Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1924 Heft 17 (17)

775 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 716 die Unsicherheit ihrer Existenz und über die Notwen¬ digkeit, die Fesseln zu sprengen, so verstand ihn jedermann, erweckten seine Worte ein Echo in allen Herzen. Er brachte den Arbeitern das Klassen¬ bewußtsein bei. Wird Marx unbestreitbar bleiben, die Arbeiterbewegung aus dem Schlummer geweckt zu haben, so muß es Lassalle anerkannt werden, der große Prediger gewesen zu sein, die deutschen Ar¬ beiter zum Ideal aufgerufen zu haben. Er konnte durch die Macht seiner Person, durch seine be¬ weisenden Schriften dem Arbeiter die soziale Lage erklären und den Drang kultureller Befreiung in ihm erzeugen. Er rief die Massenbewegung ins Leben. Das ist Lassalles Verdienst. Der große Agitator, die starke Persönlichkeit, der Schöpfer einer Kulturbewegung des Proletariats, das war Lassalle. Aber noch eines muß gesagt werden. Fr hat vor allem den Gedanken der harmonischen Vereinigung von wissenschaftlicher und körperlicher Arbeit als notwendig bezeichnet. Die Arbeiter und die Wissenschaft sind der Fels, auf dem die Kirche der Gegenwart erbaut wird, lautet ein von ihm ge¬ prägtes, in aller Mund gesprochenes Wort. Der Ar¬ beiterstand wird die Menschenrechte zur Wahrheit machen, dies war seine Überzeugung. Der Arbeiter Freiheit ist die Freiheit aller Menschen, dies ist der immer wiederkehrende Gedanke in seinen Reden und Schriften. Seine Geschichtsphilosophie stellt den Ar¬ beiter und die Arbeit in den Vordergrund. Die Ver¬ einigung der Wissenschaft und der Arbeit, dieser bei¬ den entgegengesetzten Pole der Gesellschaft, die bei ihrer Umarmung alle Kulturhindernisse in ihren eher¬ nen Armen erdrücken werden - das ist das Ziel, das er seinem Leben zu setzen beschlossen hatte. Die Ar¬ beiterfrage erschien ihm als die größte Kulturfrage. Jetzt, wo wir versuchen, in die Wirtschaft mitbe¬ stimmend einzudringen, folgen wir immer mehr und mehr seinen Fußtapfen. Hat Lassalle politisch die Er¬ oberung des Wahlrechtes gefordert, so suchte er wirtschaftlich nach Befreiung, durch Ergreifen der Wirtschaft. Hier aber beginnen seine Fehlschlüsse, die zu verschweigen wir, die wir nicht Weihrauch streuen wollen, keine Ursache haben. In den Produktivgenossenschaften mit Staats¬ hilfe sah Lassalle das Mittel, ans Ziel zu gelangen. Diesen Institutionen stellte er Sozialrevolutionäre Auf¬ gaben. Von ihnen erwartete er mehr, als sie zu geben in der Lage gewesen wären. Es war nie daran zu denken, die Kräfte des Klassenstaates in die Dienste solcher Körperschaften, schon gar nicht des Sozia¬ lismus zu stellen. In dieser Hinsicht überschätzte Lassalle den Wert des Wahlrechtes. Die Entwicklung der Bewegung ist daher hier andere Wege gegangen. Aber aus dem Grund wird erklärlich, wenn er den damals noch im Keime steckenden Gewerkschaften keine günstige Zukunft stellte, sehr im Gegensatz zu Marx, sie sogar geringschätzte. Seine Äußerungen dieser Art sind bekannt. Es hat dank dieser Anschau¬ ungen langer Jahre bedurft, bis sich die Gewerk¬ schaften in ihrem Wert bei den Arbeitern durchzu¬ setzen vermochten Immer wieder wurde auf Lassalle und seine Worte, selbst auf das eherne Lohngesetz hingewiesen, demgegenüber gewerk¬ schaftliche Bestrebungen ohnmächtig wären. Aber diese Zeit ist heute längst vorüber, ebenso wie nie¬ mand mehr an die Produktivgenossenschaften mit Staatskrediten und Staatsmitteln denkt. Das Werk der Befreiung der Arbeiterklasse wird in anderer Weise aufgebaut Lassalles Bedeutung liegt auf anderem Gebiet. Hier war er der schöpferische, der außerordentliche Mensch. Wir sprachen davon. Darum bleibt er deut¬ schen Arbeitern der Große und Gewaltige, der tiefe Denker und sozialistische Kämpfer. Mag er nun in zweifacher Art in unserer Vorstellung belebt werden, beide entstellt, es wird seinem Gedenken keinen Ab¬ bruch tun. Man wird ihn uns nicht in seinem Wirken verzerrt darstellen können, wenn man ihn als den radikalen, unbedachten Himmelsstürmer erscheiaen läßt, der den Boden der Wirklichkeit verliert, welche Erscheinung man heute leider mitunter wahrnehmen kann. Solch krampfhaftem Bemühen, Revolution unter allen Umständen zu machen, um nur schnell ans Ziel zu kommen, setzte er ein Wort entgegen, das, weil zeitgemäß, wiederholt sei und lautet: „Man kann zuletzt Revolutionen nur mit den Massen und ihrer leidenschaftlichen Hingebung machen. Die Massen aber, eben wegen ihrer sogenannten »Roheit«, wegen ihres Mangels an Bildung, haben keinen Sinn für Vermittlungen, interessieren sich nur — denn jeder rohe Verstand ist extrem, kennt nur ein Ja und ein Nein und keine Mitte zwischen beiden — für das Extreme, Ganze, Unmittelbare. Es muH also zuletzt kommen, daß solche Revolutionsrechner, statt die getäuschten Feinde nicht vor sich und die Freunde hinter sich zu haben, zuletzt umge¬ kehrt die Feinde vor sich und die Anhänger ihres Prinzips nicht hinter sich haben. Der scheinbar höchste Verstand hat sich so in der Tat als höchster Unverstand erwiesen." In seinen politischen Aufsätzen heißt es einmal: „Im allgemeinen ist der Mensch ein Produkt seiner Lage, und wer ganze Klassen von Menschen wirklich ändern will, muß zuvor die Bedingungen ihrer Lage ändern, die sie eben zu dem machen, was sie sind." Das mögen sich jene merken, die es ganz be¬ sonders angeht. Den anderen aber, die den Ruhm des großen Führers verkleinern wollen, indem sie seine Theorien als falsch erklären, sei zugerufen: Blickt doch in die Wirklichkeit! Und über das Gerede jener, die immer nur die menschlichen Schwächen der Eitel¬ keit und des Ehrgeizes, die ihm anhafteten, hervor¬ heben, denen das Verhältnis Lassalles zur Gräfin Hatzfeld interessant erscheint, vermag man mit der Uberzeugung ruhig hinwegzugehen, daß die Größe des Charakters Lassalles uns nicht verdunkelt wer¬ den kann. Wir sind stolz auf Lassalle den Sozialisten und halten ihn und seine Lehren immerdar in Ehren. Wir feiern ihn. indem wir seine Schriften immer wieder lesen, neire Belehrung aus ihnen gewinnend. Es soll keinen Gewerkschafter geben, der Lassalles Werke noch nicht kennt! •c-t NACHKLANGE ZUM VERBANDSTAG DER ÖSTERREICHISCHEN METALLARBEITER Von Johann Schorsch Es ist eine alte Erfahrung, daß die Unternehmerorga- nisationen jede objektive, die reinen Tatsachen feststellende Rede eines hervorragenden Gewerkschafters oder eines Sozialdemokraten daraufhin untersuchen, Anhaltspunkte zu finden, um die ihnen angeschlossenen Unternehmer gegen die Arbeiter und Angestellten der Betriebe scharf zu machen. Der Verbandstag der österreichischen Metallarbeiter gab ihnen wieder Gelegenheit, die dort gehaltenen Reden zu studieren und das herauszulesen, was sie fiir ihre Zwecke brauchen. Das Organ des Hauptverbandes der österreichi¬ schen Industrie, „Die Industrie", vom 2. August 1924 widmet den Reden nicht weniger als fast neun Spalten, um nach Zitierung von Redewendungen, die aus dem Zusammenhang herausgerissen sind, die, wie sie sagen, „kurzsichtigen" Unternehmer aufzutordern, lieber einen Schaden durch Streiks oder passive Resistenz auf sich zu nehmen, als einer

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