Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1926 Heft 01 (01)

ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
IV. JAHRGANG 1. JANNER 1926 HEFT 1
AMSTERDAM UND MOSKAU
Von Anton Hueber
(Aus einem Gespräch)
Der Streit zwischen Amsterdam und Moskau be¬
schäftigt den Internationalen Qewerkschaftsbund seit
längerer Zeit. Die Kommunisten in Rußland haben be¬
kanntlich dem Internationalen Gewerkschaftsbund in
Moskau eine eigene Internationale gegenübergestellt.
In einem Kampfe, der besonders von Moskau aus
nicht immer die schönsten Formen angenommen
hatte, stehen sich beide Internationalen seit mehreren
Jahren gegenüber. Vermittlungsvorschläge, um zu einer
Einigung zu gelangen, scheiterten bisher. Der letzte
Internationale Gewerkschaftskongreß vom Juni 1924
in Wien befaßte sich gleichfalls mit der Frage, ob
eine Einigung zwischen den beiden Streitteilen mög¬
lich sei. Eine vom Kongreß beschlossene Resolu¬
tion beauftragte die Leitung des Amsterdamer Bun¬
des, die Bemühungen fortzusetzen, um die Verbin¬
dung mit den russischen Gewerkschaften auf Grund
der Bestimmungen und der Statuten des Internatio¬
nalen Gewerkschaftsbundes für die Gesamtbewegung
herbeizuführen.
Eine zu Anfang Februar 1925 abgehaltene Vor¬
standssitzung des Internationalen Gewerkschaftsbun¬
des in Amsterdam hatte abermals Gelegenheit, sich
mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen und einen
längeren Briefwechsel zwischen Amsterdam und
Moskau zur Kenntnis zu nehmen. Der Vorstand er¬
klärte sich damals bereit, den Russen Aufnahme zu
gewähren, wenn diese den Wunsch äußern würden,
dem Gewerkschaftsbund beizutreten. Solch ein aus¬
drücklicher Wunsch ist nicht erhoben worden. Der
Öund in Amsterdam hatte aber kürzlich Veranlassung,
noch einmal zu dieser Angelegenheit Stellung zu neh¬
men, weil inzwischen von einigen englischen Gewerk¬
schaftsführern in der Erwartung, es werde dadurch
die Einigung beschleunigt werden, mit den Russen
aus eigenem Antrieb und ohne Auftrag engere Ver¬
bindungen angeknüpft worden waren, die allerdings
auch noch zu keinem Ergebnis geführt haben.
Anfangs des vorigen Monats beschäftigte sich da¬
her der Vorstand des Internationalen Gewerkschafts¬
bundes in Amsterdam neuerlich mit der Anschlu߬
frage der Russen. Es war eine große und umfassende
Aussprache, die da gepflogen wurde. Der Vertreter
Österreichs im Vorstand des Internationalen Gewerk¬
schaftsbundes, Genosse Anton Hueber, konnte in
Amsterdam in längeren Ausführungen und mit großer
Gründlichkeit das ernste, auf politischer Grund¬
lage aufgebaute Problem erörtern und um so leichter
seine Meinung sagen, als in Österreich die
Kommunisten im Gegensatz zu Frankreich oder
der Tschechoslowakei keine Rolle spielen. Die öster¬
reichische Arbeiterschaft weiß zwischen Dummheit
und Ernst zu unterscheiden. Der Vertreter Öster¬
reichs vermochte darauf zu verweisen, daß es sich
in diesem Falle um vorwiegend politische Aus¬
einandersetzungen zwischen den Kommunisten und
den Sozialisten handle. Die Russen müßten erkennen
lernen, daß sie die Hilfe der Sozialisten Europas
brauchen. Die Entwicklung der Verhältnisse zeige
immer mehr, daß die heutige politische Methode in
Rußland nicht aufrechterhalten werden könne. Es
könne so weit kommen, daß die Sozialisten Europas
gezwungen sein würden, die Demokratie auch für
Rußland zu retten. Darin liege das Problem.
Hueber konnte mit Recht feststellen, daß man den
Russen die Unterstützung nicht versagen wolle.
Ohne in deren Wirtschaftsführung dreinzusprechen,
müsse man aber die Russen aufmerksam machen,
welche Fehler von ihnen begangen worden seien. Die
Russen müßten diese Fehler erkennen und vor allem
einsehen, daß aus der Weltrevolution nichts gewor¬
den sei und ein Untergraben der Stellung der Sozia¬
listen in Europa die Gesamtbewegung nicht vorwärts
bringe. Als Beweis dafür, wie die Kommunisten ge¬
rade die Sozialisten brauchen, verwies Hueber auf
den Fall Rakosi. In diesem Falle habe die Rote Inter¬
nationale an die Zentralstelle der österreichischen Ge¬
werkschaftsbewegung ein Telegramm gesendet und
um Hilfe gebeten, obwohl diese mit politischen An¬
gelegenheiten nichts zu tun habe. Die Presse der So¬
zialisten in Österreich und in anderen Ländern habe
sich in den Dienst der Sache gestellt und ihre Pflicht
getan. Die Stellungnahme gegen Horthy sei gewiß
nötig. Man müsse aber die Russen dennoch der
Leichtfertigkeit zeihen, weil sie ihre besten Kämpfer
selbst ans Messer liefern, wie dies der genannte Fall
in Ungarn beweist. Es sei ein wahnsinniges und
zweckloses Opfern mutiger Kämpfer, die in ihrem
Idealismus für den Kommunismus sich nach Ungarn
senden ließen und dem Häscher in die Hände fallen
mußten. Daher konnte Hueber mit gutem Recht von
einer leichtfertigen Aufopferung guter Kämpfer reden.
In Moskau werde also schlechte Politik gemacht,
        

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