Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1924 Heft 23 (23)

ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE. EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
II. JAHRGANG 1. DEZEMBER 1924 HEFT 23
NACHRUF AUF SEIPEL
Von Schiller Marmorek
Der Bundeskanzler Doktor Seipel ist gestürzt, die
heroische Periode seiner Tätigkeit ist zu Ende. Mag
er als Obmann seiner Partei fortwirken, vielleicht
auch später mit einem anderen Kabinett wieder¬
kehren — die außerordentlichen Gelegenheiten, aus
denen der Troß seiner Lobredner das Material holte,
um ihn auf ein ungewöhnliches Postament zu heben,
bieten sich kaum noch einmal. Man darf also diesem
heroischen Seipel, dessen Bild vom Weihrauch aller
Riten umwallt wird, weil er Jahre peinlichster Sorgen
mit der Erhabenheit seiner Absichten erfüllte und
durch sie erhöhte, den politischen Nachruf sprechen.
Immer wieder hörten wir rühmen: nicht jeder Politi¬
ker halte so rein wie er. Wenn zufällig gerade wäh¬
rend seiner Regierungszeit die übelsten Schmutz¬
wellen über Österreich einstürmten, so haben sie
seinen Fuß nicht berührt und, was besonders wert¬
voll ist, sie haben seine Geruchsnerven erschüttert.
Mit grunzender Freude begrüßten die einen von den
Seinigen, daß sich ihr Treiben hinter einer so hehren
Erscheinung frei entfalten könne, und die anderen, die
jede bestellende Macht psychologisch zu verklären
bereit sind, posaunten mit. In diesem Österreich des
Inflationsschwindels und der latenten Finanzskandale
schien ein moralisches Zeitalter angebrochen zu sein.
Das moralische! Dieser Regierungschef wollte mit
ethischen Urteilen gewertet werden. Und seit langem
hat kein Politiker soviel moralisierende Schlagworte
in die Diskussion des Tages geworfen wie er. Von
der Sanierung der Seelen bis zu dem noch vor dem
Abgang aufgerufenen Sanierungsgeist — es war klar,
daß der priesterliche Bundeskanzler vom Dollarkurs
wegstrebte, an dessen Stabilität allein sein Tun nicht
gemessen werden sollte.
Mi.t jener Hingabe zur Metaphysik, die man ja in
der österreichischen Politik noch von früher her ge¬
wöhnt war, ging eine gewisse Öffentlichkeit auf
diesen Drang nach Höherem ein. Und bald sah sie in
Seipel eine solche Vereinigung von politischen Tugen¬
den, daß jeder Widerstand mehr als Opposition, daß
er geradezu Verrat und ein Zeugnis unbegreiflichen
Hanges zum Bösen sein mußte.
Ihnen, die sich um das neue Idol drängten, war es
natürlich eine Bagatelle, daß der Bundeskanzler einer
Republik auch Republikaner sein mußte. Herr Doktor
Seipel hat bekanntlich nur einmal von der Republik
gesprochen, und das war von der polnischen. Damals,
in Warschau, konnte nicht so bequem wie in Wien
der offiziellen Stellung und den Regungen des Her¬
zens in gleicher Weise genug getan werden. Ein
republikanischer Regierungschef, der sich ostentativ
von allen Feiern der Republik fernhielt, hätte sich
wahrscheinlich auch gern absentiert, wenn welt¬
geschichtliche Umstände, die heute freilich unmöglich
geworden sind, den Bestand der österreichischen Re¬
publik bedroht hätten. Aber des Herrn Dr. Seipel
republikanische Gesinnung, zu der er durch Stellung
und Eid verpflichtet war, verschwimmt in einer
reservatio mentalis.
Es scheint auch wenig der Eindeutigkeit eines
Politikers zu entsprechen, daß er Minister einsetzt,
damit sie gegen den Sinn und den Zweck ihres
Ressorts arbeiten, wie es des Herrn Dr. Seipel
Minister für soziale Verwaltung und sein Heeres¬
minister getan haben. Der oberste Verwalter eines
hohen Amtes hat es mit ihm ernst zu meinen, soll zu
ihm in einer persönlichen Beziehung sein, die unmög¬
lich bestehen kann, wenn er ihm nur entgegenzu¬
wirken trachtet.
Und es entspricht auch nicht dem fühlenden Herzen
des Priesters, wenn er in der schwersten Zeit so
antisozial regiert, wie es Herr Dr. Seipel getan hat.
Es dürfte in der Bilanz seines Ministeriums wohl
kaum eine einzige aktive Post geben, die sozial und
wirklich volkstümlich gedacht war. Wenn in dieser
Hinsicht etwas Positives geschah, so geschah es nur,
um größeren Titeln auszuweichen und unter dem
Einfluß der sozialdemokratischen Opposition. Zu
gleicher Zeit häuften sich aber jene sattsam be¬
kannten Gesetze der Bankenfreundlichkeit, die un¬
beirrbar und mit schamloser Selbstverständlichkeit
durchgepreßt wurden. Gerade während der Herr¬
schaft eines Moralisten ward ein kapitalistischer
Orgiasmus frei, den keine Staatsgewalt einzudämmen
suchte. Ja diese elementaren Gewalten, die in der
entfesselten Geldgier sind, wurden geradezu auf¬
gereizt — enrichissez vous, wie der Schieberminister
Guizot etwa dreiviertel Jahrhunderte vorher ge¬
rufen hatte. Mit Sittensprüchlein, mit denen man nicht
einmal Eisenbahnen bauen kann, sollte dann diese
Glut der Leidenschaften besänftigt werden. Konnte
ein Politiker, der als Mann der Realitäten verstanden
sein wollte, dies wirklich ernsthaft glauben? Er ver¬
wies Hyänen, vor denen man selbst jede Schranke
niedergerissen, milde ihr Tun, er nahm eine Gesell¬
schaft unsagbarer Elemente als „Gesellschaft" aui
und vertraute ihnen die geistigen Güter des Landes
        

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