Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1928 Heft 01 (01)

ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER CND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
VI. JAHRGANG 1. JANNER 1928 HEFT 1
DIE STELLUNG DER ARBEITERKAMMERN IN
DER ARBEITERBEWEGUNG
Von Franz Domes
Die Errichtung der Arbeiterkammern wurde in
der an sozialpolitischen Errungenschaften reichen
Nachkriegszeit als Krönung der auf Erweiterung des
Mitbestimmungsrechtes der Arbeiterschaft gerich¬
teten Bestrebungen betrachtet. Doch man hatte
anläßlich der Beschlußfassung über das Gesetz
keinerlei konkrete Vorstellungen über das Wirken
dieser Institution, und über die Art ihrer Ein¬
gliederung in die Arbeiterbewegung.
Die einen dachten sich die Arbeiterkammern nur
als naturgemäßen Gegenpol der Handelskammern im
Verwaltungsorganismus, die anderen sahen sie als
ein Instrument der Selbstverwaltung der Arbeiter¬
schaft an, wieder andere als einen Ersatz für die
nach dem Umsturz errichteten, allmählich aber in
ihren Machtbefugnissen immer mehr eingeschränkten
Arbeiterräte, wieder andere betrachteten sie als
höchste Ausdrucksform der Wirtschaftsdemokratie,
als einen Überbau über die Betriebsräteverfassung,
die in mehr oder weniger engem Zusammenhang mit
'den Gewerkschaften, auf den Betrieben und Bran¬
chen aufgebaut, in einer Zentralorganisation zu¬
sammengefaßt werden sollte.
Ohne irgendein Vorbild und ohne viele theore¬
tische Erwägungen machte sich die Arbeiterkammer
an die praktische Arbeit. Es galt zunächst die neue
Institution als dienendes Glied in die
gesamte Arbeiterbewegung einzu¬
fügen. Bestehende Einrichtungen und Kompetenzen
mußten geschont, womöglich gestärkt werden. Nach
dem Prinzip der Arbeitsteilung in unserer großen
und reichen Gesamtbewegung suchte sich die Ar¬
beiterkammer dort einen Platz zu sichern, wo hiezu
ein tatsächliches Bedürfnis vorlag. Andere, robu¬
stere, rücksichtslosere, vielleicht auch mehr populäre
Wege mußten im Interesse der Gesamtbewegung in
den Hintergrund treten.
Der Aufgabenkreis der Kammern ist nach dem
Gesetz so weit gezogen, daß praktisch jede Ma߬
nahme, die der „Vertretung der wirtschaftlichen
Interessen der Arbeiter und Angestellten" und der
„Förderung der auf die Hebung der wirtschaftlichen
und sozialen Lage der Arbeiter und Angestellten ab¬
zielenden Bestrebungen" dienen kann, in den Wir¬
kungskreis der Kammer einbezogen wird.
Welchen Gebrauch haben die Arbeiterkammern
von diesen Befugnissen gemacht? Die Beantwortung
dieser Frage ist vor allem deshalb zeitgemäß, weil
wir in der letzten Zeit verschiedenen publizistischen
Darlegungen begegnet sind, die sich mit der von
den Kammern geleisteten Arbeit, aber auch mit den
Möglichkeiten beschäftigten, die den Arbeiterkammern
offenstehen. Wir erleben jetzt die Diskussion der
Frage nach einer Befriedung des Wirtschaftslebens
neben der nicht minder wichtigen und aktuellen Dis¬
kussion der Frage der Umgestaltung des Aufbaues
unseres Wirtschaftslebens. In jedem Falle also sieht
man die kapitalistisch-bürgerliche und die prole¬
tarische Welt am Werke und fragt sich, nicht ohne
Berechtigung, welche Rolle die Arbeiterkammern
hiebei zu spielen haben.
Ohne sich viel um theoretische Spitzfindigkeiten
zu kümmern, haben sich die Kammern von allem
Anfang an bewußt in die Tätigkeit der Ge¬
werkschaften eingegliedert und haben
ihre Aufgabe vor allem darin erblickt, den Gewerk¬
schaften Arbeiten abzunehmen, die diese nach ihrer
ganzen Organisation nur schwer zu leisten imstande
wären. Sie sind heute in vieler Beziehung eine
Zentralstelle der Gewerkschaften für Arbeiten ge¬
setzgeberischen und auch wissenschaftlichen Inhalts
geworden. Man darf hier den Begriff der Wissen¬
schaft nicht zu weit fassen. Es handelt sich um keine
Stubengelehrsamkeit, die in der Arbeiterkammer
fabriziert wird, sondern es handelt sich um das
praktische Wissen, welches das unentbehrliche
Rüstzeug der Arbeiterschaft in ihrem Klassenkampf
geworden ist. Die großen Arbeiten der Kammern
auf allen Gebieten der Sozial-, Wirtschafts- und
Finanzpolitik, die Sammlung wertvollen statistischen
Materials, der Aufbau einer Bibliothek, die auf dem
Gebiet der Sozialwissenschaften zu den ersten In¬
stituten der Welt zählt, ist gewiß eine Leistung, auf
die die Arbeiterkammern stolz sein dürfen.
Aber darüber hinaus haben die Kammern Auf¬
gaben übernommen, welche, die Gewerkschaften
allein gar nicht hätten erfüllen können. Die prole¬
tarische Bewegung hat sich im Laufe der Jahr¬
zehnte für ihre Kämpfe und Bestrebungen als orga¬
nisatorische Instrumente die Partei, die Gewerk¬
schaften und die Genossenschaften geschaffen. So
geschlossen dieses Werk auf den ersten Blick aus¬
sieht, so findet man doch bei näherer Betrachtung,
daß das organisatorische Gefüge der Klasse der
        

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