Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1929 Heft 11 (11)

ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER UND FRANZ DOMES
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
VII. JAHRGANG 1. JUNI 1929 HEFT 11
ADOLF BRAUN f
Von Julius Grünwald
Ein Scherzwort, das seinerzeit, da Adolf
Braun in Wien tätig war, im Parteihaus auf¬
flatterte, um nicht mehr in Vergessenheit zu
kommen, wird mehr als die umfangreichsten Dar¬
legungen den Mann kennzeichnen: Daß er unter
der Druckerpresse der „Vorwärts"-Druckerei
sein ständiges Nachtlager aufgeschlagen habe,
um nicht nur zu jeder Tages-, sondern auch zu
jeder Nachtstunde in der Lage zu sein, einen
Artikel direkt in die Maschine zu diktieren.
Für manchen anderen mag dieses Scherzwort
einen Tadel bedeuten, da daraus die Meinung abzu¬
leiten ist, der Mann, dem es gelte, sei einer der
mehr lästigen als nützlichen Vielredner und Viel¬
schreiber, die keine Gelegenheit vorübergehen
lassen können, ohne ihr Sprüchlein dazu zu
sagen und für die jedes Weltgeschehen nur ein
Anlaß ist, um soundso viel Tinte und Drucker¬
schwärze und Redeschwall daran zu verwenden.
Wer aber Braun näher kannte, wird wissen,
daß dieses Scherzwort für ihn keinen Tadel,
sondern vielmehr das höchste Lob, das einem
Sozialdemokraten gezollt werden kann, be¬
deutete: Immer hilfsbereit, immer geneigt, dort,
wo er gerufen wurde, seine Kraft zur Verfügung
zu stellen und in der höchsten Pflichterfüllung
seinen Lohn zu finden.
Das kennzeichnete Braun. Es gibt wohl kein
Qebiet der vielgestaltigen Betätigung aktiver
Sozialdemokraten, dem er nicht sein Interesse
und seine Tatkraft zugewendet hätte. Mögen
jedoch andere an anderer Stelle die Tätigkeit
Brauns auf einzelnen dieser Gebiete schildern.
Jenem Zweig der Arbeiterbewegung, dem wir
zu dienen haben, wird Braun stets als einer der
führenden und erfolgreichst tätigen Männer in
Erinnerung bleiben. Sei es auf der Rednertribüne,
sei es auf der Lehrkanzel, sei es, worin seine be¬
sondere Stärke lag, mit der Feder: Immer und
überall stand er durch Jahre an geistig leitender
Stelle.
Doch wäre es falsch, etwa zu meinen, daß
diese alles umfassende Tätigkeit zur Verflachung
geführt und darum nur Selbstverständlichkeiten
produziert habe. Dem war durchaus nicht so.
Jede Rede, jeder Artikel Brauns zeigte von
gründlichstem Wissen, ließ das tiefe Schürfen er¬
kennen und bedeutete deshalb auch immer einen
Schritt weiter auf der Bahn der Klarstellung
dunkler und verworrener Erscheinungen im
Wirtschaftsleben. Deshalb war es auch nicht be¬
quem, einen Artikel von Braun zu lesen oder
einer Rede von ihm zu lauschen. Förmlich sug¬
gestiv zwangen seine Darlegungen zu tiefemNach¬
denken, und — was das höchste Lob des Lehrers
sein mag — zu erweitertem Interesse für den be¬
handelten Gegenstand. Wie schon gesagt: zu
Selbstverständlichkeiten, so wie sie manchmal
unter dem Deckmantel der strengsten Wissen¬
schaftlichkeit vorgetragen werden, ließ sich
Braun nie verleiten. Sein Vortrag, mag es nun
ein mündlicher oder ein schriftlicher gewesen
sein, bedeutete immer mehr als die tiefgründige
Weisheit, daß zwei mal zwei vier sei, die be¬
kanntlich keinerlei Widerspruch erregt...
Weil aber Braun in jeder seiner Reden oder
seiner Schriften nicht nur ein Redner oder ein
Schreiber, sondern auch ein Forscher war, der
immer seinen Weg unbekümmert um alle gegen¬
teiligen Anschauungen ging, geriet er, der Theo¬
retiker des Wirtschaftskampfes der Arbeiter¬
klasse, mit so manchem im Tageskampf sich Ab¬
mühendenmanchmal inWiderspruch. Und was nich t
verschwiegen werden soll: bei der Austragung
dieser für den Moment gegensätzlichen Anschau¬
ungen ging es nicht immer allzu höflich zu. So
platzten zuweilen die Meinungen in einer Form
aufeinander, die heute, da wir viel, viel „kultivier¬
ter" geworden sind, vielleicht gar zu einem Partei¬
gericht führen würde! Immer aber hatte jener,
der gerade mit Braun einen Meinungsstreit zu
führen hatte, die Überzeugung, es mit einem
Manne zu tun zu haben, dessen unendliches
Wissen und dessen gewaltige theoretische Er¬
fahrung die felsenfesten Grundlagen für den
praktischen Kampf bedeuteten. Durchaus nicht
zartnervig, viel eher rauhborstig, nie geneigt,
durch diplomatische Winkelzüge seine Meinung
zu umschleiern, sondern immer geradenwegs und
offen für diese seine Meinung kämpfend, war
        

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