Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1928 Heft 18 (18)

ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
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VI. JAHRGANG 15. SEPTEMBER 1928 HEFT 18
DER PARTEITAG
Von J. Hannak
In einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt tritt heuer
der Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie
zusammen. Der Generalangriff, den der Bürgerblock
mit der Einbringung der üesetzesvorlagen über den
Abbau des Mieterschutzes und über die Abgaben¬
teilung begonnen hat, soll schon am Beginn der
Herbstsession des Parlaments entscheidend verstärkt
werden und zu jenem Sieg der Reaktion führen, auf
den sie seit dem 15. Juli 1927 ebenso sehnsüchtig wie
vergeblich wartet. Diesen Plänen und Anschlägen
entgegenzutreten, die Abwehrrüstung für die große
Auseinandersetzung rechtzeitig bereitzustellen, ist die
Hauptaufgabe unseres diesmaligen Parteitages. Und
das erklärt auch schon, warum er diesmal sieben
Wochen früher einberufen wurde, als es sonst
üblich ist.
Die Parteitage der letzten .lahre haben sich fast
ausnahmslos alle mit Problemen zu beschäftigen ge¬
habt, die, wie sehr sie auch österreichische
Probleme waren, darüber hinaus noch viel weitere
Perspektiven eröffneten. Der Parteitag von 1922
etwa, der die Schicksalsentscheidung unserer Stel¬
lungnahme zur Genfer „Sanierung" zu fällen hatte,
war natürlich in allererster Linie eine österreichische
Angelegenheit; aber er wurde dennoch wegweisend
auch für die Haltung der sozialdemokratischen Par¬
teien anderer Länder, die alsbald auf dasselbe Pro¬
blem der Wiederherstellung der durch den Krieg und
die Revolution so stark erschüttert gewesenen kapita¬
listischen Vorherrschaft stießen. Kapitalistische „Sa¬
nierung", wir müssen sie erdulden, wir können sie
nicht hindern — aber niemals kapitalistische „Sanie¬
rung" unter proletarischer Mithilfe und Mitwirkung!
Die Arbeiterklasse der Länder, die sich an diese
Lehre des österreichischen Proletariats gehalten
haben, ist gut damit gefahren.
Oder der Parteitag von 1925, der das Agrar-
Programm schuf, dessen tragende Gedanken Ge¬
meingut der ganzen Internationale geworden sind.
Gar nicht zu reden von dem historischen L i n z e r
Parteitag 1926, der uns das neue Partei¬
programm geschenkt hat, eine Kundgebung, die
wahrlich nicht bloß für den beschränkten Raum Öster¬
reichs unvergängliche Bedeutung und Werbekraft
besitzt.
Und schließlich der Parteitag des Vorjahres, jene
von tiefster sittlicher Kraft und Leidenschaft erfüllte
Auseinandersetzung, die, indem sie berufen war, nach
der Katastrophe des 15. Juli die gesamte Nachkriegs¬
taktik der Partei zu überprüfen, zugleich auch zu
entscheiden hatte, ob ein Wandel, eine Revision der
bisherigen Taktik vonnöten sei. Auch das ein Er¬
eignis von überösterreichischem Rang, ein Ereignis,
auf dessen Ausgang die ganze Internationale mit
größter Spannung und Anteilnahme gewartet hat.
So große Fragen von europäischer Spannweite
stehen auf unserm heurigen Parteitag nicht zur Er¬
örterung. Es sind diesmal rein innerösterreichische
Angelegenheiten, die allerdings die Lebenskraft der
österreichischen Partei nicht weniger stark berühren
als die Probleme der vergangenen Parteitage. Das
Ringen um die Seele des Bauern, der programma¬
tische Weg zur Macht, die Frage der Beibehaltung
oder Änderung unserer bisherigen taktischen Grund¬
sätze—das waren alles Fragen, gestellt auf weite Sicht,
das sind geistige Schätze, deren Zinsen vielleicht erst
die nächste Generation genießen wird. Aber die Frage
des Mieterschutzes, die Frage der finanziellen Rüstung
der sozialdemokratischen Gemeinde Wien, das greift
unmittelbar ans Leben, das mögen keine welt¬
bewegenden Probleme sein, aber es sind partei¬
bewegende, parteierschütternde Probleme, die in
ihrer Nüchternheit und Unromantik manchem Schön¬
geist langweilig erscheinen werden, aber doch die
Grundpfeiler unserer Macht in Österreich sind.
. Wir meinen natürlich nicht das, was unsere Gegner
immer als den Hauptzweck unseres Kampfes um den
Mieterschutz ansehen, nämlich, daß wir einen immer
wirksamen „Wahlschlager" haben wollen. Es stünde
arm um die Zugkraft der sozialistischen Idee, der
doch in dem kleinen Österreich zwei Drittel Millionen
Menschen anhängen, wenn der Mieterschutz unser
einziges Werbemittel wäre. Nein, in einem ganz
andern Sinn ist der Mieterschutz eine Lebensfrage der
österreichischen Arbeiterklasse. Das, worum die
große Auseinandersetzung allüberall in der ganzen
Welt geht, das, was überall die Menschheit in zwei
große Lager spaltet, die Frage Kapitalismus oder
Sozialismus, sie wird nicht in Österreich, diesem ärm¬
sten und wirtschaftlich schwächsten Ohnmachts¬
gebilde der Nachkriegszeit, isoliert und für sich allein
gelöst werden. Wohl aber gibt dieses Österreich ein
bedeutendes Exempel gemeinwirtschaftlicher Praxis!
Das ist das Exempel unserer Gemeinde Wien.
        

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