Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1926 Heft 18 (18)

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Wir wollen darum eine
Werbeaktion für die freien Gewerkschaften
veranstalten, die ganz im Dienste des internationalen Gewerkscliaftsgedankens stehen soll. Das Jubi¬
läum der Internationale soll der Anlaß sein, während des kommenden Monats in stiller, aber reg¬
samer Agitation in allen Berufen und Industrien, in allen Fabriken, Werkstätten, Kanzleien, Ver-
kaufsläden, unter den Berufskollegen und den Mitbewohnern im Hause, unter den Freunden in
Stunden der Geselligkeit, bei Sport und Unterhaltung und wo immer sonst, neue Streiter zu
werben. So soll in Osterreich das Jubiläum der Internationale praktisch begangen werden.
Arbeiter und Angestellte, rüstet zur gewerkschaftlichen Werbeaktion.
Die Gewerkschaftskomniission,
DIE ARBEITSKONFERENZEN IN GENF
Von Karl Weigl
Vom 26. Mai bis 24. Juni 1. J. tagten in Genf die
achte und neunte Internationale Arbeits¬
konferenz des Völkerbundes. Beide Konferenzen be¬
faßten sich der Tagesordnung gemäß mit Fragen der See¬
schiffahrt. Wenn sie trotzdem auf Allgemeininteresse An¬
spruch erheben dürfen, so deswegen, weil ihr Verlauf so
recht zum Bewußtsein bringt, wie weit die Welt noch
davon entfernt ist, der arbeitenden Menschheit Gerechtig¬
keit widerfahren zu lassen. Es wird die nun schon zur
Binsenwahrheit gewordene Tatsache neuerdings be¬
stätigt, daß dem Arbeiter, welchen Berufes er immer sei,
wo immer und in welcher Lebenslage immer er sich be¬
finde, nur so viel gegeben wird, als er sich im Kampf
erobert; mehr nicht.
Der achten Tagung der Internationalen Arbeits¬
konferenz war eigentlich nur eine Frage gestellt: „Die
Vereinfachung der Aufsicht über die Aus¬
wanderer an Bord der Schiffe." Eine kuriose
Tagesordnung. Kurios deshalb, weil es sich in Wirklichkeit
nicht um eine „Aufsicht über die Auswanderer...",
sondern um das Gegenteil, um eine Aufsicht über die
Reeder, die den Auswanderertransport besorgen, und ihrer
Kapitäne handelt. Man kann nur vermuten, daß der irre¬
führende Titel gewählt wurde, um die Reeder nicht zu
verletzen und damit um Himmels willen nicht das Prestige
der Regierungen der schiffahrttreibenden Länder am Ende
eine Beule erhält.
Nach dem Kriege haben es verschiedene Länder, die
ein starkes Kontingent von Uberseeauswanderern stellen,
für nötig befunden, zum Schutze ihrer auswandernden
Landsleute sogenannte Aufsichtsbeamte an Bord der Aus¬
wandererschiffe zu schicken, damit diese dort das Inter¬
esse der ihrer Obhut anvertrauten Menschen bei jeder
Gelegenheit wahren. Es soll sich auch ereignet haben, daß
auf Schiffen, die Auswanderer verschiedener Nationen an
Bord hatten, mehrere solcher Aufsichtsbeamten er¬
schienen sind. Diese mußten auf Grund von Abkommen
mit den Reedern auf deren Kosten befördert und ver¬
pflegt werden. Die Reeder behaupten nun, es seien
Zwistigkeiten mit diesen Beamten unvermeidlich, weil
jeder etwas anderes wolle und öfter versucht werde, in
die Rechte des Kapitäns einzugreifen. Das paßt den Schiff¬
fahrtsunternehmungen und, wie es scheint, auch den Regie¬
rungen verschiedener schiffahrttreibender Länder nicht. So
hat die Internationale Ein- und Auswanderungskonferenz
zu Rom im Jahre 1924 den Antrag gestellt, die Beauf¬
sichtigung der Auswanderer an Bord zu vereinfachen.
Es hatte sich das Internationale Arbeitsamt mit der Frage
befaßt und so gelangte diese auf die Tagesordnung der
Konferenz. Eines soll gleich bemerkt werden. Das
Arbeitsamt hat die Gelegenheit redlich benützt, um
den zur Übung gewordenen, aber nirgends gesetzlich ver¬
ankerten Teil eines Auswandererschutzes — Beistellung
eines Aufsichtsbeamten -— zu kodifizieren, um auf dem
Wege der „Vereinfachung der Aufsicht" zu einer
Festlegung der Aufsicht überhaupt zu kommen. Bei
dem Werdegang, den ein solcher Vorschlag des Arbeits¬
amtes nimmt — es müssen den Regierungen der dem
Völkerbund angeschlossenen Länder umfangreiche Frage¬
bogen zugesendet werden und auf Grund der einlangen¬
den Antworten muß das Amt seinen Vorschlag an die
Konferenz ausarbeiten — kann es natürlich nur ein sehr
zahmer Versuch, „etwas" zu machen, sein. Hält man sich
noch das Stimmenverhältnis auf der Arbeitskonferenz vor
Augen, das so aussieht, daß jede Delegation (Land) vier
Stimmen hat, wovon zwei die Regierungsvertreter und
je eine der Arbeitgeber- beziehungsweise Arbeiter¬
vertreter hat, so begreift man erst recht, daß die Bäume
nicht in den Himmel wachsen. Denn bei dieser Stimmen¬
verteilung entscheiden immer in Wirklichkeit die Re¬
gierungsvertreter.
Trotzdem also, wie angeführt, Vorschläge des Amtes
fiir eine Konvention immer nur ein Minimum darstellen
können, wendeten sich die Unternehmer dennoch mit
aller Schärfe und allen Faxen des Parlamentarismus
gegen die Vorschläge des Amtes. Zunächst versuchten sie
es, die Internationale Arbeitskonferenz als unzuständig
zur Beratung dieser Frage zu erklären und legten eine
diesbezügliche Entschließung vor. Ulkig war mitunter die
Begründung. So erklärte der Sprecher der Reeder allen
Ernstes, der Auswanderer sei vom Standpunkt des
Reeders keinesfalls ein Arbeiter, sondern der Arbeitgeber
des Reeders, weil dieser ihn in seinem Auftrage befördere.
Diesen Standpunkt konnte sich die Konferenz nicht zu
eigen machen und lehnte die beantragte Entschließung
ab. Es kam schließlich aus den tagelangen Ausschu߬
beratungen ein Entwurf zu einem Ubereinkommen heraus,
dessen Inhalt im wesentlichen folgender ist: Die Auf¬
sicht auf einem Auswandererschiff wird nur durch eine
einzige Regierung ausgeführt. Diese einzige Regierung
ist in aller Regel die des Flaggenlandes, das heißt
desjenigen Landes, zu dem das Auswandererschiff ge¬
hört. Das hindert aber nicht, daß ein Land, dem die Aus¬
wanderer angehören, auf seine Kosten einen Be¬
obachter an Bord gibt. Dieser darf aber in die Agenden
des Aufsichtsbeamten nicht eingreifen. Es kann auch im
Wege eines Abkommens mit der Regierung des Flaggen¬
landes einer anderen Regierung die Bestellung des Auf¬
sichtsbeamten übertragen werden. Der Aufsichtsbeamte
darf in keiner Beziehung zu dem Reeder stehen: er darf
aber auch nicht in die Gewalt des Kapitäns eingreifen.
Er muß nur überwachen, und zwar die Einhaltung der
Gesetze des Flaggenlandes und andere anwendbare
Gesetze, ebenso die aus den Transportverträgen den
Auswanderern zustehenden Rechte. Binnen einer Woche
nach Ankunft in dem Bestimmungshafen muß er seiner
Regierung Bericht erstatten.
Im Zuge der Ausschußberatungen gelang es auch, zwei
Bestimmungen in den Entwurf zu bringen, die der Kon¬
ferenz noch große Verlegenheit bereiten sollten. Die eine
verlangt, daß, wenn mindestens 50 Auswanderer an
Bord sind, welche die Landessprache der Nation des
Schiffes nicht sprechen, ein Dolmetsch an Bord sein muß.
Die zweite Bestimmung verlangt, daß bei Anwesenheit
von mindestens 15 Frauen und Mädchen ohne verant¬
wortliche Begleitung an Bord, eine entsprechend quali¬
fizierte Frau zum Schulze dieser Frauen und Mädchen
an Bord genommen werden muß.
Während der erste Teil (sieben Artikel) als Entwurf zu
einer Konvention von der Konferenz angenommen wurde,
beantragte man die beiden Artikel — Dolmetsch und
Frauenschutz — nicht als Konvention, sondern nur als
Rekommandation zu beschließen. Der Antrag blieb mit
wenigen Stimmen in der Minderheit. Nun lehnte die
Konferenz den Artikel 8 (Dolmetsch) überhaupt ab, nahm
aber den Artikel 9 (Frauenschutz) wieder an. Jetzt war
        

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