Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1924 Heft 23 (23)

987 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 988
an, die einem denkenden und gewiß im Innersten
weitabgewandten Staatsmann die wertvollsten sein
müssen. Herr Dr. Seipel tat als sähe er die Wider¬
sprüche zwischen den Folgen seiner finanziellen
Freundschaften und seiner sozialen Unerbittlichkeit
nicht. Aber als er einmal — es war während des
letzten Streiks der Bankbeamten — die Objektivität
verließ, die er erst im Nationalrat proklamiert hatte,
und in der „Politischen Gesellschaft" nur als Privat¬
mann sprach, da streifte er auch „die Institutionen,
die nicht für die Angestellten, sondern für die die An¬
gestellten zu arbeiten haben". Und er appellierte an
diese Angestellten, durch Maßhalten in ihren mate¬
riellen Forderungen zur Milderung der Bankenkondi¬
tionen beizutragen. Hier kann man nicht mehr
glauben, daß der Bundeskanzler wirtschaftliche Zu¬
stände, nämlich die Übermacht der Bankokratie, als
gegeben hinnahm und, wie er sonst es vorgab, aus
ihnen das möglichst Beste herauszuholen suchte, son¬
dern hier erkennt man direkt ein verständnisvolles
Mitfühlen mit den Generaldirektoren und General¬
räten, die in ihren Raubzügen nicht durch das Ein¬
greifen der Bankgehilfen und Ausreibfrauen ge¬
schädigt werden sollten. Man sah, weniger erstaunt
als peinlich berührt, den Regierungschef gerade für
die Banken agitieren und um ihretwillen der Be¬
völkerung Argumente gegen die Streikenden zube¬
reiten. Wie immer richteten sich die Beschwörungen,
an die Allgemeinheit zu denken und den eigenen
Egoismus zurückzudrängen, an die Adresse der
anderen.
Burgfriede sollte sein, damit sich die Aufrichtung
Österreichs ungestört vollziehen könne. Aber auch
da waren es wieder die Mächtigeren im Staate, die
alle von den anderen zu tragenden Opfer für unerlä߬
lich erklärten. Das Kongruagesetz inmitten der
finanziellen Nöte des Bundes war keine Störung des
überkommenen Gleichgewichtes. Aber als die Stadt
Wien das Krematorium errichtete, wurden alle ver¬
fassungstechnischen und juridischen Finten dagegen
angewendet und dazu noch die Anklage aus dem
Arsenal gezogen, daß man im ungeeignetsten Zeit¬
punkt dem Kulturkampf den Weg bereite.
Die Interessen der katholischen Kirche, die ebenso
auf ihre ideale Machtstellung wie auf finanzielle
Unterstützung erpicht ist — das waren die Grenzen,
vor denen dieses angeblich objektive, angeblich über
den Klassen und Parteien schwebende und so sehr
auf Österreichs Wohlfahrt allein bedachte Regieren
haltmachte. Dem Monsignore Seipel soll daraus der
geringste Vorwurf werden, ein größerer den ver¬
sprengten Splittern freiheitlicher Gesinnung, die im
Gefolge von Klerikalen und nationalistischen Spießern,
von Monarchisten und antisemitischen Radaubrüdern,
von Bank- und Industrieverdienern gläubig mitliefen
und aus der stabilen Krone ihre Begeisterung
schöpften. Von diesem Punkte ist auch das Regime
Seipel zu verstehen. Man kann sich denken, daß dem
für sich asketischen, in starker religiöser Einstellung
lebenden Dr. Seipel die Gesellschaft, in die er sich
begab, nicht behagte. Es mag einem geistig gesinnten
und von Idealen — wenn es auch die seiner Art sind
— erfüllten Manne schwer fallen, den Staat für die
entfesselten Begierden jener einzurichten, die es sich
in den letzten zwei Jahren in Österreich so gut hatten
sein lassen. Aber es war der andere Weg. Der eine
führte zur Sozialdemokratie, mit deren Kritik Herr
Seipel im Innersten so manches Mal übereingestimmt
haben mag, die ihm aber in den Dingen der Welt¬
anschauung, besonders der kulturellen, so gar nicht
paßte. Um die Sozialdemokratie von der Regierung
fernzuhalten, um sie zurückzudrängen, sie zu längerer
Ohnmacht zu zerkrümeln, ging der Kanzler das
Bündnis mit der Hochfinanz ein. Um dieses, wie ihm
dünkte, erhabenen Zieles willen duldete er, daß
immer neue Bankenkonzessionen erteilt wurden, und
die Ära der Skandale. Deshalb fand er keine Geste,
wie etwa gerade zu seiner Regierungszeit der Präsi¬
dent der Tschechoslowakischen Republik, dem einmal
der an einem Großen des Reiches anhaftende Spi¬
ritusgeruch doch zu sehr in die Nase stieg und der
es kräftig bewies. Herr Dr. Seipel hätte oft genug
Gelegenheit zu einem derartigen Zeichen der Mi߬
billigung gehabt, er hätte etwa einen der Beamten,
der erst auf der Regierungsseite saß und gleich dar¬
auf von der Gegenseite aus weiterverhandelte, fort¬
weisen können. Oder sonst einen seiner finanz¬
gewaltigen Getreuen, der es zu arg trieb. Er hat '"s
nicht getan und den Widerwillen, der ihm an die
Nerven greifen mußte, mannhaft unterdrückt. Es war
ein Opfer, wie ähnliche in der Heiligengeschichte ver¬
zeichnet sind. Die Herrschaft der katholischen Kirche
trotz Republik und erstarkender Sozialdemokratie
unberührt zu erhalten, das ist schon der Mühe wert,
mit Castiglioni und Bösel Gemeinsamkeiten zu haben
und zu dulden, daß man in Verwaltungsratssitzungen
von Wiener Bankdirektoren beglückwünscht wird.
Das ist ein Deutungsversuch, um Seipel zu erklären.
Es gibt natürlich auch noch einen anderen, den, daß
der konservative Mann aus allen Prinzipien seiner
Gläubigkeit die Überzeugung zieht, es müsse Herren
und Knechte und Arme und Reiche geben, und der
Knecht solle nicht aufbegehren gegen eine gott¬
gewollte Ordnung, in der die Bankdirektorsgattinnen
zum Genuß aller Erdengüter vorbestimmt sind. Und
daß Herr Dr. Seipel aus freien Stücken vor diese ver¬
faulende Ordnung den Zaun steckte, der sie in ihrer
finanziellen und ethischen Inflation vor jeder
Trockenlegung bewahrte, bis sie — und mit welchen
Gerüchen! — von selbst aufs Trockene geriet. Diese
zweite Deutung der Seipelschen Psyche ist freilich
nicht günstiger als die erste.
DIE LEHREN DES EISENBAHNERSTREIKS
Von Franz Lill
Die österreichischen Eisenbahner haben in einem fünf¬
tägigen Lohnkampf einen bedeutsamen Erfolg- errungen, der
vielleicht weniger in der materiellen Auswirkung der er¬
reichten Zugeständnisse zu suchen ist, als vielmehr darin,
daß die Kraft und Geschlossenheit der gewerkschaftlichen
Organisation gegen ein Prinzip der Unternehmung und der
Regierung gesiegt hat. Soweit die rein materielle Seite
dieses gewerkschaftlichen Lohnkampfes in Betracht kommt,
befanden sich die Organisation und ihre Vertrauensmänner
von vorneweg in einer eigenartigen Lage, die bei richtiger
Einschätzung der Zusammenhänge auch die Schwierig¬
keiten erkennen läßt, die bei den sachlichen Unter¬
handlungen überwunden werden mußten. Es ist heute all¬
gemein bekannt, daß die österreichischen Staatsbahnen, so¬
lange sie der staatlichen Hoheitsverwaltung angegliedert
waren, einen empfindlichen Passivposten im Staatsbudget
bildeten, der besonders nach dem Krieg zu einer gefahr¬
drohenden Größe angewachsen war, weil einerseits im
Krieg alle Wertsubstanzen aufgezehrt waren und weil
anderseits mit dem Zerfall des alten Staatengebildes der
ganze Eisenbahnkörper zu einem Rumpfgebilde ver¬
stümmelt worden war, der eine finanzielle Gesundung für
lange Zeit hinaus für vollkommen ausgeschlossen erscheinen
ließ und der, wenn die erforderlichen Zuschüsse vom
Staate geleistet werden sollten, jede Sanierungsmöglichkeit
des Gesamtstaates ernstlich in Frage gestellt hätte. Die
Eisenbahner befanden sich daher auch schon im Jahre 1922
in einer keineswegs beneidenswerten Lage, denn als da¬
mals die amtliche Indexberechnung im Monat Juni eine
Steigerung der Lebenskosten um 71 Prozent ergab, be-
        

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