zu zehren Ge¬ nerationen noch Gelegenheit haben werden. Lassalle, dies Wort bedeutet in der Arbeiter¬ bewegung von jeher die vorwärtsstürmende Kraft, ist der Name, der die Massen begeisterte, so lange seinen feurigen Reden Tausende begierig lauschten und ebenso, da er nicht mehr war, als seine aufsehen¬ erregenden Schriften von den Massen gelesen wur¬ den, das Arbeiterprogramm, das Offene Antwort¬ schreiben, das Arbeiterlesebuch und viele andere. Aus der Kraft der Uberzeugung, die in der Rede und in der Schrift lagen, loderte die Begeisterung, alle Anstrengungen zu machen, im Kampf ums Recht be¬ stehen zu können. Und doch ist es nicht der Ruhm der Person, der uns Lassalle sechzig Jahre nach seinem Tod ehren läßt, sondern wir feiern ihn ob des Interesses an der großen Sache, der er diente, der die Tätigkeit jeder Muskel und jedes Nerven gewid¬ met war. Denn er hat gehalten, was er als Vierund- dreißigjähriger in seiner historischen Tragödie „Franz von Sickingen" sagte: „Das Ziel nicht zeige, zeige auch den Weg. Denn so verwachsen ist hienieden Weg und Ziel, Daß eines sich nicht ändert mit dem andern, Und andrer Weg auch andres Ziel erzeugt." Er zeigte das Ziel, er wies auch den Weg. In seinen politischen und wirtschaftlichen Ansichten, die er entwickelte und begründete, steckt Wahrheit, die auch heute noch Wahrheit bleibt. Mag auch die menschliche Forschung jetzt manches klarer sehen als vor mehr als einem halben Jahrhundert, mag sie mit spöttischem Lächeln geringschätzend an Thesen von damals vorbeieilen, das Gebäude ist geblieben, die Grundsätze haben sich bewahrheitet. Lassalle hat von dem viel angefeindeten Lohngesetz gesprochen, hat es ehern genannt. Nach einem ehernen ökono¬ mischen Gesetz werde der Arbeitslohn bestimmt, nach Angebot und Nachfrage. Der durchschnittliche Lohn für eine Arbeit bleibe immer auf den notwendi¬ gen Lebensunterhalt beschränkt, der gewohnheits¬ mäßig zur Fristung des Lebens erforderlich ist. Um diesen Punkt schwinge das Pendel des wirklichen Taglohnes, ohne sich jemals lange weder über den¬ selben zu erheben noch unter denselben hinunter¬ fallen zu können. Dutzende bürgerlicher Wirtschafts¬ bücher konnten nach Lassalle diese Tatsache be¬ stätigen, andere kleideten sie in feinere Worte und nur wenige leugneten sie, freilich aus anderen Grün¬ den. Heute aber sehen wir die Wahrheit der Lehre allenthalben bestätigt. Und mit der berühmten Ver¬ elendungstheorie ist es nicht anders. Ebenso hat uns neben der organisatorischen Macht erst das allge¬ meine, gleiche und direkte Wahlrecht, zu dessen Er¬ kämpfung kein anderer wie Lassalle die Arbeiter in so wirksamer, überzeugender und begeisternder Weise aufzurufen vermochte, jene Stellung und jenen Einfluß in der menschlichen Gesellschaft verschafft, deren sich die Arbeiterbewegung heute erfreut. Lassalle war es, der durch die Gründung des Allge¬ meinen Deutschen Arbeitervereines im Jahre 1863 zu Leipzig die Bewegung in die Bahnen leitete, gleich¬ sam der Bannerträger der Organisationen war. Er war der Mann, der die deutsche Arbeiterschaft mit der Erkenntnis von ihrer großen geschichtlichen Mission beseelte, dem Willen Ausdrucksform lieh, der sie lehrte, selbständig aufzutreten, sich zu vereinigen, gewissermaßen die geschichtliche Mission des Prole¬ tariats predigte, der mit einem Wort dem deutschen Arbeiter kämpfen zeigte. Das war Lassalles Tat, darin liegt sein unsterb¬ liches durch nichts zu verkleinerndes Verdienst. Auch andere Leuchten des Wissens haben dem Pro¬ letariat die Abhängigkeit vom Kapital gezeigt und den Weg und die Mittel gewiesen, die Zustände zu ändern. Ihrer kann nie vergessen werden. So deut¬ lich, so wissenschaftlich-volkstümlich und einleuch¬ tend wie Lassalle vermochte es keiner zu sagen und zu schreiben. Sprach Lassalle zu den Arbeitern über

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