Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1924 Heft 17 (17)

717 ARBEIT UND Forderung nach Lohnerhöhung zu entsprechen, weil solche unerträgliche Lohnerhöhungen zum Zusammenbruch des Unternehmens führen müssen. Koch me'hr. „Die Industrie" fordert die Führer des Metallarbeiterverbandes auf, sich nicht in letzter Stunde von unverantwortlichen Schreiern beeinflussen zu lassen, dann werden aussichtslose Kämpfe vermieden und es kann die österreichische Industrie durch die schwere Krise hindurchgebracht werden. Genosse Domes, der sich am Verbandstag mit Recht gegen die Einzelaktionen wendete, die fast immer ohne Erfolg enden, die Kraft des Verbandes und die Arbeiterschaft selbst schwächen, wird wohl niemals der Auffassung gewesen sein, daß seine Rede von den Unternehmern in dieser Art ausgenützt werden könnte. Domes wollte nichts anderes erreichen als darzulegen, wie schädlich die Einzel¬ aktionen sind und die Kraft der Organisation und die Schlagkraft der Arbeiter für entscheidende Kämpfe zur Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen und zur Verhinderung angekündigter Verschlechterungen aufge¬ spart werden müsse. So wurde es auch von den Delegierten zur Kenntnis genommen. Und nun der Appell an die Führer der Metallarbeiter und die Aufforderung an die Unternehmerorganisation, unter keinen Umständen Lohnaufbesserungen zu geben, weil diese der Ruin der österreichischen Industrie seien. So charakte¬ ristisch diese Aufforderung ist, so unlogisch ist sie gerade für die Führer der Unternehmer. Während der Zeit des Krieges, in der Zeit des Mangels an geeigneten Lebensmitteln, haben sich viele Unternehmer oft mit Aufwand bedeutender Geldmittel Lebensmittel für ihre Arbeiterschaft besorgt. Nebenher liefen die gemein¬ samen Aktionen, die Errichtung von sogenannten Lebens¬ mittelverbänden. Je schlechter die Nahrung der Arbeiter, desto mehr ging die Leistungsfähigkeit im Betrieb zurück und dies trotz Drohungen des militärischen Leiters, trotz Einsperrens und Abtransportes an die Front, was in vielen Fällen gleichbedeutend war mit dem Tode oder vollstän¬ diger Verkrüppelung. Die Körper der Arbeiter, die nicht genügend genährt wurden, versagten eben den Dienst. Damals war für alle ersichtlich tatsächlich ein Mangel an Lebensmitteln, heute ist dieser Mangel vorüber. Nun zu glauben, daß die Beamten und Arbeiter eine weitere Ver¬ schlechterung ihrer Lebenshaltung ruhig in Kauf nehmen sollen und werden, ist ein großer Irrtum. Im Nationalrat treten die Vertreter der Industrie für die Aufhebung des Mieterschutzes ein, für die Agrarzölle, kurzum für alle Dinge, die eine wesentliche Verteuerung der Lebenshaltung mit sich bringen, auf der anderen Seite negieren sie jede Forderung nach einer Gehalts- oder Lohnerhöhung und fordern die Unternehmer auf, auch bei Streiks nicht nach¬ zugeben. Die Beamten und Arbeiter sollen wieder hungern, sollen ihre Lebensexistenz, die ohnehin elend genug ist, noch weiter verschlechtern lassen. Selbst wenn diese Politik der Unternehmer Erfolg hätte, was würde dann eintreten? Eine Zeit des Rückganges der Arbeitsleistung, die in ihren Wirkungen der Industrie doppelt und dreifach mehr schädlich wäre als eine aus¬ giebige Lohnerhöhung, und die erst recht die ganze Wirt¬ schaft in Österreich an den Rand des Zusammenbruchs führen müßte. Die Belastung der Industrie durch die soziale Gesetz¬ gebung ist eine unerträgliche, es sei unmöglich, den Acht¬ stundenarbeitstag, das Arbeiterurlaubsgesetz usw. auf¬ rechtzuerhalten, so wird behauptet. Kommt aber die Frage auf die hohen Bankzinsen, dann sind die Herren mit Argumenten zur Stelle, die den Nachweis erbringen sollen, daß die Banken nicht anders können, obwohl nachgewiesen erscheint, daß vorwiegend gerade in dem hohen Zinsfuß des Leihkapitals die Unmöglichkeit der Konkurrenz mit dem Ausland liegt. 25 bis 30 Prozent und darüber ist das WIRTSCHAFT 718 Produkt mit Bankzinsen belastet. Unternehmer, die heute noch mit eigenem Kapital arbeiten, sind an der Hand zu zählen, alle müssen sich der Bank bedienen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Fertigindustrie arbeitet mit höch¬ stens 20 Prozent Lohnkosten vom Werte des Fertig¬ produktes, das heißt, die Lohnkosten sind weitaus geringer als die Lasten, die ihr durch die Bankzinsen erwachsen. Demnach würde eine Herabsetzung der Bankzinsen um nur zwei Prozent eine Erhöhung der Lohnkosten um zehn Prozent ermöglichen. Dafür zu kämpfen, daß die Bank¬ zinsen herabgesetzt werden, scheint aber den Herren Industriellen unmöglich. Vielleicht mit Ausnahme einzelner sind die Herren am Schwarzenbergplatz Angestellte, Direk¬ toren von Unternehmungen, die unter der Vorherrschaft der Banken stehen. Soweit es sich noch um persönliche Inhaber von Unternehmungen handelt, sind die Herren teilweise wieder Verwaltungsräte in den Banken, so daß also die sonderbare Haltung der Unternehmerorganisation begreiflich wird. „Die Industrie" stimmt den Ausführungen des Dr. Bauer zu, daß das amerikanische Kapital, das nur drei Prozent an Verzinsung trägt, noch Mißtrauen hat zur Sicherheit einer Anlage von Geldern in Europa. Daß aber, soweit Österreich in Frage kommt, gerade unsere Unternehmerorganisation und die bürgerlichen Zeitungen alles darangesetzt haben, dieses Mißtrauen nicht nur zu bestätigen, sondern noch zu fördern, wissen alle objektiven Beobachter. Jedes ordnungs¬ mäßig beschlossene Gesetz, das der Arbeiterschaft und den Angestellten einen sozialen Fortschritt brachte, wurde .als ein „Bolschewismus" verschrien, und „Die Industrie" spricht in dem angezogenen Artikel neuerdings von einem „verkappten Bolschewismus" der seinerzeitigen Koalitions¬ regierung. Wenn man ausländisches billiges Kapital von Österreich fernhalten will, kann man es nicht besser machen als unsere Industrie und mit ihr die bürgerlichen Zeitungen. Eine Aktion der Arbeiterkammer mit der Reichsgewerkschafts¬ kommission, die nicht ohne Aussicht auf Erfolg eingeleitet wurde und die unter anderem der österreichischen Industrie und dem Handel zirka 300 Milliarden billiges Geld bringen sollte, wurde in der entscheidenden Sitzung damit abgetan, daß die 300 Milliarden keine Rolle spielen und die Begebung von Industrieobligationen nicht ins Auge gefaßt werden könne, weil die Industrie die Verzinsung nicht garantieren könne. Nicht die hohen Bankzinsen seien entscheidend, sondern die soziale Gesetzgebung, Achtstundenarbeitstag, Arbeiterurlaubsgesetz usw. In den Konkurrenzländern, mit Ausnahme von Deutsch¬ land, hat die Industrie für das Leihkapital acht bis zehn Prozent Zinsen zu zahlen, um rund 15 Prozent weniger. Das spielt also keine Rolle, obwohl in diesen Ländern die soziale Gesetzgebung der österreichischen nur wenig nach¬ steht, Löhne und Gehälter aber unverhältnismäßig höher sind. Die Herren irren sich sehr stark im Inhalt der Ausfüh¬ rungen des Vorsitzenden des Metallarbeiterverbandes. Was Domes erreichen wollte und erreicht hat, ist die Einheitlich¬ keit der Aktionen, die Verhinderung von Teilstreiks, die keinen Erfolg bringen können. Die Schlußausführungen des Artikels in der „Industrie" zeigen deutlich, daß der Ver¬ bandstag, der den Ausführungen Domes zustimmte, auf dem rechten Weg war, und daran ändert auch die Tatsache nichts, daß eine objektive, die Tatsachen feststellende Rede von den Unternehmern zur neuerlichen Scharfmacherei benützt wird. Oder meinen die Unternehmer wirklich, daß die Beamten und die Arbeiter all die erwähnten Lasten ohne jede Erhöhung der Gehälter und Löhne ertragen werden? Es fällt wirkfich schwer, dies zu glauben. Wenn es aber so ist, dann hat der Verbandstag gute Arbeit geleistet, er hat sich auf die zu erwartenden Kämpfe eingestellt.

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.