ARBEIT
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
II. JAHRGANG 1. NOVEMBER 1924 HEFT 21
CAMILLO CASTIGLIONI
(Ein Lehr- und Lesebuch f�r die Jugend)
Von Paul Szende
Hoch klingt das Lied vorn braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang.
I. Wer ist ein gro�er Mann?
Zwei Merkmale kennzeichnen den gro�en Mann:
Er bricht sich trotz aller Hindernisse Bahn und �ber�
ragt seine Mitmenschen durch au�erordentliche
Leistungen. Er erfa�t den Sinn der gegebenen ge�
schichtlichen Lage und bringt ihn mit unwidersteh�
licher Wucht zur Entfaltung. So wird er zum Sinnbild
seines Zeitalters.
Von einem solchen gro�en Mann soll nun hoch das
Lied klingen. Er hei�t Camillo Castiglioni. Vor
anderthalb Jahren war er vielleicht der reichste
Mann �sterreichs, jetzt ist er auch saniert. Die
Geschichte seines Aufstieges und seines Sturzes soll
hier erz�hlt werden. �Gottlob, da� ich singen und
preisen kann."
II. Anschauungsunterricht
Die Bedeutung dieses Mannes besteht darin, da�
er der Jugend einen vorbildlichen Anschauungsunter�
richt erteilt. Seine Karriere zeigt uns ohne Um�
schweife die Quellen des Reichtums, den Werdegang
der Macht, die Wurzeln der Autorit�t, und enth�llt,
wie und mit welchen Mitteln sich eine neue Gesell�
schaftsordnung aufbaut. Erbgesessene Macht und alter
Reichtum entspringen denselben Quellen, doch das
�berwuchernde Rankengewebe der Legenden, po�
litischer und ideologischer Zieraten verschleiern der
Nachwelt ihren Ursprung. Gastiglionis Reichtum und
Macht t�rmten sich vor unseren Augen auf, wir
waren Zeitgenossen und leidende Objekte.seines Auf�
stieges. Jeder �sterreicher, selbst der �rmste der
�rmsten, kann sich r�hmen, zum Emporkommen
Castiglionis sein Scherflein beigetragen zu haben. Er
war nicht undankbar, als Gegenleistung f�r diese
schmerzhafte Mitwirkung bescherte er seinen Zeit�
genossen einen schonungslosen und aufrichtigen An�
schauungsunterricht.
III. Der Kriegsgewinnler
In den alten Lehr- und Leseb�chern stand es ge�
schrieben, da� der Krieg ein Stahlbad ist, da� er die
edelsten Eigenschaften des Volkes, besonders aber
die Opferbereitschaft entfesselt und dergleichen
mehr. DaB der Krieg eine gewaltige Konjunktur
bringt und unerme�liche Gewinne in der k�rzesten
Zeit entstehen l��t, da� er der Entfaltung allef
r�uberischen Urinstinkte die Mauer macht, dar�ber
schwiegen sich diese B�cher wohlweislich aus.
Im Weltkrieg spaltete sich die Bev�lkerung in
zwei Gruppen: die eine brachte die Blutopfer und
darbte, die andere heimste die Gewinste ein. Diese
reinliche Scheidung wurde selbst f�r Leute, die sonst
f�r die handgreiflichsten Zusammenh�nge keinen
Sinn haben, durch einzelne grelle Beispiele, durch
das Entstehen riesenhafter Schiebergewinne im
Handumdrehen erkenntlich gemacht. Das schreiendste
Beispiel war der Aufstieg Castiglionis. Vor dem
Kriege noch ein unbedeutender Automobilagent, beim
Friedensschlu� bereits der gr��te Kriegsgewinnler,
sein Namen in aller Welt Munde, sein Ruhm an allen
Ecken verk�ndet. Er war das Instrument der
Vorsehung, die f�r den Anschauungsunterricht der
unaufgekl�rten Massen sorgt, er wirkte wie ein Blitz�
strahl, der selbst im einf�ltigsten Gehirn ein Licht
�ber das wahre Wesen des Krieges aufgehen lie�,
er war der Scheinwerfer, der die dunkelsten Niede�
rungen der Kriegswirtschaft restlos erhellte. Bei
diesem Licht entdeckte man zugleich die un�berseh�
bare Schar der gro�en, mittleren und kleinen
Castiglionis, die sich bisher geschickt versteckten,
man erkannte, da� Grundbesitz, Bankkapital, In�
dustrie und Handel, die �legitimen" Erwerbst�nde,
das erbgesessene, bodenst�ndige, ehrenhafte B�rger�
tum, verschanzt in seinen B�ros, Fabriken, Scheunen
und V/erkst�tten, an dieser Pl�nderung ebenso teil�
nahmen wie die �Hergelaufenen" und �Zuagreisten"
aus Galizien und Triest.
IV. Das Doppelvaterland
Schule und Presse pr�gten uns in tausend
Variationen ein, da� jeder Mensch nur ein einziges
Vaterland sein eigen nennt, das man nicht wechseln
kann wie W�sche oder Anz�ge. Castiglioni war
�sterreichischer Staatsb�rger, nach dem Umsturz
blieb er weiter in Wien, hier war sein Sitz, sein
Palast, sein Hauptbet�tigungsfeld. Er lie� aber das
�sterreichische Vaterland in seiner h�chsten Not im
Stiche, ward blitzesschnell italienischer Staatsb�rger,
eingedenk dessen, da� er als Sohn eines Triester
Rabbiners geboren wurde. �sterreich war ein be�
siegtes Land, dem die Reparationsleistung drohte, es
ist nicht rentabel, ein besiegtes Vaterland zu haben.
        

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