Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1928 Heft 14 (14)

ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
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VI. JAHRGANG 15. JULI 1928 HEFT 14
DAS GUTACHTEN ÜBER DIE
ELEKTRIFIZIERUNG
Von Wilhelm Ellenbogen
Als seinerzeit der Verkehrsausschuß über Be¬
treiben des Finanzministers Dr. Kienböck den An¬
trag annahm, den der Abgeordnete Heini, mi߬
gelaunt über die Obstruktion, die sein Parteigenosse,
der Finanzminister, gegen die Elektrifizierung der
Bundesbahnen trieb, eingebracht hatte, es sei ein
neuerliches Gutachten von Sachverständigen
einzuholen, habe ich die Erfolglosigkeit dieses
Auskunftsmittels, die strittige Frage einer ge¬
deihlichen Lösung zuzuführen, vorausgesagt. Die
Prophezeiung ist sowohl in bezug auf die Tat¬
sache selbst als auch in bezug auf die Begründung,
die ich damals gab, wortwörtlich eingetroffen. Die
Sachverständigen waren beiderseits, wie das von
Fachleuten nicht anders zu erwarten ist, mit ihren
vorgefaßten Meinungen an die Beurteilung heran¬
getreten. Gewiß waren die Herren Elektrofachleute
eingesponnen in ihre Vorliebe für die Elektrifizierung,
ufid die Tatsache, daß sie zwischen den Ziffern
der Bundesbahnen und der Elektrofirmen die Mitte
gewählt haben, bestätigt das. Es ist aber auch
zweifellos, daß der Wärmefachmann Gerbe! von
der andern Seite her mit einer zugespitzt vor¬
gefaßten Meinung an die Frage herantrat, und es
ist geradezu auffällig, mit welcher Beflissenheit Herr
"Dr. R e i s c h, der besondere finanztechnische und
politische Vertrauensmann der Regierung Seipel,
Gegengründe gegen die Elektrifizierung förmlich bei
den Haaren herbeizuziehen suchte. So ist es denn kein
Wunder, daß das Gutachten wirklich keinerlei Lösung
erbringt. In den entscheidenden Fragen stehen die
beiden Standpunkte unversöhnt einander gegenüber
und an die Stelle der früheren ziffernmäßigen Dif¬
ferenzen zwischen den Berechnungen der Bundes¬
bahndirektion einerseits und denen der Elektrofirmen
und des Handelsministeriums anderseits, sind jetzt
andere ziffernmäßige Differenzen zwischen den zwei
Gruppen unter den Sachverständigen getreten. Der
Nationalrat, der nun sein Urteil fällen soll, wird, wie
ich es damals sagte, aus dem Gutachten nicht klüger
werden. Durch dieses Ergebnis des Gutachtens ist nun
eine Verlegenheit der Regierung entstanden, die sie
durch möglichst weite Hinausschiebung des Termines,
in dem der Verkehrsausschuß des Nationalrates eine
endgültige Entscheidung treffen soll, zu bemänteln
sucht. Diese Verlegenheit hat die Regierung nur der
rechthaberischen Veranlagung des Dr. Kienböck
zuzuschreiben. Die einzige Möglichkeit aus der
Sackgasse herauszukommen, war nicht ein neuer¬
liches Gutachten, also das so und sovielte in der
Reihe der schon bisher erstatteten, sondern der Ver¬
such, mit der Verwaltungskommission der Bundes¬
bahnen auf dem Wege der Verhandlungen zu einem
Kompromiß zu gelangen. Ich weiß, daß die Verwaltung
der Bundesbahnen hiezu bereit gewesen wäre. Diesen
Versuch hat Kienböck, der die Elektrifizierung um
jeden Preis hintertreiben will, durch sein Veto unmög¬
lich gemacht. Und nun stellt die Sache so, daß der
Präsident der Verwaltungskommission der Bundes¬
bahnen, der sons* sehr verdienstlich wirkende
Günther, sich durch kein positives Gutachten beein¬
flussen lassen will, der Verkehrsausschuß des Natio¬
nalrates aber einmütig für die Fortsetzung der Elektri¬
fizierung ist. Jetzt ist daher eine Möglichkeit, den
Karren aus dem Kot zu ziehen, stärker versperrt als
früher. Denn an welche Gruppe der Gutachten soll
sich jetzt der Nationalrat halten?
Was nun die Beantwortung der dem Sachverstän¬
digenkollegium vorgelegten Fragen selbst anbelangt,
so sind die Gutachter in einer Reihe von Details aller¬
dings einig geworden. In der Deutung dieser Details
gehen sie jedoch völlig auseinander. Die Einigung hat
sich noch zuletzt auf die Feststellung erstreckt, daß
während der Laufzeit der für die Elektrifizierung
nötigen Anleihe sich ein jährlicher Betriebskosten-
mehraufwand von 2,425.000 S zu ungunsten der
Elektrifizierung ergebe. Aber schon bei der Frage,
ob, wie die Mehrheit will, 1'5 Millionen Schilling für
unmeßbare Vorteile der Elektrifizierung von dieser
Summe abgezogen werden müssen, und gar erst bei
der Erwägung, wie das finanzielle Ergebnis sich
nach der Tilgung der Anleihe darstellen würde,
sind die Gutachten völlig auseinandergegangen. Die
einen behaupten, daß sich dann ein jährlicher Über¬
schuß von 8T Millionen zugunsten der
Elektrifizierung ergeben werde, während
die andern, also die Gruppe Reisch und Ge¬
nossen, erklären, daß eine Beurteilung der Ver¬
hältnisse nach 30 Jahren überhaupt unmöglich sei, ja
sogar infolge des ständigen Anwachsens der Schulden,
neuer Investitionen eventuell niedriger Kohlen- und
teurer Geldpreise sogar das Gegenteil eintreten
könnte.
        

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