Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1927 Heft 04 (04)

ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
V. JAHRGANG 15. FEBRUAR 1927 HEFT 4
„NEUTRALE" UND ANDERE GEGNER
Von J.
Wenn Druckerschwärze töten könnte, müßte die
ganze österreichische Arbeiterbewegung in den letz¬
ten Tagen in dem Lavastrom wutschäumender papie¬
rener Angriffe unserer Gegner jämmerlich erstickt
sein. Aus allen Schlünden des Klassenhasses, aus
allen Kloaken der Niedertracht, vom Börsenkontor
und von der Kanzel, von Christ und Jud, vom
Schwarzenbergplatz und von der Universität ist ein
Generalangriff auf alle Rechte und Machtpositionen
der Arbeiter und Angestellten Österreichs eröffnet
worden, mit solcher Heftigkeit und solcher Inbrunst,
wie es selbst in diesem an leidenschaftlichen politi¬
schen Kämpfen nicht armen Österreich noch nicht da
war. Obstruktion in der Gemeinde, Wutgeheul gegen
die Breitner-Steuern, Handelskammerattentate gegen
die Sozialpolitik, verschmitzte Richtlinien gegen die
Schule, antimarxistische Einheitsfront der Presse aller
Konfessionen, Verleumderbroschüren undSchmutz-und
Hetzblätter, Nörgeleien sogenannter „Objektiver" und
„Neutraler", und zuletzt endlich in dieser gift¬
geschwängerten Atmosphäre jene verbrecherischen
Schüsse von Schattendorf, denen zwei unschuldige
Menschenleben zum Opfer gefallen sind, es ist eine
Sinfonie, oder vielmehr Kakophonie, ein Mißgetöne
von solcher Intensität, daß es auch die Hölle drunten
freuen mag.
Die Schlachtordnung gegen uns ist geschlossen,
die Rollenverteilung vorgenommen und jeder einzelne
Posten des Orchesters, das uns eins aufspielen soll,
mit sorgfältiger Überlegung besetzt. Zum Kunschak,
der in der Gemeinde eine Öbstruktion zu machen hat,
die an sich kindisch, geistlos und hoffnungslos ist, tritt
der Aufzug der als Gewerbetreibende verkappten
Hausherren, die gegen die Luxuskonsumsteuern und
Lustbarkeitsabgabe demonstrieren, weil ihnen das ein
besserer Köder dünkt als ihr Gebrüll gegen den
Mieterschutz. Doch noch immer wäre auch das nur
eine lächerliche Maskerade frecher Spießer, wenn
nicht hinter ihnen in ganzer Majestät der Wiener
Industriellenverband und die Handelskammer auf¬
tauchte. um im Namen der „Produktion" ein Kriegs¬
manifest „gegen die jetzige Wiener Rathausmajorität"
zu erlassen. Erst wenn sie diesen Krieg gewinnen,
können sie hoffen, ihre weiteren Pläne zu verwirk¬
lichen, die Front der Arbeiterklasse vollends aufzu¬
rollen und uns Achtstundentag und Angestellten¬
schutz zu rauben, wieder „Herr" zu sein im Hause.
Noch enthüllen sie nicht ihr letztes Wähnen, noch
verschmieren sie ihre wahren Absichten mit dem
Salböl, das täglich aus der Nase der Kleopatra des
Hannak
jungen Benedikt fließt, öder mit den frommen Sonn¬
tagsergüssen, die in so reicher Mannigfaltigkeit der
Phantasie des frisch g'fangten Katholiken der „Reichs¬
post", Streeruwitz, entquellen. Denn noch rech¬
nen sie mit Hilfstruppen aus dem Lager jener, die sie
vernichten wollen, noch rechnen sie mit der Möglich¬
keit, daß die allerdümmsten Kälber sich wählen ihre
Metzger selber. Aber weil sie damit rechnen, ist
ihnen kein Mittel zu schlecht und zu niedrig genug,
um es nicht rücksichtslos und skrupellos gegen uns
zu verwenden. Der Kunschak ohne den Pistor hätte
es schwer, und beide zusammen kämen ohne den
Hauser und Trebitsch und die anderen Industrie- und
Bankjuden auch nicht viel weiter. Wie sie alle hin¬
wiederum nicht wirken könnten ohne die Sonne Be¬
nedikts und Siegharts, so gibt ihnen insgesamt erst
der Kaff und Steiner und Alexander Weiß die höhere
Weihe, über der dann, das vollendete Werk der Ein¬
heit segnend, die Lichtalbengestalt des Dr. S e i p e 1
aufstrahlt.
Jedoch, wenn auch neuestens — aus Ranküne dar¬
über, daß man sein Ästhetentum nicht genug ernst
nimmt — ein Mann, dem man eine größere Wider¬
standskraft seines guten Geschmacks gegen seine
Eitelkeit zugetraut hätte, einem jener Patrone, die
jetzt für Seipel arbeiten, das schmückende Beiwort
eines „alten Sozialisten" verliehen hat, so geben sich
unsere Gegner doch keiner Täuschung darüber hin.
daß solche „alte Sozialisten" bei den Arbeitern ver¬
flucht wenig ausrichten werden und daß selbst der
Höllenlärm aller dieser Geschütze, alle die Feuer¬
zungen der bürgerlichen Presse, der abgefallenen,
gekauften und erpressenden Literaten ins Leere
schießen und ihren ganzen Aufwand verpuffen würden,
wenn nicht Positionen da wären, die man noch viel
näher an den Feind heranschieben kann, Positionen,
die wie eine Art seelische Mausefalle möglichst viele
proletarische Elemente anlocken und einfangen, das
heißt also, wenn schon nicht zu Gehilfen des Feindes,
so doch zu isolierten, aktionsunfähigen Gebilden
machen sollen. Eine solche Position stellt die so¬
genannte „neutrale" Presse dar.
Nichts klingt in einem von wilden Parteikämpfen
zerwühlten Gemeinwesen verlockender, als daß eine
Instanz da sei, die über den Dingen steht, die im
Meere der Leidenschaften eine Insel der Gerech¬
tigkeit bildet. Nun, so verlockend das klingt und
so sehr es der Sehnsucht des nach absoluten Werten
strebenden Menschen entspricht, jeder, der nur halb¬
wegs mit den Grunderfahrungen der Soziologie und
        

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