ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
IV. JAHRGANG 1. NOVEMBER 1926 HEFT 21
DER PARTEITAG
Von J. Hannak
In einem Zeitpunkt der Entfachung der heftigsten
Leidenschaften des Klassenkampfes tritt der heurige
Parteitag in Linz zusammen. Die Gegens�tze der ge�
sellschaftlichen Kr�ftegruppierung haben in �ster�
reich einen H�hepunkt erreicht. Sowohl im gegneri�
schen Lager als auch in unserem sind alle Splitter�
bewegungen � h�ben die der Kommunisten, dr�ben
die der Gro�deutschen � fast restlos aufgesaugt und
zwei Einheitsfronten stehen sich in Schlachtordnung
gegen�ber, um den letzten, entscheidenden Kampf
um die Macht zu beginnen. Die Gr��e der ge�
schichtlichen Aufgabe, die uns wie jenen gestellt ist,
l��t das Blut hei�er pulsieren, versch�rft die Span�
nungen und rei�t das Pathos des gewaltigen sozialen
Dramas, das sich da vor unseren Augen abspielt,
auch in die Niederungen des Alltags hinab. Die ent�
larvte materielle und moralische Korruption unseres
Klassengegners wehrt sich mit den verzweifelten
Mitteln einer unerh�rten Verjauchung des Klassen�
kampfes, wehrt sich mit Kampfmethoden, die sogar
Leichensch�ndung und Verunglimpfung der Frauen�
ehre nicht scheuen.
Diesem Toben untermenschlicher Niedrigkeiten
setzt unsere Partei die ruhige und kraftvolle Ent�
schlossenheit einer Kampff�hrung entgegen, die
nicht Tod noch Teufel, nicht den Schmutz, noch die
Verleumdung des Gegners scheut, sondern mit stahl�
harten Nerven auf ihr Ziel lossteuert: die Entwurze�
lung der kapitalistischen M�chte im politischen Be�
wu�tsein der Volksmassen. Was wir wollen, ist ge�
radezu grunds�tzlich unterschieden von bolschewisti�
schen Kampfformen. Wollen die Bolschewisten mit
voller Absicht nichts anderes als eine kleine Auslese
von gedrillten Parteisoldaten, eine kommunistische
Kadettenschule, die die breiten Massen einfach in den
Idealzustand des Sozialismus hineintreiben soll, so
wollen wir die breiten Massen selbst mit dem Be�
wu�tsein ihrer Klassenlage und ihres Klassenideals
erf�llen, wollen wir nicht nur f�r die Massen siegen,
sondern auch durch sie. Der Weg dahin ist vielleicht
m�hseliger und anstrengender, aber daf�r um so
sicherer und zuverl�ssiger, weil dieser Weg schlie߬
lich einer ist, den die Massen vorher selbst gewollt
haben m�ssen, der zur Voraussetzung hat, da� ihn
nicht nur die Massen gehen, sondern auch die
Massenseele.
Um diese Massenseele aber wirbt unser neues
Parteiprogramm, das zu beschlie�en die histo�
rische Sendung des Linzer Parteitages sein wird.
Der Entwurf des Parteiprogramms ist in den letzten
Monaten in Schrift und Wort, in Versammlungen und
Zeitschriften, Vortr�gen und Diskussionen, in der
Stadt und auf dem Lande, in privater und �ffentlicher
Aussprache so gr�ndlich er�rtert worden, da� kaum
noch eine Materie �brigbleibt, zu der noch grund�
legend Neues zu sagen w�re. Was uns als Gewerk�
schafter vor allem interessiert, sind die Teile des
Programmentwurfes, die sich mit den aktuellen
Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik befassen.
Noch wichtiger aber erscheint uns jene im Kapitel
�ber den ��bergang der kapitalistischen zur sozia�
listischen Gesellschaftsordnung" angeschnittene Frage
des Verh�ltnisses von in Gemeinwesen oder gemein�
wirtschaftlichen Anstalten besch�ftigten Arbeitern
und Angestellten zu ihren Arbeitgebern. Sch�pfen
jene Partien des Entwurfes, die die sozialpolitischen
und gewerkschaftlichen Aufgaben im privat�
kapitalistischen Betrieb behandeln, aus der
reichen geschichtlichen Erfahrung der Gewerk�
schaften und k�nnen demgem�� dazu nicht viel
Neues sagen, so betreten wir mit den arbeitsrecht�
lichen Verh�ltnissen im gemeinwirtschaft�
lichen Betrieb noch wenig erforschtes Neuland;
und gerade hier wird das k�nftige Parteiprogramm
geeignet sein, auch uns Gewerkschaftern ein wert�
voller Wegweiser zu sein.
In einem Aufsatz, den Robert W i 1 b r a n d t vor
einiger Zeit in der �Neuen Rundschau" ver�ffentlicht
hat, will er unter den angeblichen Krisensymptomen
des Sozialismus als ein besonders bedenkliches, ge�
radezu als einen �wundesten Punkt" das Verh�ltnis
der Gemeinwirtschaften, im besonderen der Kon�
sumvereine, zum �Personal" entdeckt haben. Wil-
brandt sagt: �Es gibt da eine Arbeiterfrage im
Sozialismus. Die Angestellten und Arbeiter dieser
Genossenschaften pflegen innerlich mit ihnen nicht
verbunden zu sein; so wenig wie �u�erlich. Sie
bleiben seelisch wie rechtlich Proletariat, wenn auch
gutgestelltes, von Arbeitslosigkeit wenig bedrohtes,
mit mehr oder weniger verbesserten Arbeitsbedin�
gungen hinsichtlich Lohn, Arbeitszeit usw." Aller�
dings f�gt Wilbrandt gleich einen Fall hinzu, in
welchem diese Krise �berwunden worden ist, n�m�
lich bei unseren belgischen Genossen, �wo die
Konsumvereine im Dienste der Sozialdemokratie
stehen, f�r den Klassenkampf des Proletariats ihre
Ubersch�sse opfern und so der Arbeiterbewe�
gung eingegliedert sind; so sehr das die
        

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