Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1926 Heft 12 (12)

495 ARBEIT UND WIRTSCHAFT 496
gestellte nur zu Exposituren der Handelskammern
und der Finanzierungskanzleien der Gelbsucht ge¬
macht werden. Die Arbeiter und Angestellten wer¬
den dafür sorgen, daß die Kammern Körperschaften
bleiben und werden, welche die manuelle und geistige
Arbeit schützen und stützen, daß sie Körperschaften
bleiben und werden, welche den gesellschaftlichen
und wirtschaftlichen Aufstieg der arbeitenden Klas¬
sen organisieren, vorbereiten, verwirklichen helfen.
Arbeiter und Angestellte werden nicht vergessen,
wie zahlreich, wie wertvoll die Leistungen der Kam¬
mern schon in ihrer ersten Funktionsdauer waren,
also zu einer Zeit, da die Kammern sich die Funda¬
mente ihres Wirkens schaffen mußten, da sie erst so¬
zusagen die Methoden der Arbeit suchen, ihr Arbeits¬
gebiet abstecken mußten. Und schon in der Zeit sind
sie nicht bloß von Freunden geachtet und beachtet,
sondern von den Gegnern geschätzt worden. Es gibt
kein noch unbekanntes Teilgebiet proletarischen
Lebens und Strebens, das von der Praxis der Kam¬
mern unbeachtet und unbearbeitet geblieben wäre.
So haben sich die Kammern durch ihr Wirken ein¬
gefügt in das proletarische Organisationsgetriebe; so
wurden sie zu einer Bereicherung der schöpferischen
Fähigkeiten und Möglichkeiten der Arbeit. So wollen
wir sie erhalten wissen, in dieser Richtung sie weiter
ausgestalten.
Entrollet, Freunde, die Fahnen des proletarischen
Trotzes! Lasset euch nicht beirren. Proletarisches
Gut gilt es zu verteidigen; ausbauen müssen, was
wir besitzen. Es ist die zweite Kammerwahl; sorget
dafür, daß den Kapitalisten und ihren Helfern end¬
gültig die Lust vergehe, euch die Kammern schwä¬
chen zu wollen. Bewähret euch auch diesmal als ver¬
läßliche Kämpfer der proletarischen Sache. Kämpfet,
sieget, Freunde. Der Wahlsieg im Kampfe um die
zweite Kammer wird eine eindringliche Mahnung an
den Kapitalismus sein, wird eine Stärkung unser aller
sein. Stolz wehe uns unser Banner voran, es führe
uns zum Siege, zum Wohle der österreichischen Ar¬
beiterschaft! Es lebe der Sieg der freigewerkschaft¬
lichen Listen!
DIE WIRTSCHAFTLICHE NOTWENDIGKEIT
DES ANSCHLUSSES AN DEUTSCHLAND*)
Von Edmund Palla
Während die ganze Welt noch immer unter den Nach¬
wirkungen des furchtbaren Weltkrieges erzittert, während
sich im nähefen und weiteren Umkreise unseres Staates
noch fortwährend welthistorische Ereignisse abspielen, die
ein ständig wechselndes Bild der Mächtegruppierung und
des internationalen Einflusses der einzelnen Staaten er¬
geben, zeigt die Außenpolitik Österreichs ein geradezu
beschauliches Dasein. Unser Bundeskanzleramt begnügt
sich damit, gelegentlich im Parlament oder bei diploma¬
tischen Empfängen das mehr oder weniger gute Einver¬
nehmen mit den übrigen europäischen Staaten zu konsta¬
tieren, wir reagieren ängstlich oder gar nicht auf verschie¬
dene Kraftäußerungen anderer Staaten, wir haben aber
jede Richtlinie und Initiative verloren und es erweckt bei¬
nahe den Anschein, als ob wir außenpolitisch mit unserer
Situation zufrieden wären und uns gar nichts anderes
wünschen als die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen
Zustandes. Wir haben uns damit abgefunden, die Rezepte,
die der selbst in seinen Grundfesten erschütterte Völker¬
bund braut, als unabwendbar hinzunehmen, obwohl diese
Rezepte bisher noch keine Besserung, geschweige denn
eine Heilung unseres Zustandes herbeigeführt haben.
Unsere Regierung geht immer wieder von der naiven
Auffassung aus, daß das Ausland, selbst unter Hintan¬
setzung eigener Interessen, keine andere Sorge hat, als
unserer Wirtschaft zu helfen. Das ist eine völlig irrige
Vorstellung. Jeder Staat ist bestrebt, ausschließlich sein
Interesse wahrzunehmen und durchzusetzen, das von den
harten Gesetzen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
diktiert wird und keinen Spielraum läßt für sentimentale
Regungen und Erwägungen.
Für unsere Volkswirtschaft ist eine aktive Außen¬
politik zur Lebensfrage geworden. Wohl alle Be¬
rufsstände sind allmählich zu der Überzeugung gelangt,
daß Österreich in der ihm durch den Friedensvertrag auf¬
gezwungenen Form auf die Dauer nicht lebensfähig ist.
Wir haben zu wenig Rohstoffe, wir haben zu viele Men¬
schen im Verhältnis zu den vorhandenen Existenzmöglich¬
keiten, wir haben keinen Absatz für unsere Produktion.
Diese Verhältnisse können sich nicht durchgreifend bessern,
es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange wir uns über
Wasser halten, bis sich eine grundlegende Änderung mit
oder gegen unseren Willen vollzieht.
Wenn wir einmal von dieser Erkenntnis durchdrungen
sind, dann haben wir wohl keine andere Aufgabe, als nüch¬
tern und objektiv die Möglichkeiten zu prüfen, die uns
offenstehen.
Den breitesten Spielraum für unsere Phantasie bietet
die p a n e u r o p ä i s c h e Bewegung, die ganz Europa,
mit Ausnahme von England und Rußland, zu einem ein-
*) Nach einem Vortrag auf der Wiener Universität am
28. Mai d. J. im Verbände der sozialistischen Studenten.
heitlichen Wirtschaftsgebiet unter möglichster Aufrecht-
erhaltung der staatlichen Selbständigkeiten zusammen¬
schweißen will. Es ist dies ein kühner Gedanke, der unter
dem Drucke wirtschaftlicher Tatsachen vielleicht einmal
in dieser oder jener Form Aussicht auf Verwirklichung
haben könnte. Gegenwärtig aber fehlen alle Voraus¬
setzungen für einen derartigen Zusammenschluß. Die ein¬
zelnen Staaten interessieren sich akademisch für die
Sache, durchweg aber nicht mit ernsten Absichten, son¬
dern mehr von der Befürchtung getrieben, daß die Idee
verwirklicht werden könnte. Die Absperrung der einzelnen
Staaten durch hohe Zollmaucrn, die Beschränkung der
Freizügigkeit, die Errichtung und forcierte Förderung
autarker Industrien zeigt uns, daß wir von der Möglichkeit
weitergehender wirtschaftlicher Vereinbarungen noch weit
entfernt sind.
Anderseits ist aber zweifellos auf dem Boden der
großen Außenpolitik Europas und der ganzen Welt
eine gewisse Entspannung zu konstatieren, die vor¬
wiegend von wirtschaftlichen Tatsachen diktiert wird.
Amerika fürchtet für seinen europäischen Markt und bangt
um die Zahlungen der Schuldner, in Rußland scheinen sich
die wirtschaftlichen Verhältnisse langsam zu konsolidieren
und führen zu einem rücksichtslosen Wettlauf der Industrie¬
staaten um Aufträge für große Lieferungen, zwischen
Deutschland und Frankreich dürfte es unter dem Einfluß
der Schwerindustrie zu weitergehenden wirtschaftlichen
Vereinbarungen kommen, deren politische Tragweite noch
nicht abzuschätzen ist: nur im Bereich der mitteleuro¬
päischen Kleinstaaten, also vor allem in unserer nächsten
Umgebung, machen sich noch keine Anzeichen einer wirt¬
schaftlichen Verständigung bemerkbar. Wie immer aber
der paneuropäische Gedanke sich weiterentwickelt, die
Zusammenschweißung größerer Wirtschaftsgebiete liegt ja
auf seiner Linie, es kann also nicht etwa die Auffassung
vertreten werden, daß die Anschlußbewegung im Gegen¬
satz zur paneuropäischen Bewegung steht.
Die zweite Möglichkeit liegt darin, daß sich alle oder
einzelne Staaten der ehemaligen Monarchie zu einem mehr
oder weniger festen Wirtschaftsverband zusammen¬
schließen, der durch den Ausdruck Donauföderation
gekennzeichnet ist. Die Erfahrungen, die wir seit dem Zu¬
sammenbruch gesammelt haben, zeigen uns wohl mit aller
wünschenswerten Deutlichkeit, daß auch dieser Weg nicht
gangbar ist. Wenn ein derartiger Plan zustande käme, so
würde er nicht von unseren Bedürfnissen, sondern von den
Bedürfnissen robuster und rücksichtsloser Nachbarstaaten
diktiert werden und Österreich hätte als wirtschaftlich
schwächstes Glied sicher keinen Vorteil zu erwarten. Die
wirtschaftliche Einstellung der Nachbarstaaten, ihr staat¬
licher und nationaler Egoismus, die Verschiedenheit ihrer
außenpolitischen Machtstellung und des militärischen
        

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